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National Information Network: Iran startet die erste Phase des „sauberen“ und nationalen Internets

Der Iran baut ein nationales Computer-Netzwerk parallel zum Internet, dessen Inhalte „rein“ und „kompatibel mit religiösen und revolutionären Werten“ sind. Im September kündigte der Minister für Kommunikation und Technologie an, dass die erste Phase fast abgeschlossen ist. Beobachter befürchten nach der Fertigstellung ein Abklemmen des eigentlichen Internets.


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Wir haben wiederholt über die iranischen Pläne für ein nationales Intranet berichtet. Jetzt hat ASL19 auf Citizen Lab weitere Details:

Das nationale Informationsnetzwerk (NIN) besteht aus drei großen Phasen. Die erste Phase ist der Bau von zwei Netzwerken, um lokalen und internationale Online-Verkehr zu trennen. Im März 2013, dem geplanten Ende dieser Phase, wird das NIN als unabhängiges High-Speed-Netzwerk fertig gestellt sein, das alle staatlichen Organisationen verbindet und alle Provinzen des Iran abdeckt.

In der zweiten Phase, die im März 2014 abgeschlossen sein soll, werden alle iranischen Webseiten auf lokalen Servern gehostet und auf .ir Domains registriert. Bis vor kurzem wurden viele Regierungs-Webseiten auf Servern außerhalb des Iran gehostet, zum Beispiel die Website des iranischen Parlaments auf Servern in den USA. Allerdings hat die Regierung seitdem viele ihrer Websites auf iranische Servern umgezogen und plant, die übrigen Seiten in dieser Phase des Projekts zu migrieren.

In der dritten und letzten Phase, die im März 2016 abgeschlossen sein wird, bietet die Regierung im Inland entwickelte Anwendungen und Dienstleistungen an, darunter das Betriebssystem Ghasedak, den E-Mail-Dienst Chaapaar und die Suchmaschine Fajr. Ghasedak OS und Chaapaar E-Mail sind bereits erhältlich, und letzteres behauptet, mehr als 200.000 Nutzer haben. Die Regierung hat eine Milliarde US-Dollar für die Umsetzung des NIN bewilligt.

Der Hauptgrund des iranischen Intranets liegt auf der Hand: Es muss nicht extra zensiert werden, da es schon „sauber“ ist. Zudem soll es als Propaganda-Kanal dienen. Außerdem soll es viel schneller und stabiler sein als das internationale Internet. Aber es gibt noch einen Bonus: Das NIN wird nicht anfällig für Cyber-Angriffe sein, weil es ja nicht das Internet ist. (!!1)

Kritiker vermuten jedoch einen anderen Grund: Das globale Internet ist schwer zu überwachen und zu zensieren. Zudem wird dem Netz in den Protesten nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 eine wichtige Rolle zugeschrieben. So sollen mit den nationalen Diensten (und dem Verbot ausländischer Angebote) die Überwachung und Unterdrückung vereinfacht werden, nach chinesischen Modell. Und im Krisenfall lässt der Zugang zum globalen Netz einfach abschalten, Ägypten-Style.

Bereits im April berichteten wir:

In einem zweiten Schritt soll im August auch der Zugriff auf das restliche Internet abgeschnitten werden. Komplett mit “Iran Suche” statt Google. Ausländische Seiten können dann nur noch aufgerufen werden, wenn die von der Regierung manuell freigeschaltet wurden.

Internet-Anbietern, die im August mehr als das “nationale Internet” anbieten, drohen hohe Strafen.

Der Zugriff auf Tools, um Überwachung und Zensur zu umgehen, wie Proxy-Server und Anonymisierungsnetzwerke, soll komplett unterbunden werden.

Die Regierung im Iran dementiert zwar, dass das Internet komplett abgeschaltet werden soll. Man weist aber nochmal auf einen der Vorzüge des nationalen Netzwerks hin: Das National Information Network wird immer erreichbar sein, das globale Netz hingegen ist im Krisenfall „nicht zuverlässig“.

4 Kommentare
  1. Eine Schande. Ich frage mich aber wie die z.B die Nutzung von Internet via Satellit verbieten wollen? Jeder Iraner könnte noch jetzt schnell einen Vertrag einrichten, und es gibt sicher Möglichkeiten das man beim Anbieter für 1-2 Jahre im Vorraus zahlt. Dann wäre zumindest eine Zeit lang ein freier Netzzugang gesichert. Nun ja, ich hoffe dieses Konzept macht nicht Schule…

  2. Du weist schon das der hohe Minutenpreis von Satellitendatenübertragungen nicht von jedem bezahlbar ist.
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    Zitat Golem:
    Händler wie M-Cramer Satellitenservices bieten neben einer „Iridium Postpaid SIM“ auch verschiedene Prepaid-Karten mit Minutenkontingenten für die ganze Welt oder bestimmte Regionen an. Beispielsweise kostet eine Iridium-Prepaid-SIM-Karte „Tarifplan Welt“ mit 75 Minuten und einem Monat Gültigkeit etwa 140 Euro. Bei drei Monaten Gültigkeit steigt der Preis auf 210 Euro. Am oberen Ende der Preisskala liegt der Tarifplan Welt mit 5.000 Minuten und 24 Monaten Gültigkeit für 4.750 Euro.
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  3. „Beobachter befürchten nach der Fertigstellung ein Abklemmen des eigentlichen Internets.“ – Weil das ja auch in Ägypten prima funktioniert hat.
    If your government shuts down the Internet, shut down your government!

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