Überwachung

„No Place to Hide“ – Rezension zum Buch von Glenn Greenwald

No_Place_to_Hide,_Edward_Snowden,_the_NSA,_and_the_U.S._Surveillance_State„Die globale Überwachung“ oder im Originaltitel „No Place to Hide“ heißt das neue Buch von Glenn Greenwald, das sich mit den NSA-Enthüllungen und deren Auswirkungen auf die Öffentlichkeit beschäftigt.  Wer wenn nicht Greenwald, der Journalist, der die ersten Dokumente von Edward Snowden an die Öffentlichkeit brachte, wäre prädestiniert dafür ein solches Buch zu schreiben?


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„Edward Snowden, the NSA, and the U.S. Surveillance State“ – der Untertitel legt es nahe: Der Inhalt von Greenwalds Veröffentlichung lässt sich in drei Bereiche unterteilen: Einer, der sich mit Greenwalds Kontaktaufnahme mit Snowden beschäftigt, einer, der sich noch einmal mit einigen ausgewählten NSA-Dokumenten beschäftigt und einer, der die Bedeutung der Enthüllungen für die Gesellschaft und vor allem auch den Journalismus reflektiert. Dreigeteilt ist ebenso meine subjektive Einschätzung, wobei ich eine gewisse Voreingenommenheit nicht leugnen kann.

Wer sich im letzten Jahr beinahe täglich mit den NSA-Enthüllungen beschäftigt hat und sich durch große Mengen Sekundärliteratur und Kommentare gearbeitet hat, für den ist der Mittelteil von Greenwalds Werk zu großen Teilen eine Wiederholung und an einigen Stellen ermüdend. Zu oft gesehen sind die abgedruckten Folien von Programmen wie PRISM und XKeyscore und man fühlt sich leicht in Versuchung gebracht, ab und an ein paar Seiten bekannter Ausführungen zu überspringen. Und die Neuenthüllungen, mit denen „No Place to Hide“ aufwartet, wie beispielsweise die, dass die NSA Hardware auf dem Postweg abfängt, um Spähtechnik zu implantieren, zeigen zwar neue Aspekte einer pervertierten Überwachungsmaschinerie und ergänzen deren Bild, aber die große Überraschung, die zum aufmerksamen Lesen motivieren könnte, bleibt aus.

Klar ist aber, dass die Übersicht, die Greenwald hier über die wichtigsten Bausteine der NSA-Enthüllungen gibt, in der Zukunft ein nützliches Nachschlagewerk sein kann, ebenso wie die ähnlich geartete Zusammenstellung und die Einordnungen im Buch „Der NSA-Komplex“ von den Spiegel-Autoren Marcel Rosenbach und Holger Stark, das ähnliches versucht und bewältigt. 

Greenwalds Bewertung, die seiner Zusammenfassung nachgestellt ist, betont nachdrücklich den Schaden, den grenzenlose Überwachung und deren Rechtfertigung durch den Kampf gegen Terror und andere Gefahren der Gesellschaft zufügt:

Forgoing privacy in a quest for absolute safety is as harmful to a healthy psyche and life of an individual as it is to a healthy political culture. For the individual, safety first means a life of paralysis and fear, never entering a car or airplane, never engaging in an activity that entails risk, never weighing quality of life over quantity, and paying any price to avoid danger.

Neben der Kritik an der so gearteten Einschränkung einer freiheitlichen Demokratie durch das Schüren einer abstrakten Angst, mit der man die Bevölkerung klein hält, bezieht sich der zweite große Teil von Greenwalds Kritik auf die Rolle und das Verhalten der Medien im  NSA-Skandal. Er mahnt an, dass die amerikanischen Journalisten sich der Regierung zu gefügig zeigen und Nachrichten zurückhalten, entschärfen oder gegen kritische Berichterstattung wettern. Er nennt insbesondere die New York Times und Daily News dafür, dass sie ihn persönlich angriffen und ihm in einer „Schmierenkampagne“ seine Berechtigung als Journalisten absprechen wollten.

Passenderweise war es da auch die New York Times, die eine Rezension von Michael Kinsley zu Greenwalds Buch veröffentlichte, in der er Greenwald als „selbstgerechten Miesepeter“ und „skrupellosen Revoluzzer – wie Robespierre oder Trotzky“ und Snowden als „politischen Romantiker mit  der süßen, unschuldig verschwörerischen Weltsicht eines frühreifen Teenagers“ bezeichnete. Dass er Greenwalds Aussagen damit nur noch mehr Nachdruck verleiht, stellt dieser in seiner Antwort auf The Intercept selbst am besten dar.

Do I need to continue to participate in the debate over whether many U.S. journalists are pitifully obeisant to the U.S. government? Did they not just resolve that debate for me? What better evidence can that argument find than multiple influential American journalists standing up and cheering while a fellow journalist is given space in The New York Times to argue that those who publish information against the government’s wishes are not only acting immorally but criminally?

Die Washington Post, ein weiteres zentrales Ziel von Greenwalds Kritik, rügt er vorwiegend aufgrund ihrer Veröffentlichungs- und Redaktionspraktiken, die sich der Regierung entgegenkommend zeigen und sich im Zweifel gegen die Publikation brisanter Informationen gewandt haben, andere verurteilt er für ihre explizite Diskreditierung Snowdens als Verräter und Kriminellen. Er appelliert an den „fourth estate“, die Macht der Medien, eine Opposition zu den Mächtigen zu bilden und zu verhindern, dass sie im Verborgenen unkontrolliert ihre Macht missbrauchen können anstatt durch vermeintlich „objektive Berichterstattung“ zu Komplizen der Intransparenz zu werden.

Greenwalds Angriff auf ein solches System, in dem Journalisten sich als Kriminelle behandeln lassen müssen, sobald sie als Aktivisten wahrgenommen werden, trifft an vielen Punkten ins Schwarze. Doch die Verurteilung der Publikationspraxis von anderen wirkt bisweilen anmaßend. Und sie macht angreifbar. Denn eine moralische Hoheit über Redaktionsentscheidungen bei der Veröffentlichung der Snowden-Dokumente ist kaum zu meistern, so wurde erst letzte Woche Greenwald selbst zum Mittelpunkt von Kritik, da er die Identifikation des Landes, das neben den Bahamas von der NSA totalüberwacht wird, zurückhielt und in Absprache mit der US-Regierung Stellen schwärzte, an denen deutlich wurde, dass es sich um Afghanistan handelte.

Nun zum letzten Teil der Rezension und zum ersten Teil des Buches: Der Kontaktaufnahme mit Edward Snowden bis zur Veröffentlichung der ersten Stories um PRISM und Tempora. Wüsste man nicht, dass es sich um eine wahre Erzählung mit realen Menschen handelte, der Stoff würde gut für einen Agententhriller taugen und der Titel des zweiten Kapitels „Ten Days in Hong Kong“ würde dazu gleich einen passenden Titel liefern. Auch wenn man weiß, wie die Geschichte ausgeht, man will Glenn Greenwald am liebsten schütteln und beinahe anschreien, wenn er berichtet, dass die Kontaktaufnahme mit Snowden sich über mehrere Monate verzögerte, weil er es immer wieder versäumte, Software zur PGP-Verschlüsselung zu installieren, auch nachdem Snowden ihm unter dem Pseudonym „Cincinnatus“ ein zehnminütiges Videotutorial mit dem Titel „PGP for Journalists“ zuschickte.

Mit dem Auftreten der befreundeten Dokumentarfilmerin Laura Poitras kann der Leser wieder Hoffnung schöpfen, da sie als Mittlerin auftritt, die eine Kontaktaufnahme über Bande dennoch möglich macht, doch es treten weitere Unwägbarkeiten in Erscheinung. Handys in Kühlschränken, ein Rubik’s Cube als konspiratives Erkennungszeichen, Edward Snowden, der seit Wochen sein Hotelzimmer nicht mehr verlassen hat und zuletzt noch das zeitliche „Rennen“ gegen die Washington Post, die ebenso wie Greenwald an der Veröffentlichung von PRISM-Dokumenten arbeitet, machen die Anspannung komplett, deren Auflösung keine ist, da sie erst den Auftakt für eine Reihe schockierender Enthüllungen darstellt, die bis heute anhalten.

Allein, um diese ersten beiden Kapitel zu lesen lohnt es, sich das Buch zuzulegen, auch wenn man die Lektüre der erneuten Zusammenfassung der NSA-Enthüllungen vielleicht lieber auf einen späteren Zeitpunkt verschieben mag. Denn eines stellt es in seiner Gänze sicherlich dar: Ein historisches Dokument, das man in einigen Jahren seinen Kindern an die Hand geben können wird, damit sie verstehen, wie übermächtige staatliche Institutionen durch unkontrollierte Überwachung die Freiheit gefährden und wie wenige Menschen durch ihren Mut dafür sorgen können, der Gesellschaft diese Ausuferungen bewusst zu machen, damit sich etwas ändern kann, auch wenn die Gegenseite übermächtig erscheint:

[…] it is human beings collectively, not a small number of elites working in secret, who can decide what kind of world we want to live in. Promoting the human capacity to reason and make decisions: that is the purpose of whistle-blowing, of activism, of political journalism. And that’s what is happening now, thanks to the revelations brought about by Edward Snowden.

Zu kaufen gibt es das Buch als Totholz-Ausgabe für 19,99 € (de/en) oder elektronisch für 17,99 € (de/en).

Empfehlung am Rande: Wenn möglich, sollte man „No Place to Hide“ in der englischsprachigen Fassung lesen. Die Übersetzung der abgedruckten Dokumente ins Deutsche trübt den Lesefluss und ist bisweilen recht sperrig.

5 Kommentare
  1. Greenwalds Angriff auf ein solches System, in dem Journalisten sich als Kriminelle behandeln lassen müssen, sobald sie als Aktivisten wahrgenommen werden, trifft an vielen Punkten ins Schwarze.

    Es kann sein, dass das der Übersetzung geschuldet ist (ich kenne nur die deutsche Version): Ich habe die Passage so in Erinnerung, dass die Gegner (gerade aus dem Medien-Umfeld) ihn zur Abgrenzung gezielt als „Aktivisten“ dargestellt haben, um ihm den Status eines Journalisten abzuerkennen. Durch die Unterstellung, er sei kein Journalist, war es dann einfacher, ihn in eine unehrenhafte und kriminelle Ecke zu stellen und zu diffamieren. Zudem wird er dadurch in der Öffentlichkeit als juristisch angreifbar dargestellt.

    Und das ganze mit dem Ziel, die Solidarisierung der Masse mit Snowden und Greenwald zu unterbinden: Niemand sollte mit einem vermeintlichen Straftäter, Vaterlandsverräter und Sonderling sympathisieren.

    IMO war im Buch eine etwas andere Intonation als hier im Artikel.

  2. Stimmt. Wer aber die Berichte zur Staatlichen Überwachung nicht verfolgt hat – aus welchem Grund auch immer – erhält in diesem Buch einen kurzen einblick in die Praktiken. Das wichtigste – meiner ansicht nach – ist das viele Menschen dieses Buch lesen die sich sonst nicht für Netzpolitik intersessieren. Viele „ältere“ Menschen (unsere Eltern) zum beispiel.

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