Öffentlichkeit

Internet-Zensur in Großbritannien: Mehrheit der Bevölkerung will keine Porno-Sperren

Die große Mehrheit der Briten lehnt es ab, dass Internet-Provider automatisch Webseiten mit Pornografie sperren. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von Bildungs- und Innenministerium. Als Konsequenz will die britische Regierung Provider nicht mehr dazu verpflichten, pornografische Inhalte zu sperren – stattdessen sollen sie ihre Kunden dazu „ermutigen“.

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Wie wir bereits im Juli berichteten, wird im Vereinigten Königreich diskutiert, die existierenden Netz-Sperren gegen Missbrauch auch auf Webseiten mit Pornografie, Magersucht, Gewalt und anderen „schädlichen Inhalten“ auszuweiten. Vorreiter dieser Kampagne ist die politische rechte Tageszeitung Daily Mail, die auch offen von einer „von ihr angeführten Kampagne“ spricht.

Bildungs- und Innenministerium, die beide auch im UK Council for Child Internet Safety involviert sind, haben jetzt die Ergebnisse einer Konsultation zum Thema veröffentlicht. Ein zentrales Ergebnis ist, dass sich 85 Prozent der Befragten gegen automatische Sperren bestimmter Internet-Inhalte aussprechen:

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Nur 14 Prozent der mehr als 3.000 Befragten sprachen sich dafür aus. Der Regierung selbst ist bekannt, dass Netz-Sperren aus verschiedenen Gründen problematisch sind. So sind Filter nie genau, dass immer auch zu viel (Overblocking) oder zu wenig (Underblocking) gefiltert wird. Eine Sperre von Pornografie verhindert zudem andere Gefahren wie Bullying und Grooming nicht. Schließlich können Netz-Sperren auch dazu führen, die Eltern aus der Verantwortung zu entlassen, da sie sich auf die Filter verlassen und weniger zusammen mit ihren Kindern das Internet und ihr Surf-Verhalten zu thematisieren.

Eine große Mehrheit der befragten Personen, inklusive Eltern, sprach sich daher gegen alle drei Vorschläge der Regierung aus: Netz-Sperren als Standard, Netz-Sperren als Option für Anschluss-Inhaber oder eine Kombination daraus.

Leider zieht die britische Regierung aus diesen deutlichen Zahlen nicht die Konsequenz, Netz-Sperren auf Provider-Ebene komplett aufzugeben. Stattdessen fordert die konservative Regierung von Premierminister Cameron „alle Internet-Service-Provider auf, Menschen aktiv zu ermutigen, die Kindersicherung einzuschalten, wenn Kinder im Haushalt sind und das Internet verwenden.“ Schon jetzt haben die vier größten britischen Internet-Provider eingewilligt, pornografische Webseiten zu sperren.

The Government is urging providers to go one step further and configure their systems to actively encourage parents, whether they are new or existing customers, to switch on parental controls. The Government believes providers should automatically prompt parents to tailor filters to suit their child’s needs e.g. by preventing access to harmful and inappropriate content. We also expect ISPs to put in place appropriate measures to check that the person setting up the parental controls is over the age of 18.

Während die Organisation für Meinungsfreiheit Index on Censorship die Abkehr der Verpflichtung begrüßt, setzt die Daily Mail ihre Kampagne fort und sieht darin „einen Verrat an unseren Kindern„.

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17 Kommentare
    1. Das ist eine britische Abkürzung für „Voluntary and Community Sector“, in etwa „Nonprofit-Bereich“ oder NGOs. Die einzelnen Organisationen, die den Fragebogen beantwortet haben, sind auf den letzten vier Seiten des Berichts und wegen des Themas sind da besonders viele Kinderschutz-Organisationen.

    2. Eine spannende Frage wäre nun, warum VCS so völlig konträr zur Bevölkerung ist. Klar scheint zu sein, dass die eigene Interessen vertreten ohne demokratische Mehrheit. Da werden wir auch bei unserem VCS genau aufpassen müssen bei dieser vorliegenden Messung nun.

      1. ich hab jetzt nicht alle VCS durchgezählt, aber subjektiv kamen mir doch viele kirchliche Institutionen drin vor. Das die natürlich Pornografie als Sünde empfinden, kann man sich natürlich denken….

      1. Habe jetzt in die Studie herein geschaut. Aua.
        Annex 2 des Dokuments ist da schon interessanter (z. B. S. 39. Die Fragen sind zum Teil seltsam und kompliziert gestellt — darauf mit Ja-Nein-vielleicht zu antworten ist gar nicht so einfach.)

        „There were 3,450 responses to question 10a, which offered: A system in which some internet content (for example, pornography) is automatically blocked for you by your internet service provider or by the Smartphone or other device you use to access the internet and you can later ask them to remove the filters if you want to access the blocked websites.

        Grob sagen 85% Nein. 14% Nein, 1% ist unentschlossen — wie es auch im Artikel steht.

        Annex 3 wiederum gibt ein paar Beispiele des „Voluntary and Community Sector“ der hier mit recht abweichenden Werten auffällt …

    1. Von 3,509 Antworten insgesamt gab es 3,450 Rückmeldung zu Frage 10 … Die Gruppen die hier (selbst) unterteilt wurden, sind übrigens ungleich groß … PS: Nur 78 Antworten kamen aus dem selbst ernannten (!) Voluntary and Community Sector, dies sind laut Studie ca 2% … die andere beiden „echten“ Größen in der Studie sind nur Eltern (22% und „die Anderen“ 69%) …

  1. Was mich am meisten ankotzt ist die Kategorie Eltern, die sich signifikant höher für Internetsperren ausspricht. Für alle. Wo sie selbst alle Technik in der Hand haben, um ihre eigenen Blagen zu schützen. Aber nein, gleich Sperren für alle fordern…

    1. Aus Ahnungslosigkeit. Es gibt noch viele die weniger über das Netz wissen als ihre Grundschulkinder… Kommt einem zensurwilligen Staat natürlich entgegen. Anstatt Eltern aufzuklären das so kleine Kinder nur unter Aufsicht ins Netz sollten, am besten mit Whitelistlösung (grad im Grundschulalter ist das wirklich mehr Schutz als Zensur), nutzt der Staat dies viel lieber als Vorwand zum Aufbau einer Zensurinfrastruktur.

  2. Die Frage ist doch: Muss man Kinder vor dem natürlichsten der Welt tatsächlich „schützen“?
    Oder sollten die Erzkonservativen 60+ Jährigen Politiker einfach mal ihren Stock aus dem Arsch ziehen?
    Fakt ist: eine fehlende sexuelle Entwicklung, und Kinder kommen damit bei gleichaltrigen schon im Kindergartenalter in Kontakt, führt zu starken Störungen, nicht umgekehrt!

    1. Ich möchte doch sehr stark bezweifeln, dass ausgerechnet der Konsum von Pornografie die sexuelle Entwicklung von Kindergartenkindern fördert.
      Glauben Sie mir: Am Anschauungsmaterial scheitert das garantiert nicht sondern an ganz anderen Dingen (und das leider nicht nur bei Kindern).

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