Unser Blog soll schöner werden (V): Finanzierung

In einem Prozess wollen wir mit Euch unser kleines Blog weiterentwickeln. Nach Beiträgen darüber, wer uns liest, wer wir sind, wie wir aussehen könnten und welche alten und neue Formate möglich sind, kommen wir heute zu Fragen der Refinanzierung.

Als Blogger wird man reich und schön!?

Das mag theoretisch im Rahmen des Möglichen liegen, aber zumindest nicht als Netzpolitik-Blogger. Die Themen, womit man als Blogger Geld verdienen kann, sind in der Regel die unpolitischsten. Mode, Unterhaltung, Gadgets, alles rund um Konsum. Es gibt auch Gründe, warum Anzeigen bei klassischen Medien ungern auf den Politik-Seiten gebucht werden.

Wir haben mal Kassensturz gemacht und geschaut, was dieses Blog monatlich an Einnahmen und Ausgaben hat und welche Optionen es geben könnte, um mehr Redaktionskapazitäten zu schaffen. Dieser Artikel ist etwas länger, weil verschiedene Optionen mit Vor- und Nachteilen diskutiert werden. Wir hoffen trotzdem, dass viele ihn lesen, uns Feedback geben und uns in einer Entscheidungsfindung unterstützen. Weil Ihr als Leserinnen und Leser genauso dieses Blog seid wie wir Schreibenden.

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Unsere derzeitigen monatlichen Ausgaben

Und was kostet das hier jetzt? 3/4 meiner Vollzeitstelle, die 30 Stunden Stelle von Andre, ein Praktikumsplatz, einfach mal Administration als Minijob quergerechnet und dann noch etwas Buchhaltung dazu und wir kommen auf 5200 Euro Arbeitgeberbrutto. Ihr merkt schon, reich wird man mit dem Netzpolitik-Bloggen nicht. Aber wenn wir reich werden wollten, würden wir ganz andere Sachen machen. Das ist noch nicht alles: Eine Redaktion braucht natürlich Infrastruktur wie Arbeitsplätze, Telefon, Server, Rechner und Aufnahmetechnik, sowie etwas Reisekosten. Da kommen monatlich weitere rund 1200 Euro dazu. Sparsam gerechnet.

Update: Monatlich sind mittlerweile 500 Euro an Anwaltskosten und Rechnungen für Informationsfreiheitsanfragen dazu gekommen. Tendenz steigend.

Macht insgesamt 6400 6900 Euro Ausgaben im Monat.

Unsere derzeitigen Einnahmen

Wir haben derzeit vier Einnahmequellen: Werbung ist davon die größte. Zeit.de vermarktet Anzeigenflächen auf diesem Blog (redaktionell sind wir vollkommen unabhängig von Zeit.de), dazu haben wir noch das Freie Software Unternehmen Tarent als Sponsor, die eine Anzeigenfläche gebucht haben. Die Werbe-Einnahmen aus diesen beiden Quellen belaufen sich auf rund 4165 Euro (inkl MwSt). (Update: Der Sponsor hat sich das leider anders überlegt, wir suchen aber jemand neues. Bis dahin haben wir aber nur 2600 Euro inkl. MwSt durch die Zeit-Vermarktung). Mikropayment via Flattr bringt rund 350 Euro durchschnittlich rein (inkl. MwSt). Ab und an rezensieren wir Bücher und verwenden einen Affiliate-Link zu Amazon. Darüber kommen rund 50 Euro (inkl. MwSt) dazu. Und dann gibt es noch den Werbeeffekte, der wiederum zu Vortragseinladungen oder Gastbeiträgen führt, was rund 600 Euro/Monat einbringt (Tendenz steigend, aber es gibt auch Sommermonate, wo einfach keine Veranstaltungen stattfinden und keine Gastbeiträge geschrieben werden).

Die Einnahmen belaufen sich derzeit auf rund 5165 3510 Euro, zieht man 19% MwSt ab, bleiben davon 2950 Euro bei uns.

Preisfrage: Wie können wir die Einnahmeseite steigern?

Wie Ihr vielleicht schon im Kopf mitgerechnet habt, macht unser kleines Blog ein monatliches Minus von rund 2200 3950 Euro. Und da schreiben schon einige Autoren ohne Gehalt, wenn sie Zeit und Lust haben, obwohl wir sie gerne auch dafür entlohnen können würden. Das alles wäre ohne die Querfinanzierung durch newthinking nicht zu bewältigen. Oder mit anderen Worten: netzpolitik.org könnte ohne newthinking derzeit überhaupt nicht funktionieren. Es gibt viele Optionen, die Einnahmeseite zu steigern, um auch mal schwarze Zahlen zu schreiben und/oder die Redaktion auszubauen. Nicht jede davon gefällt uns, aber wir listen dennoch alle auf, die uns eingefallen sind.

Mehr Werbung verkaufen?

Die offensichtlichste Möglichkeit ist natürlich, mehr Werbefläche zu verkaufen. Allerdings ist unklar, ob das so skaliert. Einerseits ist ein netzpolitisches Umfeld mit eindeutiger Haltung vielleicht nicht gerade das attraktivste Umfeld für Marken. Zumindest werden wir oder Zeit.de nicht gerade mit Anfragen überrannt (um es mal positiv auszudrücken). Andererseits nutzt bis zu 40% unserer Leserinnen und Leser unseren Full-RSS-Feed (ohne Werbung) und der Großteil der Leserschaft nutzt Adblocker und/oder Anti-Tracking-Tools. Selbst wenn jetzt die Werbeflächen ausgebucht wären, würde sie nur ein kleiner Teil überhaupt sehen. Nun könntet Ihr alle Euren Adblocker so konfigurieren, dass Ihr hier Werbung sehr und wir dadurch mehr Einnahmen hätten. Aber dann bräuchte man immer noch mehr Werbekunden. Eine weitere Möglichkeit wäre es, den RSS-Feed zu kürzen, um alle auf die Seite zu locken. Bringt mehr Visits für uns und mehr Medienwechsel für RSS-Leser. Aber ob dann wegen der Blocker mehr Ads ausgeliefert werden, ist unklar. Und außerdem lesen wir auch gerne Full-Feeds. Vielleicht machen wir einfach mal eine extra Werbefläche im RSS-Feed?

Eine einfache Möglichkeit wären Pagelinks an SEO-Buden zu verkaufen. Die rennen uns die Bude ein. Darüber könnten 300 Euro/Monat/Link reinkommen. Aber wir mögen diese Praxis nicht und Google wertet sowas auch ab und dann hat man eher Nachteile dadurch. Fällt also als Option raus.

Dann gibts noch Google-Adsense. Ich hab noch nie verstanden, warum da Menschen draufklicken, wahrscheinlich am häufigsten aus Versehen. Wir halten unsere Leserinnen und Leser aber für so intelligent, dass das nicht passiert. Und finden dann den Deal, dass hässliche Werbung immer eingeblendet, aber Geld nur beim versehentlichen Klicken bezahlt wird, für nicht akzeptabel.

Mehr geflattrt werden?

Mikropayment via Flattr mag für (einige) Podcaster super funktionieren, bei uns kommen aber nur rund 350 Euro durchschnittlich rein (inkl. MwSt). Wir möchten uns aber ausdrücklich bei allen bedanken, die uns flattrn. Das bestärkt einen immer und freut zudem. Dies sind nur leider nicht viele und die Einnahmen dadurch refinanzieren gerade mal einen Praktikumsplatz. Es ist schon manchmal sehr ernüchternd, wenn man sehr lange an einer guten Geschichte arbeitet, diese viel verlinkt und gelesen wird und dann nur eine handvoll Flattr-Klicks dafür reinkommen, womit wir nicht einmal ein Mittagessen finanzieren können. Wenn überhaupt, der durchschnittliche Beitrag erhält weniger als fünf Flattrs. Was immer gut geht sind die berühmten Politiker-Fettnäpfchen, also ein blöder Spruch zum Netz, der uns wenig Arbeit macht, über den man kurz lachen kann und der dann gerne aus Entertainment-Gründen geflattrt wird. Damit könnte man dann auch mal als Redaktion gemeinsam Essen gehen (zu günstigen Berliner Mittagstischkonditionen ohne Getränke).

Es ist schon ein wenig frustrierend, dass dieses Modell zumindest hier so nicht funktioniert. Das liegt vielleicht an der Bequemlichkeit, nicht für jeden gelesenen und für gut gefundenen Beitrag auch einen Klick zu schenken, vielleicht ist Flattr einfach nur was für Podcaster und nichts für Texte, vielleicht gibt es aber auch nicht soviele Flattr-Nutzer unter unseren Leserinnen und Lesern?

Mehr Sponsoren suchen?

Eine weitere Variante wäre es, zusätzliche Sponsoren zu finden. Warum nicht mal eine Versicherung oder einen Baumarkt als Sponsor suchen, wie es andere Blogger machen? Und die dann auch ab und an in einem Gastbeitrag über ihre Angebote bloggen dürfen? Wir könnten auch Autos oder Hotels testen. Erste Anfragen in diese Richtung gab es in den vergangenen Jahren, aber irgendwie fühlt sich sowas nicht gut für uns an. Wir sagen zwar nicht konsequent Nein zu einer solchen Option, aber sie steht auf unserer Wunschliste eher hinten. Glücklich sind wir hingegen mit unserer Kooperation mit Tarent. Das Freie Software Unternehmen aus Bonn hat hier einen Bannerplatz gebucht und unterstützt damit unsere Arbeit, ohne uns in die Redaktion reinreden zu wollen. Dafür möchten wir uns bedanken, denn erst so konnten wir das Risiko eingehen, eine zusätzliche Stelle neben meiner zu finanzieren. Und wenn Ihr Jobs im Freie Software – Umfeld sucht, schaut mal bei Tarent vorbei. (Update: Mittlerweile wurde leider der Vertrag gekündigt.)

Natürlich könnte man sich auch einen Thematisch-affinen Konzern wie Google als Sponsor suchen, aber dann würden sich, abgesehen von unseren Bedenken, vor allem die ganzen Medien aufregen und uns wegen Befangenheit kritisieren, die keine Probleme damit haben, dass Google bei ihnen regelmäßig ganzseitige Anzeigen bucht.

Ein Problem besteht wohl immer: Wenn man einen Sponsor hat, wird regelmäßig unterstellt, der oder die würden reinreden. Wir haben ja auch jetzt schon ab und an Spinner in den Kommentaren, die uns z.B. Bilderberg-Verbindungen vorwerfen, weil Zeit-Online uns vermarktet (nicht mal Sponsor ist), ein Redakteur der Print-Zeit wohl mal auf einem Bilderberg-Treffen war und wir ja deswegen damit verbandelt wären. Da kann man zwar kurz drüber lachen, es nervt aber auch und hält einen von der Arbeit ab.

Was man zusätzlich bedenken sollte: Wir haben uns explizit mit Zeit.de einen externen Vermarkter gesucht, damit wir nicht selbst Anzeigen verkaufen müssen. Und damit eine klare Trennung von Redaktion und Werbung zu haben und nicht ständig als Anzeigenverkäufer auftreten zu müssen. Daher: Wer Werbung bei uns schalten will, findet hier alle notwendigen Kontakt-Infos.

Mehr Affiliate-Gedöns?

Wir könnten über Smartphones, Waschmaschinen oder neueste sonstige Gadgets bloggen, die wir privat nutzen oder nutzen wollen, sie empfehlen, sie zerreissen – aber immer darauf achten, dass ein Link auf Amazon oder sonstwas gesetzt wird. Um eine kleine Provision pro Verkauf zu erhalten. Thematisch ist das aber in der Regel etwas zu sehr um die Ecke gedacht und wir wollen hier auch nicht als Dauerwerbesendung für einen Affiliate-Partner auftreten. Sowas nutzen wir ab und an, wenn wir eh Bücher rezensieren. Sonst macht das für uns und Euch keinen großen Sinn. Wir wollen über Netzpolitik berichten.

Woanders schreiben?

Wir bekommen regelmäßig Anfragen, Gastbeiträge für andere On- wie Offline-Publikationen zu schreiben. Das bringt tatsächlich mehr Geld als hier zu bloggen. Aber mit dem Nachteil, dass man dann hier weniger Zeit fürs Bloggen hat. Also ist das nicht wirklich skalierbar, wenn wir ab jetzt zur Refinanzierung unserer Redaktion mehr Gastbeiträge woanders schreiben würden. Das wäre kaum dem Ziel dienlich, hier mehr Ressourcen zur Verfügung zu haben. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, wenn ein Thema reizt und/oder die Bezahlung gut ist. Wir verstehen uns aber nicht als Redaktionsbüro, das Texte nach Auftrag schreibt, sondern als eigenes Medium.

Woanders weiterbloggen?

Es gab in den letzten Jahren einige Anfragen, ob ich oder wir uns auch vorstellen könnten, woanders unter dem Dach einer Medienmarke weiter zu schreiben. Das war teilweise finanziell interessanter als hier zu bloggen. Aber trotzdem war nichts überzeugendes dabei. Das liegt auch daran, dass wir gerne ohne letzte Instanz bloggen, der oder die uns Vorgaben machen könnte und wir weniger mit Verlagspolitik zu tun haben wollen. Wo man dann mitunter auch schnell wieder vor die Tür gesetzt werden kann. Und sonst auch wieder das Gastbeitrags-Problem haben. Also lieber unabhängig bleiben und das eigene Ding weiter aufbauen wollen. Was aber nicht heißt, dass das keine Option sein könnte. Vielleicht kam bisher auch nur nicht das richtige finanzielle und attraktive Angebot?

Die Zukunft liegt hinter der Paywall?

Viele träumen ja jetzt von einer Paywall und dass damit endlich der Journalismus refinanziert werden kann. Ich bin da noch nicht so ganz überzeugt. Vor allem ist das für uns keine Option. Unser Ziel ist es, hier für eine bessere Netzpolitik und den Ausbau von Grundrechten zu werben. Und damit wollen wir möglichst viele Menschen erreichen, informieren und überzeugen. Auch die ohne Geld.

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Einfach mal Crowdfunding wagen?

Groß im Kommen soll ja Crowdfunding sein, wie wir immer wieder lesen. Das könnte tatsächlich ein Modell sein, bei dem man nicht auf mehr Werbebanner und noch mehr Tracking setzen müsste, sondern Mehrausgaben durch unsere Leser-Community querfinanzieren könnte. Bisher waren wir immer etwas zurückhaltend mit dieser Option, vielleicht auch durch die Angst, dass das als Experiment scheitern könnte und unsere Leserschaft nicht interessiert daran ist, unsere Arbeit durch Spenden ausreichend zu unterstützen. Unsere Flattr-Einnahmen sind ja auch eher ein Grund zur Ernüchterung, obwohl wir in den letzten Jahren vielfach das Angebot bekamen, durch Spenden unterstützt zu werden. Was uns immer freute. Aber bei einer möglichen konkreten Umsetzung stellen sich viele Fragen: Gründet man einen Förderverein oder startet eine Crowdfunding-Runde auf einer Plattform? Oder machen wir beides? Das könnte also eine Option sein, die wir aber nochmal in einem eigenen Posting beschreiben, bevor dieser Artikel noch länger wird.

Weitere Einnahmequellen erschließen?

Mit unserem Know-How könnten wir auch mehr Dienstleistungen anbieten, von thematischen Workshops bis hin zur Erstellung thematischer Broschüren für andere Organisationen. Doch solche Dienstleistungen bietet newthinking an und dafür gibt es andere Mitarbeiter im Unternehmen. Das führt zumindest bei Andre und mir aber ebenso bei der Gastbeitrags-Frage dazu, dass wir weniger Zeit hätten, dieses Blog zu befüllen – dafür aber gerne mehr Zeit hätten. Und mehr redaktionelle Unterstützung dabei, um auch mehr umsetzen zu können. Mehr eigene thematische Bücher publizieren und verkaufen könnte mittelfristig eine zusätzliche Erlösquelle sein. Oder eine monatliche Zusammenfassung der wichtigsten Themen als eBook für wenige Euro. Aber auch das kostet Zeit und im Moment ist die Leserschaft mit eBook-Readern noch nicht so stark, wie sie wohl mal sein wird.

Aber was sind eure Meinungen und Ideen zu diesen verschiedenen Optionen? Wie können wir es schaffen, die Redaktion mehr auszubauen und das auch zu finanzieren? Was ratet ihr uns?

178 Kommentare
  1. Rudi Riester 10. Jan 2013 @ 7:58
    • Peter Demel 27. Mai 2013 @ 11:37
  2. Ein Mensch 10. Jan 2013 @ 9:49
      • Ulrich Möbius 10. Jan 2013 @ 22:57
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