Demokratie

Strategiewechsel im Auswärtigen Amt: 100 Mio. Euro für Microsoft?

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich nicht besonders gut auskenne, was den Einsatz und die Möglichkeiten von freier Software in der öffentlichen Verwaltung betrifft. Das ist dumm, gerade weil wir hier bei Netzpolitik echte Experten für das Thema haben. Sonst, nur heute eben nicht (In Berlin beginnt heute die Transmediale).


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Sei’s drum. Ich kann ja schonmal auf diesen Blogeintrag von Henning Tillmann hinweisen und damit evtl. eine Debatte anstoßen.

Henning berichtet über eine Kleine Anfrage (PDF) der SPD-Bundestagsfraktion an die Bundesregierung, die unter Federführung seines Chefs, MdB Oliver Kaczmarek, entstanden ist. Kaczmarek selber schreibt dazu in seinem Blog:

Es besteht der Verdacht, dass die Bundesregierung die Computer im Auswärtigen Amt von freie auf proprietäre Software umstellen möchte. Sollte dies der Fall sein, wäre dies nicht nur sehr teuer, sondern auch sicherheitspolitisch gewagt. Server und Einzelplatzrechner des Auswärtigen Amts und der Botschaften wurden unter der rot-grünen Bundesregierung komplett auf freie Software umgestellt. Mit unserer Anfrage haken wir nach: bleibt die Bundesregierung bei diesem Kurs, der Millionenbeträge eingespart hat? Oder schwenkt sie auf den Einsatz so genannter proprietärer Software um?

Die Geschichte ist in so weit spannend, da der Einsatz von freier Software im Auswärtigen Amt bisher durchaus als Erfolgsgeschichte galt. Henning zitiert in diesem Zusammenhang einen Bericht von heise online aus dem Jahr 2007:

Das Auswärtige Amt konnte mit einer konsequenten Open-Source-Ausrichtung seine Ausgaben für Informationstechnik in den vergangenen fünf Jahren deutlich reduzieren. […] Seit der Umpositionierung ist das Auswärtige Amt Schuster zufolge „das mit Abstand günstigste Ministerium im Bund bei den IT-Kosten“.

Zahlen gibt es natürlich auch. Allein der Einsatz proprietärer Software beim Aufbau des weltweiten Intranets des Auswärtigen Amts hätte 2001 wohl 100 Millionen Euro gekostet. Dem gegenüber standen laut Henning Kosten in Höhe von lediglich 17 Millionen Euro für die Ausrüstung mit freier Software.

Angesichts solcher Summen sollte – auch abseits parteipolitischer Spielchen – wohl die Frage erlaubt sein, ob tatsächlich eine (Rück-)Umstellung auf proprietäre Software geplant ist.

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33 Kommentare
  1. So wichtig es ist geheime Absprachen mit Lobbyisten aufzudecken, so groß ist in meinen Augen auch die Gefahr von Stimmungsmache durch die politischen Gegner. Im Blogeintrag von Oliver Kaczmarek steht nur ein aussagekräftiger Satz:
    „Es besteht der Verdacht, dass die Bundesregierung die Computer im Auswärtigen Amt von freie auf proprietäre Software umstellen möchte.“
    Der Rest ist Eigenwerbung etc.

    Ein Beweis dafür wäre hilfreich, vor allem da die SPD wirklich nicht für Netzpolitik steht und Themen braucht um sich wenigstens ein bisschen mit der ‚Community‘ zu versöhnen.

  2. Nochmal alles umzustellen halte ich für unsinnig, solange die Infrastruktur so funktioniert. Aber generell möchte ich darauf hinweisen, dass man nicht einfach 17 vs 100 Millionen in der Anschaffung vergleichen kann. Man muss sich auch die Maintenance-Kosten und die gesteigerte Produktivität durch die jeweilige Software angucken.

  3. @Max:

    Gefahr von Stimmungsmache durch die politischen Gegner.

    Natürlich, daher habe ich überdeutlich darauf hingewiesen, wer hinter der kleinen Anfrage steht.

    Ein Beweis dafür wäre hilfreich,

    Nun, wie wäre es mit ein klein wenig Vertrauen, dass ich so eine Geschichte nicht ohne eine halbwegs hinreichende Absicherung bloggen würde? ;)

    vor allem da die SPD wirklich nicht für Netzpolitik steht und Themen braucht

    Mag sein. Sich bei der OSS-Community anzudienen dürfte in diesem Fall aber sicher nicht die Hauptmotivation sein. Da ist auf anderen Ebenen deutlich mehr zu holen.

  4. Ein SPDler hat ne Vermutung und stellt eine Anfrage. Und hier wird dann für ihn quasi geworben.

    Warum wird nicht erstmal die Antwort auf die Anfrage von denen, die es wissen müssen, abgewartet, bevor hier (bzw. allgemein im Netz) wild rumspekuliert und Stimmungsmache gemacht wird?

    1. @Weirdo Wisp: Nach unseren Informationen ist das keine Vermutung und wir werben gerne für Politiker jeder Fraktion, die interessante Anfragen an die Bundesregierung bezüglich offener Fragen stellen. Und wir berichten gerne nochmal, sobald es eine Antwort gibt.

  5. These 1: Mövenpicker Westerwelle stellt um, damit der Herr Botschafter in Zukunft ohne Spione aus Westerwelles Büro auskommt!

    These 2: Die wollten noch das Geld verballern, was sie von der Regierung beim Stadtschloss/Humboldtforum gespart haben.

    These 3: Die wollen uns richtig deprimieren und demütigen über ihren Sachverstand.

  6. Das ist weder Spekulation noch Hetze. Solche Aktionen werden selten mit dem Ziel der Produktivitätssteigerung durchgeführt. Man begibt sich hier bewusst in Abhängigkeiten weil man der Meinung ist, das mit properitären Produkten und dessen Support durch entsprechende Partner alles besser wird und versucht damit über interne Probleme hinweg zu täuschen. Ansonsten ist das reine Politik auf kosten der Steuerzahler mit dem Zweck sich zu profilieren. Deswegen spielt Geld keine Rolle und die Rechnungen entsprechen meist nicht der Wahrheit.

  7. Wenn es stimmt scheint mir die These Angst vor WikiLeaks am wahrscheinlichsten. Vermutlich haben es Lobbyisten von Microsoft und Konsorten derzeit besonders leicht die sicherheitstechnischen Sorgen von Politikern in bare Münze umzusetzen.

  8. “ Vermutlich haben es Lobbyisten von Microsoft und Konsorten derzeit besonders leicht die sicherheitstechnischen Sorgen von Politikern in bare Münze umzusetzen.“
    Kann ich mir auch gut vorstellen, nach dem
    Motto: open source-> leaks / proprietär -> „sicher“.
    Trusted Computer und anderes security bullshitbingo werden schon ihr Wirkung haben.

  9. Also wenn man eine Verschwörungstheorie aus meiner Äußerung herausliest, hat man mich falsch verstanden.

    Was ich sagen will, _wenn_ das mit der Umstellung stimmt und _wenn_ diese Entscheidung gerade erst getroffen wurde und nicht schon seit einem Jahr geplant ist oder so, dann erscheint es mir wahrscheinlich, dass die Furcht vor einem eigenen Leaking-Debakel eine Rolle spielt. Zumal wir hier über das Auswärtige Amt sprechen.

    Ich vermute die Daumenregel für die Sichtweise der Politiker ist so in etwa, ist alles gut, nimmt man Open Source, weil damit kann man Kosten sparen, hat man Angst, schielt man wieder auf die proprietäre Software. Security by obscurity leuchtet einfach ein, wenn jeder weiß, wie dein System aufgebaut ist, kann auch jeder ganz einfach die Lücken ausnutzen, wenn es nur wenige wissen, ist das schwieriger und das System damit sicherer. Das Gegenargument ist komplizierter und basiert auf Vertrauen in eine undefinierte Gruppe freiwilliger Entwickler auf deren zukünftiges Interesse an dem Projekt man nur hoffen kann versus einer zumindestens theoretisch haftbaren Firma, die mutmaßlich noch eine Weile existieren wird. Vielleicht wird es auch erst so richtig einleuchtend, wenn man weiß was für ein Volkssport Reverse Engineering ist, wie oft Firmen selbst von Leaks ihrer Geheimnisse betroffen sind und man schonmal was vom internationalen Exploit-Markt gehört hat.

    Der entsprechende Schluss: Lobbyisten dürfte es derzeit leichter fallen, ihre proprietären Lösungen an den Politiker zu bringen.

  10. @Torsten Werner: Ich habe mich auch gefragt, was richtig ist. Da aber in beiden Quellen von 100 Millionen Euro die Rede ist, habe ich die Summe so übernommen und relativiert (Prüfen kann ich sie naturgemäß nicht).

    Nachtrag: In der oben verlinkten kleinen Anfrage heißt es zu diesem Punkt:

    Alle Server, sowohl in Berlin als auch in den 230 Auslandsvertretungen, werden mit freier Software betrieben und sicher vernetzt. Beim Einsatz proprietärer Software hätte der Aufbau dieses weltweiten Intranets etwa 100 Millionen Euro gekostet. Mit freier Software konnte dieses Vorhaben für nur 17 Millionen Euro erfolgreich umgesetzt werden.

  11. @Detlef: Interessant (Ich kannte SINA bisher vor allem als Schnittstelle im Rahmen der TKÜV).

    Du schreibst da 2003 allerdings auch von einer Umstellung auf Desktop-Seite:

    „Als über die Auswahl der Desktops beraten wurde, war OpenOffice noch nicht so weit, dass wir es empfehlen konnten. Heute hätte ich da keine Bedenken. So haben wir uns für eine Lösung entschieden, bei der uns Microsoft bis 2005 mit den neuesten Programm-Versionen beliefert. Unser Ziel ist es jedoch, bis 2007 auf der Server wie auf der Desktop-Seite systemunabhängig und nicht einem Lieferanten und seinen teuren Upgrades ausgeliefert zu sein“

    Wie ist da denn der aktuelle Stand?

    Nachtrag: Bei osor.eu lese ich gerade:

    The Foreign Ministry began moving all of its 11.000 desktops to GNU/Linux and other open source applications in 2002. The replacement was planned to have been completed in 2009. Half of the embassies and consulates had been switched over in late 2008, according the former head of IT at the ministry of Foreign Affairs, in a speech on the Open Source World conference in the city of Malaga in October 2008.

  12. @Jörg-Olaf. Stimmt, das habe ich geschrieben. Nur gesehen habe ich es noch nicht. Die Botschaft in Argentinien war über Weihnachten definitiv mit Windows-Desktops bevölkert. Kann mich aber übermorgen schlaumachen. –Detlef

  13. Solche prestigeträchtigen Brückenköpfe in der Verwaltung sind natürlich immer sehr umkämpft. Es gibt nicht immer genug zu gewinnen, im Vergleich dazu, was andere zu verlieren haben.
    Im Geschäftsfeld haben interessierte Wettbewerber bislang in die Debatten unzureichend investiert, vor allem in allgemeine Regeln und ihre Durchsetzung.

    Strategisch betrachtet gibt es keine besondere Aufmerksamkeit bzgl. struktureller Abhängigkeiten unserer Volkswirtschaften in der Beschaffung. Wir finden beispielsweise recht gute Untersuchungen, dass ein Großteil der IKT-Ausschreibungen in den Verwaltungen der EU-Mitgliedstaaten nicht konform mit EU-Vergaberecht ist.

    Ich zitiere dazu mal die IKT-Interessenvertretung OFE:

    „There are already strict European rules on public procurement. At a time when OFE’s own monitoring suggests some 25% of European public sector software tenders may break current rules, the Commission should be setting best practice, which it clearly is not.“

    Mehr im Text, der die Situation beschreibt. Die Beratungslücke der öffentlichen Verwaltung liegt im Bereich Beschaffungsstrategie. Im Automobilbau hat es der Lopez möglicherweise zu weit getrieben, aber ein wenig von diesem Geist gilt es in die Verwaltung zu tragen.

  14. Was auf der Welt ist schon frei? Frei in der Applikation? Sicher. Aber auch hier müssen Fachleute her die wiederum auch nicht billig sind und so erreicht freie Software, zumindestens in einer gewissen Größe eine Kommerzialisierung

  15. @Dirk: Für Programmierung, Support und Dienstleistungen zu bezahlen ist nicht das Problem. Das ist vollkommen ok und meines Wissens auch in der OpenSource-Szene ein weitgehend akzeptiertes Geschäftsmodell.

    Problematisch werden Abhängigkeiten in Folge einer Bindung an eine bestimmte Hardware-Plattform, Formate, Patente oder, in letzter Konsequenz, eben nicht frei zugänglichen Sourcecode.

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