Netzpolitik

Telekom-Paket: Netzneutralität unter Beschuss

In der EU tobt der Streit rund um das Telekom-Paket. Während es vor der ersten Lesung große Auseinandersetzungen über die Frage gab, ob Internetsperrungen bei Urheberrechtsverletzungen eingeführt wird, ist nun vor der zweiten Lesung der Kampf um die Netzneutralität entbrannt. Viele Telekommunikationsfirmen, vor allem aus den USA, stören sich an einer im EU-Parlament beschlossenen Formulierung, dass die Netzneutralität gewährleistet sein muss. AT&T laufen mit ihren Lobby-Söldnern im Moment Sturm und scheinen in den derzeitigen Verhandlungen schon eine Aufweichung erreicht zu haben.

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Die International Herald Tribune berichtet aus US-Sicht auf die Debatte und hat u.a. mich in dem Artikel zitiert: U.S. lobbyists angle for influence in Europe’s Net neutrality debate.

As European lawmakers debate how to keep access to the Internet free and equal – so-called network neutrality – they are being bombarded, not unsurprisingly, by lobbyists. But the corporate envoys roaming the halls of Brussels, trying to make their case, more often than not do not represent the Continent’s myriad telecommunications and Internet companies, but rather those from the United States. As the reputation of Europe grows as the world’s technology regulator, representatives in a conflict that pits the AT&Ts and Verizons against the Googles and Yahoos are attempting to shape European law in the hopes that U.S. regulators will follow suit.

„The U.S. companies see the outcome of the fight in Europe as key,“ said Jeremie Zimmermann,a lobbyist for La Quadrature du Net,an Internet advocacy group based in Paris. „Each side is hoping to score points on the issue here so they can take it back to the States to influence the outcome there.“ Net neutrality, which La Quadrature supports, is a proposal backed by some free-speech advocates and Internet businesses that seeks to bar network operators from filtering Internet traffic. Operators say that basic traffic management is necessary to balance the soaring demand for bandwidth from video and popular Web sites.

Wie immer sind die regelmässigen Ausführungen von Monica Horten auf IPTegrity sehr interessant. Dort berichtet sie über weitere Versuche der britischen Regulierungsbehörde Ofcom, die Netzneutralität aufzuweichen: UK filters in the Wikpedia amendments. Dort hat man gleich noch die Definitionen aus der Wikipedia kopiert.

The UK government wants to cut out users rights to access Internet content, applications and services. Some of the information used to justify the change has been cut and pasted from the Wikipedia.

Von La Quadrature du Net gibt es eine Pressemitteilung: UK government pushes for discriminated Internet.

La Quadrature du Net publishes a document, drafted by the British Government, with amendments to the telecoms package1. This proposal would turn the Internet into a Cable-TV network. First, there is a proposal to introduce conditions of access, alluding to the Conditional Access Directive2 regulating that very market. It is a subcription-TV-like concept reading through the lines. Second, there is language which overrides the end-to-end principle of the Internet. The idea behind it is that the Internet provider shall be allowed to limit the number of websites users can access, in exchange for a lower fee. Who wants telcos-controlled sub-Internet in Europe?

Mehr dazu auch im iRights-Blog: Britische Regierung will Netzwerkneutralität in der EU kippen.

Dem Entwurf (PDF) zufolge sollen Internetnutzer in Zukunft keinen Anspruch mehr auf einen diskriminierungsfreien Internetzugang haben. Stattdessen will ihnen die britische Regierung nur noch ein Recht auf “Transparenz bei den Nutzungsbedingungen für den Zugang zu/die Nutzung von Anwendungen und Dienstleistungen sowie über die Politik [des Providers] hinsichtlich des Traffic-Managements” zugestehen. Mit anderen Worten: Der Internetprovider soll entscheiden, welchen Teil der Internets die Nutzer unter welchen Umständen in welchem Umfang und zu welchem Preis zu sehen bekommen. Die Musik- und Filmindustrien wären darüber sicher erfreut. Über freiwillige Vereinbarungen mit Internetprovidern könnten sie sich so die lästige illegale oder auch legale Konkurrenz vom Hals schaffen. Der Ausschluss von Peer-to-Peer-Protokollen wäre bei Umsetzung des britischen Vorschlags künftig genauso legitim wie die Blockade von Youtube, iTunes oder SourceForge.

Weiter berichtet Monica Horten, dass die Sozialdemokraten im EU-Parlament bei der Frage Netzneutralität womöglich umgefallen sind und die eigenen POsitionen aus der ersten Lesung aufweichen: Poisoned fish in the Trautmann report .

Unless the rapporteur puts in more time to consult widely and understand the issues fully, and to ensure that the requirements are correctly definined, this risks upsetting the economics of the ISP industry, which is built on peering arrangements. Worse still, it risks causing down-the-line economic damange to businesses large and small, which have invested in web and e-commerce sites on the basis that they have unrestricted access to a global market. It stands to shrink, rather than grow, the Information Society and the digital economy. The only things that will grow is the telcos share of national television markets – as that is one of the drivers behind the „traffic management“ amendments. It is very disappointing, that Mrs Trautman has permitted them to get in, without having consulted more widely. Mrs Trautmann has a reputation for being ‘a good captain‘.

Gut möglich, dass wir in den nächsten Wochen wieder eine massive europaweite Mobilisierung von Internetnutzern brauchen, die sich bei ihren Abgeordneten für Netzneutralität einsetzen. Wenn es tatsächlich vor der Europawahl zu der zweiten Lesung im Parlament kommt. Wenn nicht, dann kommt diese erst nach der Wahl.

Mehr Hintergrund bietet der Artikel „Wer möchte das Internet kontrollieren? „, wo ich von einer Netzneutralität-Anhörung in Brüssel gebloggt habe.

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