Auf den PunktÜberwachen macht einsam.

  • Anna Biselli

Liebe Leser:innen,

„Unter Anleitung der Konzerne, die allzu gerne alles über uns wissen wollen, bauen wir uns nun unsere eigene Überwachungsstruktur, mit der wir uns gegenseitig ausspionieren. Im Gegenzug bekommen wir selbst ein bisschen Macht über die Menschen um uns herum.“ Dieser Satz aus der Kolumne von Carla Siepmann hing mir noch ein bisschen nach. Sie beschäftigt sich mit „Smart Glasses“, kaum von normalen Brillen unterscheidbare Aufzeichnungsgeräte, für alle mit genug Geld verfügbar und eine riesige Bedrohung für unser aller Privatsphäre. Weil plötzlich hinter jedem mit Brille einer stecken könnte, der uns filmt – und es danach auf TikTok und Co. hochlädt.

Das gibt den Filmenden vielleicht Macht. Aber es macht auf lange Sicht auch ganz schön einsam, sowohl die Überwacher als auch die Überwachten. Denn wenn ich bei jedem zwischenmenschlichen Austausch Angst haben muss, gefilmt zu werden, wen sollte ich da noch ansprechen? Wenn ich Angst haben muss, ob ich jemandem auf seine Frage nach dem Weg antworten kann, ohne unfreiwillig viral zu gehen, werden vermutlich viele gute Zufallsbegegnungen verschwinden. Das wäre am Ende ganz schön traurig.

Besorgte Grüße

anna

Unsere Artikel des Tages

Bargeld-VerordnungWie die EU die Rolle des Bargelds stärken will

Mit der Einführung des Digitalen Euro versprechen die EU-Institutionen, auch das Bargeld zu stärken. Parlament und Mitgliedstaaten wollen etwa „No Cash“-Schilder wirkungslos machen. Damit reagieren sie auch auf Kritik von Bargeld-Befürworter:innen.

BreakpointWho’s your Big Brother?

Überwachung macht Spaß, wenn man es selbst tut. Mit dem Gefühl, Kontrolle über Andere zu haben, vermarkten Großkonzerne ihre neuen Überwachungssysteme für den privaten Gebrauch. Doch was der Sicherheit oder Unterhaltung Einzelner dienen soll, schadet der Sicherheit und Freiheit von uns allen.

Gefilmt, bestraft, zum Schweigen gebrachtWie russische Überwachungssoftware die georgische Zivilgesellschaft unterdrückt

Auch nach fast 580 Tagen demonstrieren in der georgischen Hauptstadt Tiflis jeden Abend Hunderte Menschen gegen die autoritäre Regierung. Der gelang es, die Protestbewegung in Georgien zu brechen: mit physischer Gewalt – und mit Gesichtserkennungssoftware und einem Netzwerk aus KI-gestützten Kameras. Eine Reportage.

Tickermeldungen

Lesenswert, wichtig und spannend – hier fasst die Redaktion netzpolitische Meldungen von anderswo als Linktipps zusammen.

Ticker-News von The Intercept vom 29. 06. 2026

Das US-Repräsentantenhaus könnte nächste Woche für den KIDS Act votieren, der starke Anreize für Alterskontrollen setzt. Das gefährde die Anonymität im Netz und damit Journalist:innen und Whistleblower, warnt The Intercept.

Ticker-News von Independent vom 29. 06. 2026

Der US-Autohersteller Ford verfolgt eine aggressive KI-Strategie und hat dabei viele ältere Arbeitnehmer:innen entlassen. Nun muss er hunderte sogenannte „Grau-Bärte“ wieder einstellen, weil es mit der Automatisierung nicht ganz klappt.

Ticker-News von Reuters vom 29. 06. 2026

US-Präsident Trump droht Ländern, die eine Digitalsteuer einführen wollen, mit Zöllen von 100 Prozent auf alle Importe. Frankreich arbeitet derzeit daran, die geltende Digitalabgabe auf 6 Prozent zu verdoppeln.

Ticker-News von FAZ vom 29. 06. 2026

Streaming-Anbieter bringen sich gegen die geplante Medienabgabe in Stellung: Laut einer von Amazon in Auftrag gegebenen Analyse sind die Investitionsverpflichtungen für Streaming-Plattformen nicht verfassungskonform.

Ticker-News von taz vom 29. 06. 2026

Die australische Regierung verdoppelt die Maximalstrafen für Plattformbetreiber, wenn sie das dortige Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige nicht ausreichend umsetzen, auf umgerechnet rund 60 Millionen Euro. Viele Jugendliche dort umgehen die Einschränkungen.

Ticker-News von tagesschau.de vom 29. 06. 2026

Der ugandische Armeechef Muhoozi Kainerugaba hat die Schließung mehrerer Medien der Nation Media Group angeordnet, Redaktions- und Senderäume wurden von Militärs umstellt. Kainerugaba hatte mitgeteilt, er glaube nicht an die freie Presse.

Über die Autor:innen

  • Anna Biselli

    Anna ist Co-Chefredakteurin bei netzpolitik.org. Sie interessiert sich vor allem für staatliche Überwachung und Dinge rund um digitalisierte Migrationskontrolle.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Telefon: +49-30-5771482-42 (Montag bis Freitag jeweils 8 bis 18 Uhr).

    Foto: Darja Preuss


Veröffentlicht

Kategorie

Schlagwörter

Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Schreibe eine Ergänzung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert