In einem Prozess wollen wir mit Euch unser kleines Blog weiterentwickeln. Nach Beiträgen darüber, wer uns liest, wer wir sind, wie wir aussehen könnten, welche alten und neue Formate möglich sind sowie was das kostet und einbringt, kommen wir heute zur Frage, ob Crowdfunding machbar wäre und wenn ja, wie.
Als eine mögliche Option zum weiteren Ausbau und zur Refinanzierung dieses Blogs wurde uns immer wieder Crowdfunding genannt. Wir haben das mal mit langjährigen Wegbegleitern theoretisch durchgespielt. Bei journalistischen Inhalten funktioniert es leider noch nicht so stark wie z.B. bei Konsumprodukten, bei denen man tatsächlich bei einem Crowdfunding-Erfolg etwas in die Hand bekommt. Bei uns bekäme man eher was virtuelles in Form von mehr Inhalten.
Aber gehen wir das mal durch: Sagen wir, jede 30 Stunden Redakteurs-Stelle kostet rund 30.000 Euro/Jahr (zumindest bei unseren Fast-Selbstausbeuter-Gehältern). Wäre es realistisch, dass wir über Crowdfunding eine oder zwei Stellen finanzieren könnten? (Also ohne aktuelle skurrile Abmahnung, wogegen immer sofort und viel gespendet wird?) Wenn man das weiter verfolgen würde, käme man vor allem zu zwei Optionen.
Förderverein oder Crowdfunding-Plattform?
Beides hat Vor- und Nachteile. Ein Förderverein klingt langweilig und altbacken, aber läuft länger als eine bestimmte Aktion. Sollte ein Förderverein auch noch als gemeinnützig anerkannt werden, gäbe es Steuererleichterungen für Spender. Ein Förderverein bedeutet aber mehr Verwaltungsaufwand gegenüber einer Plattform. Man könnte auch freiwillige Abo-Modell einführen wie „Mit X Euro im Monat finanzierst Du die Weiterentwicklung von netzpolitik.org“, was auch in unserer Diskussion über Finanzierungsmöglichkeiten am häufigsten vorgeschlagen wurde. Was bei einem Förderverein noch unberücksichtigt bliebe ist die Finanztransaktion. Überweisung und Bankeinzug gehen einfach, für alles andere braucht man wiederum einen Dienstleister, der auch wieder einen Teil vom Kuchen abhaben will. Flattr nimmt 10%, Paypal X% und Kreditkarten auch X%.
Der Vorteil einer Plattform (von denen es ja mehrere gibt) liegt erstmal am Zeitgeist – das wirkt irgendwie sexy. Nicht unterschätzen sollte man, dass eine Plattform den gesamten Bezahlvorgang über mehrere Wege und die Abwicklung des dazugehörigen Verwaltungsaufwands bereitstellt. Dazu gibt es einen klar umrissenen Zeitraum, der für zeitliche begrenzte Mobilisierungs-Werbekampagnen genutzt werden kann.
Jedoch fallen wahrscheinlich noch Steuern an, hinzu kommen in der Regel noch Transaktionskosten, für die die vermittelnde Plattform auch noch etwas haben möchte. Steigt man mit zu hohen Erwartungen ein und erreicht das Ziel nicht, scheitert die Aktion. Steigt man zu niedrig ein, wird suggeriert, dass nur wenig Geld benötigt wird. Wichtig sind häufig auch die Pakete, die man schnüren könnte. Wie gesagt, bei Konsumprodukten geht das sicher einfacher als bei einem journalistischem Blog. Für Produkt X gibt bei ersterem mehr Features, je mehr man investiert.
Frage: Wie könnten bei uns solche Pakete aussehen? Und sind 30.000 Euro überhaupt realistisch, um diese über eine Plattform für unseren Zweck zu sammeln?
Sollte man Förderverein und Crowdfunding-Plattform kombinieren?
Eine Möglichkeit könnte die Kombination beider Modelle sein. Also einerseits den Förderverein gründen und darüber eine freiwillige monatliche Abomöglichkeit mit Konto und Kontonummer anbieten. Die Ein- und Ausgaben dieses Vereins könnte man transparent kommunizieren und so zusätzlich zu Flattr einen kontinuierlichen Spendenfluss haben.
Und andererseits beispielsweise einmal im Jahr für eine neu zu schaffende Redakteursstelle einen Monat lang auf einer Crowdfunding-Plattform konzentriert mit einer Kampagne Geld sammeln, ähnlich wie es die Wikipedia Ende des Jahres immer macht. Welche Plattform man nimmt, ist dabei offen. Es gibt einige, die jeweils bestimmte Vor- und Nachteile haben. Das könnte nochmal in einem gesonderten Blogpost diskutiert werden.
Lieber Crowdfunding als Sponsored Posts!
Ihr lest wahrscheinlich heraus, dass mehr Crowdfunding wagen tatsächlich eine unserer bevorzugten Optionen, zumindest gegenüber Alternativen wie Sponsored Posts oder viel mehr aufdringlicher Werbung ist. Auch wenn wir noch eher zurückhaltend skeptisch sind, ob das tatsächlich ausreichend Einnahmen bringen würde (für eine weitere Redaktionsstelle, zum Beispiel).
Über Zahlungswege werden wir uns auch noch Gedanken machen, die hatten wir in unserer Leserinnenumfrage auch abgefragt. Das ist aber komplexer als man denkt. Zumindest, wenn man eine warnende Buchhaltung im Nacken hat, die keinerlei Lust auf Chaos und unnötigen Stress hat. Was auch gut ist. Insofern ist Bitcoin bei uns erstmal rausgeflogen. Bitcoin ist zu wenig verbreitet und der Aufwand, das buchhalterisch ordentlich zu verrechnen dürfte höher sein als die Einnahmen. Flattr haben wir. Konto und Paypal, was damit verbunden wäre, werden kommen. Wir werden die Idee eines Fördervereins nochmal überdenken, denn dort könnte ein Konto angesiedelt werden. Das ist etwas komplexer, wenn man einen Verein hat, dessen Ziel es ist, ein Medium zu unterstützen, was bei einem Unternehmen angesiedelt ist. Und wir wollen das schließlich alles korrekt machen. Eine Amazon-Wunschliste gibt es übrigens auch! Da hat aber noch nie jemand was drüber verschenkt. Scheint in unserem Fall nicht zu funktionieren.
Es gibt ja auch noch einige Knackpunkte: Einige werden sagen, solange Werbung und damit verbundenes Tracking hier zu sehen ist, werden sie nichts bezahlen. Der US-Blogger Andrew Sullivan ist ja die Tage mit einem Crowdfunding-Paywall-Modell gestartet, das explizit werbefrei sein soll. Wir werden aber aus pragmatischen Gründen nicht auf Werbung verzichten, weil diese uns momentan einfach rund 50.000 Euro im Jahr an Einnahmen bringt. Insofern wäre ein Versprechen, dass wir auf Werbung verzichten, nur sinnvoll, wenn ein viel höherer Betrag durch Crowdfunding reinkommen würde. Man könnte natürlich sagen: Wenn X Euro per Crowdfunding reinkommen, verzichten wir mit einer Übergangsfrist auf Werbung. Aber was ist die X Euro Grenze?
Wir freuen uns über Feedback und werden Euch über weitere Schritte auf dem Laufenden halten. Und wir würden uns freuen, wenn Ihr uns im weiteren Prozess unterstützt. Sei es durch Feedback, sei es bei der möglichen Entwicklung einer Crowdfunding-Kampagne oder zum Schluß durch eine finanzielle Unterstützung.
Die Herausforderung ist ja zu beweisen, dass in Deutschland auch über Crowdfunding reiner Onlinejournalismus mit einer eindeutigen Haltung finanziert werden kann. Kann man mal ausprobieren. Seid Ihr dabei?

