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Deutsche Digitale Bibliothek: Kulturstaatsminister Neumann kauft digitale Wasserzeichen für 100.000 Euro

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat einhunderttausend Euro für eine Software für digitale Wasserzeichen ausgegeben. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage hervor, die wir veröffentlichen. Damit sollen Inhalte der „deutschen Alternative zu Google Books“, der Deutschen Digitalen Bibliothek, vor Urheberrechtsverletzungen geschützt werden.

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Im Februar antwortete die Bundesregierung auf eine Frage der Linkspartei zu Lizenzeinnahmen aus urheberrechtlich geschützten Werken des Bundes. Darin stehen lustige Zahlen, wie viel Geld die Bundesbehörden durch Lizenzen einnehmen. Ebenfalls berichtete die Regierung erstmals, für 100.000 Euro eine „Software zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“ entwickeln zu lassen.

Dazu hat die Linksfraktion mit einer neuen kleinen Anfrage nachgehakt, die wir an dieser Stelle veröffentlichen: Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen bei Werken des Bundes (PDF).

Auftraggeber für diese Software ist demnach der Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann. Die Entwicklung der Software erfolgt durch das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT), die mit SitMark Image breits eine solche Software hat und damit „digitale Mediendaten“ gegen „Piraten“ schützt:

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Die „Neuentwicklung“ (es ist wohl nur eine Implementierung von SitMark Image) war notwendig, weil es laut Bundesregierung keine handelsübliche Software für diesen Zweck gibt. Die Programmierung der Software ist bereits abgeschlossen, derzeit wird sie in der Deutschen Digitalen Bibliothek implementiert, die seit Ende November im Beta-Betrieb online ist.

Die Frage nach dem Funktionsumfang der Software beantwortet die Bundesregierung nur ausweichend:

Der Einsatz von Wasserzeichen kann dazu beitragen, eine missbräuchliche Verwendung von Digitalisaten zu verhindern. Derzeit verwenden Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen sichtbare Wasserzeichen, um Missbräuche bei der Überlassung von urheberrechtlich geschützten Digitalisaten an gewerblich nutzende Dritte zu verhindern. Dies führt jedoch dazu, dass diese Digitalisate für eine parallel erfolgende nichtgewerbliche Nutzung durch die Allgemeinheit de facto auch dann nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn die jeweiligen Rechteinhaber mit einer solchen Nutzung einverstanden sind. Denn die sichtbaren Wasserzeichen verhindern technisch die Sicht- bzw. Lesbarkeit der Digitalisate durch diejenigen Nutzer, die nicht zur gewerblichen Nutzung berechtigt sind und die sichtbaren Wasserzeichen deshalb auch nicht entschlüsseln können.

Durch die von Fraunhofer SIT entwickelte Software werden die veralteten sichtbaren Wasserzeichen durch unsichtbare Wasserzeichen ersetzt.

Fraunhofer SIT stellt dazu ein System für den Einsatz unsichtbarer digitaler Wasserzeichen für die von Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen sowohl zur gewerblichen als auch zur nichtgewerblichen Nutzung online gestellten Digitalisate bereit. Damit sollen Digitalisate für die nichtgewerbliche Nutzung für jedermann auch dann zur Verfügung stehen, wenn sie gleichzeitig gewerblich genutzt werden und die Rechteinhaber mit der parallelen nichtgewerblichen Nutzung durch die Allgemeinheit einverstanden sind. Die von Fraunhofer SIT entwickelte Software soll allen an der Deutschen Digitalen Bibliothek beteiligten Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden.

Der Kulturstaatsminister gibt also 100.000 Euro aus, um die Werke in der Deutschen Digitalen Bibliothek mit unsichtbaren Wasserzeichen zu versehen. Immerhin scheint man enizusehen, dass sichtbare Wasserzeichen die eigentlichen Inhalte verhunzen und abgeschafft gehören. Doch statt komplett auf Wasserzeichen zu verzichten, sollen jetzt „unsichtbare Wasserzeichen“ entwickelt werden. Wer Inhalte wirklich extrahieren und unerlaubt weiter verwenden will, wird auch diese Wasserzeichen entfernen können. Damit ist die Software nicht viel mehr als eine – eher teure – Beruhigungspille.

Mit dieser Aktion wird erneut das Internet-Verständnis von unserem Kulturstaatsminister verdeutlicht. Es darf als fraglich bezeichnet werden, ob der deutsche Alternative zu Google Books damit der Durchbruch gelingt.

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7 Kommentare
  1. Ich finde die Technologie der digitalen Wasserzeichen begrüßenswert. So entsteht ein Ersatz für ein Urheberrecht, ohne dass man sich zum Beispiel einer IP-Vorratsdatenspeicherung bedienen muss.

    Allerdings ist zweifelhaft, warum der Steuerzahler das ganze finanzieren muss. Dort wo der Markt funktionieren würde, da wird er außer Kraft gesetzt. Dabei würden sich auf dem Markt schnell Alternativen zum staatlichen Urheberrecht entwickeln, wenn der Staat einfach ein Urheberrecht abschaffen würde. Leider konnte sich diese Position in der Piratenpartei nicht zur Mehrheitsmeinung entwickeln.

      1. Klar, wenn der Steuerzahler bereits alles zahlen musste, dann soll dieser die Leistungen natürlich auch kostenfrei erhalten!

        Aber noch besser wäre es eben, der Steuerzahler müsste überhaupt nichts für irgendwelche Bibliotheken bezahlen und dann zahlt nur der, der die Leistungen auch wirklich benötigt.

        Das ist ja auch schon lange die Kritik am ÖR-Rundfunkt

      2. @markus_eserver: Naja, das ist die Kritik, die vom dümmeren Teil der Kritiker geäußert wird. Diejenigen, die eine solidarisch finanzierte Grundversorgung und Wissen für alle gut finden, kritisieren dagegen eher die Programmqualität.

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