Technologie

Microblogging und soziale Bewegungen

Nachdem alle irgendwie schon dachten, die Debatte über Twitter und andere soziale Medien würde sich im Superwahljahr nur noch darauf konzentrieren, ob und wie die Parteien das nutzen, haben uns Markus und die Deutsche Bahn ja gerade eines besseren belehrt. Zeit also, sich mal gründlicher Gedanken zu machen über die Bedeutung von solchen Tools für soziale Bewegungen oder neudeutsch die „Zivilgesellschaft“.

Uns fehlen noch 62.000 Euro!
netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Zum Thema Microblogging gibt es netterweise gerade einen sehr umfangreich recherchierten Text bei mensch.coop, der massenhaft Beispiele (von Konferenzkoordination über Öffentlichkeitsarbeit bis zu Demonstrationen) auswertet, die ersten Studien dazu zusammenfasst, Probleme wie mangelnde Anonymität anspricht, und am Ende noch ein paar Empfehlungen für die weitere Arbeit an diesem Thema gibt:

Was generell fehlt ist sinnvolle (Offline)-Literatur, gute Broschüren und ein gutes Wiki zu Medienkompetenz und Mikroblogging für soziale Bewegungen. Die Entwicklung ist halt noch recht neu. Zentral wird außerdem die Herausbildung einer Policy für verantwortungsbewußte Nutzung von Mikroblog innerhalb von sozialen Bewegungen sein, wie sie sich auch für die Nutzung von Indymedia entwickelt hat, damit Mikroblogs breiter genutzt werden können.

Welche Plattform sich für Mikroblogging für soziale Bewegungen am Besten eignet, erfordert auf jeden Fall tiefergehende Analysen, die in diesem Artikel im vollen Umfang jetzt nicht geleistet werden kann. Dies hängt bestimmt auch von der Logik und dem Zweck der Nutzung ab. Jedoch möchte ich hier nicht meinen Favoriten verheimlichen. Gerade für soziale Bewegungen ist informationelle Selbstbestimmung so wichtig wie die Luft zum atmen. Deshalb spreche ich mich hier für die Open-Source-Software Laconi.ca aus und gegen den kommerziellen Mikroblogging-Dienst Twitter. Twitter, der mit Abstand größte Mikrobloggingdienst mit den meisten NutzerInnenzahlen, ist vollgesogen mit Venture-Kapital, das auf seine Verzinsung wartet und die zukünftigen Geschäftsmodelle könnten den Interessen der sozialen Bewegungen zu wieder laufen. Außerdem ist Twitter closed-source und unterstützt derzeit nicht den OpenMicroBlogging-Standard.

Natürlich wurde Microblogging auch für die Recherche zu dem Text benutzt.

Ergänzend lohnt sich der Artikel „Social Movements 2.0“ in The Nation vom letzten Monat, der stärker die Gewerkschaftsperspektive beleuchtet, aber dennoch eine gute Zusammenfassung darstellt.

6 Kommentare
  1. die Bedeutung bzw. der Reach von Twitter und Co. wird wohl in Zukunft steigen und inzwischen Twitter ist inzwischen schon teilweise so populär das es auch zu Problemen führen kann. Wie z.B. bei heise.de, wo ein Link in einem Artikel eine Webseite lahmlegen kann (Heise-Effekt aka geheist) gibt es nun auch den Twitter-Effekt.

    Das zeigt also das man mittels Twitter eine Menge Reichweite haben kann, vorausgesetzt die Tweets gehen in der Masse nicht unter.

  2. Hallo
    Ich frage mich wie man überhaupt an die relevanten Informationen herankommt. Ich, meinerseits, empfinde das Web schon zu gigantisch das ich jetzt noch jede noch so kleine Information finden kann. Mir wäre es lieb, wenn es Möglichkeiten geben die weit darüber hinaus gehen das zu finden was gerade wichtig ist.

    Etwas nur durch Mundpropagada zu erfahren ist schwierig. Für mich.

    Die Suchfunktion von Twitter hilft mir da auch nicht immer weiter.

    Gruss
    Gunnar

  3. Da schmücken sich jetzt aber einige mit fremden Federn. Beispiel: Gestern wurde in dem Internet-Magazin „EinsWeiter“ von ARD-Festival das Weblog hier in groß gezeigt und es wurde von einem für die Twitter-Generation typischen ADS-gehandicapten Moderator suggeriert, dass die Blogger und Twitter-Szene jetzt politisch wahnsinnig wichtig sei und enormen Druck auf die Bahn ausüben würden. Aber das ist wohl der mäusekino-begrenzte Blickwinkel der Follower, die sich gar nicht mehr einkriegen, wenn ihr Geschnatter mal in einem Artikel in der TAZ erwähnt wird, dabei aber völlig übersehen, dass der wirkliche Widerstand ganz traditionell aus der üblichen Gemengelage „Politik-Medien-Gewerkschaften“ sowie aus politischen Interessenkonstellationen erwächst. Mit Twitter hat die aktuelle Diskussion aber auch gar nichts zu tun. Ich denke sogar, dass sich mit dem Geschnatter nicht mal ’ne Abmahnung verhindern lässt. Aber mal amüsiert weiter schaun, wie sich das Ding entwickelt.

  4. @Klingon Mummificato (#4)

    Ich denke du hast schon Recht, wenn du sagst das die Blog- und Twitterwelt in einigen Kreisen absolut überbewertet werden. Das Rauschen in dieser Szene ist noch viel zu groß und die Masse an Artikeln zu unübersichtlich und qualitativ extrem unterschiedlich. Das die DB vs. Netzpolitik Sache eine große Welle in dieser Szene schlug, war fast abzusehen, nur ich denke die Nachhaltigkeit macht das Entscheidene aus. Und wie es da weiter geht, hängt wirklich davon ab wie die „etablierten“ Medien das Thema nun übernehmen, falls nicht, bleibt es ein Nischenthema, auch wenn die üblichen Verdächtigen (taz, SPON) schon darüber berichtet haben.

    Spannend bleibt es auch jedenfall..man weiß ja nie…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.