Ich mag Statistiken. Mit Statistiken kann man unglaubliche Dinge tun. Wer gekonnt mit Zahlen jonglieren kann, kann alles beweisen. Heute soll es aber nicht um Ursula von der Leyen gehen, sondern um die engagierten Jugendschützer von Jugendschutz.net.
Die haben, so ist bei Heise Online zu lesen, nämlich herausgefunden, dass Neonazis doch tatsächlich soziale Netzwerke benutzen. Und damit sind keine alkoholgeschwängerten Kameradsschaftabende gemeint, sondern das Internet! Nazis bei StudiVZ, Facebook und vielleicht auch bei den Lokalisten? Unglaublich, oder? Nun, zumindest, wenn man die letzten 5 bis 10 Jahre auf einer einsamen Insel verbracht hat.
Ganze 1500 „unzulässige Beiträge“ in sozialen Netzwerken und Videoplattformen haben die Mainzer Jugendschützer ausgemacht:
Allein die in dem Report dokumentierten unzulässigen Beiträge in sozialen Netzwerken und Videoplattformen haben sich im Vergleich zum Vorjahr auf mehr als 1500 geradezu verdoppelt. Auch gebe es derzeit so viele Szene-Websites wie nie zuvor: 1707 Angebote weltweit recherchierte jugendschutz.net nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr.
1500 Beiträge? Das muss man sich erstmal vorstellen! Setzt man den Wert in Relation zum amtlich verbürgten „Personenpotential“ der rechten Szene, würde das bedeuten, dass im Vorjahr bereits jeder zwanzigste Rechtsextremist* in Deutschland einen solchen Beitrag verfasst hat! Also einen pro Jahr, so rein statistisch gesehen. Der Rest kann evtl. nicht schreiben (Oder in Mainz kommt man mit dem Zählen nicht nach, was mir wahrscheinlicher erscheint).
Auch die Angabe, mit „1707 Szene-Websites“ gäbe es „weltweit“ soviele Angebote, „wie nie zuvor“, sollte bei kurzem Nachdenken Stirnrunzeln hervorrufen. Das wären – nicht nur angesichts von gut 13 Millionen registrierten .de-Domains – erstaunlich wenige, oder? Und das übrigens auch im Vergleich mit den Werten, die sonst im Rahmen der Diskussion genannt werden.
Ich habe mir im Jahr 2002 mal die Arbeit gemacht und eine kleine Tabelle zusammengestellt, wieviele Naziseiten es nach Medienangaben so geben soll. Sicher, die ist inzwischen etwas angestaubt (Stand 2004), im konkreten Fall aber gerade deshalb nützlich. Man sieht dort nämlich, dass bereits 2001/2002 regelmäßig von >2000 rassistischen Webseiten die Rede war.
Problem, damals wie heute: Eine zuverlässige quantitative Analyse ist systembedingt nicht möglich (und vermutlich auch nicht erwünscht). Ich zitiere mal eine meiner alten Fußnoten:
- [Es gibt] In der Regel keine Unterscheidung zwischen Domains, Seiten, Beiträgen/Leserbriefen, „Angeboten“, Portalen oder gar Diensten ausserhalb des WWW
- [Es gibt] In der Regel keine Unterscheidung zwischen „rechtsradikalen“ / „rechten“ / „strafrechtlich relevanten“ / „rechtsextremistisch beeinflussten“ und eben „problematischen“ Seiten. Nach Angaben [30] des Bundesamtes für Verfassungsschutz liegt der Anteil der Seiten mit strafrechtlich relevanten Inhalten bei etwa 15% und „sei in jüngster Zeit rückläufig“.
Aber schön, dass wir ein weiteres fundiertes Argument für Netzsperren haben. Auch wenn die Verfasser der Studie Netzsperren nicht explizit fordern. Ist ja auch nicht nötig, kann ja nicht angehen, das mit den Nazis im Internet. Sich die bei Heise verlinkten Broschüren anzuschauen, kann freilich trotzdem nicht schaden.
Update, 15.08.: Für die Prognose oben brauchte ich nicht einmal eine Kristallkugel:
Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat eine Ausweitung der Web-Sperren auf rechtsextreme Internet-Seiten gefordert, meldet die Presseagentur dpa unter Berufung auf die Bild-Zeitung. Gegenüber Bild sagte der Politiker: „Die Zahlen zeigen, dass wir zur Bekämpfung härtere Maßnahmen wie eine Sperrung von rechtsextremen Internetseiten dringend brauchen“. Herrmann bezieht sich dabei auf einen Bericht der Organisation jugendschutz.net […] (Quelle: Heise Online, via Vera und Ralf auch schon unten in den Kommentaren)
*Laut S. 52 im Verfassungschutzbericht 2008 (2,5MB, PDF) haben wir davon ~30.000 (davon 9.500 gewaltbereite).