Wissenschaftlicher Dienst des EPWer Kinder ausschließen will, muss Anonymität verbieten

VPNs sind ein Schlupfloch für Jugendliche, um Social-Media-Verbote zu umgehen. Das konstatiert eine Analyse des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments. Er stellt deshalb eine Personalausweispflicht für die VPN-Nutzung in den Raum. Dabei sind Werkzeuge zur Identitätsverschleierung wichtige Bestandteile einer Demokratie.

  • Martin Schwarzbeck
Eine Hand hält ein Telefon auf dem steht: VPN Protected.
VPNs sind wichtige Werkzeuge zum Schutz der Privatsphäre. – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Privecstasy, Bearbeitung netzpolitik.org

Alterskontrollen im Internet gefährden das Recht auf Anonymität. Sie schaffen eine umfassende Kontroll-Infrastruktur. Und zusätzlich scheinen sie weitgehend nutzlos zu sein. Jugendliche in Großbritannien umgehen sie mit falschen Schnurrbärten, elterlichen Ausweisen und der Nutzung von VPN-Diensten.

Diese Virtual Private Networks leiten Datenverkehr um und gaukeln den Diensteanbietern vor, dass sich die Nutzer*innen mit einer IP-Adresse aus einem Land einwählen, in dem keine Alterskontrollen gelten. Mit VPNs lassen sich auch staatliche Zensurmaßnahmen umgehen. Deswegen gehen autoritäre Regime, beispielsweise in Russland und China schon lange repressiv gegen sie vor.

Europa will den Zugang von Jugendlichen zu Social Media reglementieren. Eine dazu nötig App, mit der alle Nutzer*innen dann ihre Gesichter und Ausweise scannen müssten, ist laut Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) angeblich bereits fertig.

Nun richtet sich auch in Europa der Blick auf die VPN-Anbieter. Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments hat eine Analyse über VPNs und den „Schutz von Kindern“ geschrieben. Er sieht „eine Gesetzeslücke, die geschlossen werden muss“, so die Analyse, und stellt die Option vor, auch VPN-Anbietern Alterskontrollen aufzuzwingen. Er problematisiert, dass VPN-Dienste in Großbritannien enorm populär geworden seien, seit Jugendliche bestimmte Seiten nicht mehr betreten dürfen.

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Das Ende der Anonymität im Netz?

In Großbritannien wird gerade verhandelt, welche Dienste künftig mit Alterskontrollen und Zugangssperren für Minderjährige versehen werden sollen. Im Gespräch sind auch VPN-Dienste. Gegen die Ausweitung von Alterskontrollen über die Big-Tech-Plattformen hinaus stellten sich kürzlich zivilgesellschaftliche Akteure wie die Electronic Frontier Foundation und Unternehmen wie Mozilla oder Proton. James Baker von der Open Rights Group schreibt in einem Statement: „Die Ausweitung der Altersverifizierung wird die Vormachtstellung großer Technologieunternehmen festigen und kleine sowie ehrenamtlich betriebene Dienste schädigen, die sich die Einhaltung der Vorschriften möglicherweise nicht leisten können.“

Tatsächlich ist das Problem noch deutlich größer: Müssten Menschen zur Nutzung von VPN tatsächlich ihren Personalausweis vorlegen, ginge beispielsweise Whistleblower*innen oder Oppositionellen ein wichtiges Werkzeug verloren, ihre Anonymität zu gewährleisten. Journalist*innen könnten nicht mehr undercover oder in regional beschränkten Inhalten im Netz recherchieren, zivilgesellschaftliche Akteur*innen ihre Daten nicht vor staatlichen Zugriffen schützen.

Alle datenschutzinteressierten Privatpersonen verlören eine populäre und einfach zu nutzende Möglichkeit, ihre Identität gegenüber Plattform- und Websitebetreibern zu verschleiern. Die Möglichkeit, anonym und frei kommunizieren zu können, ist grundlegende Eigenschaft einer Demokratie.

Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck
    Darja Preuss

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042


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2 Kommentare zu „Wer Kinder ausschließen will, muss Anonymität verbieten“


  1. Anonym

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    „Wer Kinder ausschließen will, muss Anonymität verbieten“

    Genau das Ziel ist Sinn und Zweck der Übung.


  2. Anonym

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    Was mich ehrlich gesagt am meisten an dem ganzen entsetzt, ist dass der Vorschlag ausgerechnet vom wissenschaftlichen Dienst des Europaparlaments kommt.
    Eigentlich hätte ich gerade von denen mehr Realitätssinn erwartet.
    Bei Kommission oder Rat hätte es mich nicht mal gewundert.

    Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das alle VPN-Anbieter mitmachen werden.
    Vermutlich kommen dann in nächster Zeit Drohungen sich aus der EU zurückzuziehen.

    Bei den ganzen Forderungen, die die selbst ernannten „Kinderschützer“ mittlerweile stellen bzw bei den Verhältnissen, die die erzeugen wollen stelle ich mir inzwischen vor, wie es wohl wäre, wenn man mal als Experiment die Kinder wirklich für ein paar Monate in ein Land bringen würde, wo solche autoritären Verhältnisse schon herrschen wie die EU sie will.

    So wie die Politiker handeln muss es ja in diesen Diktaturen für die Kinder ja wesentlich sicherer als bei uns sein.

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