Transparenzbericht Juli 2022Das erste Mal ist immer Lernen

Seit Beginn ist netzpolitik.org in einem steten Wandel. Vom privaten Blog bis zum preisgekrönten 20-köpfigen Team war es ein langer Weg. In diesem Jahr änderte sich einiges bei uns: Strukturen, Aufgaben, Rollen. Dabei wissen wir, dass Veränderung auch ein Wagnis ist.

Kinder beim Spielen am Strand
Ins kalte Wasser springen und Schwimmen lernen! CC public domain Edward Henry Potthast

Wir alle kennen es: Das erste Mal zur Schule gehen. Das erste Mal Tapete anbringen. Das erste Mal am Flughafen stehen. Oder – das kennen wir nicht alle – einen ebensolchen bauen. Bei Letzterem steigt die Fehleranfälligkeit noch zusätzlich, denn mit jedem weiteren involviertem Menschen und zunehmender Komplexität nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, ins Stocken zu geraten.

„Verbrannt und trotzdem roh“

Ich kann davon aus eigener Erfahrung berichten. Vor vielen, vielen Jahren war ich Kandidatin bei einer Kochsendung im Fernsehen. Ich bereitete mich vor, trainierte alle Basics wie Hollandaise und Mayonnaise. Ich konnte alles im Schlaf zubereiten. Ich dachte, ich bin gut vorbereitet. Doch als ich dann im Studio stand, funktionierte nichts mehr. Die Mayonnaise emulgierte nicht. Das Lauchgemüse wurde vom Juror als „verbrannt und trotzdem roh“ beschrieben.

Was war passiert? In der Studioküche stand ein Induktionsherd, die Zutaten waren anders temperiert als bei mir zuhause und Kameras waren auf mich gerichtet. Bis dahin hatte ich noch nie an einem Induktionsherd gestanden. Wir hatten nur 35 Minuten, um drei Gänge zu kochen. Wir haben uns zwar grob überlegt, was wir kochen wollen, aber wir kannten die Stolpersteine nicht, die auf unserem Weg lagen und so konnten wir sie nicht vorausschauend umgehen.

Gewonnen hat damals das andere Team. So ist das manchmal. Wir haben falsch eingeschätzt, worauf es wirklich ankommt, um die Situation zu meistern. Erfahrung gibt es nicht vom Reißbrett. 

Wir wagen Veränderung

Auch netzpolitik.org sammelt nun neue Erfahrungen unter neuen Bedingungen. Denn auch wenn wir wissen, dass Veränderungen anstrengend sein können und manchmal risikobehaftet sind, wollen wir eine Struktur, die uns nachhaltiges Wachstum ermöglicht. Über diesen Organisationsentwicklungsprozess haben wir in den Transparenzberichten schon oft geschrieben. Für uns bedeutet das derzeit immer noch sehr viele erste Male.

Im Juli entschieden wir uns zum Beispiel, die geplante Stelle in der IT auf zwei neue Menschen aufzuteilen und der erste Arbeitstag der zweiten Hälfte unserer Chefredaktion nahte. Das ist Teil einer grundsätzlichen Neuerung bei uns: Rollen mit klaren Profilen und damit verbunden mehr Aufgabenteilung.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich selbst sämtliche Accounts für Neuankömmlinge erstellte und sie in unsere technische Infrastruktur einführte, die Buchhaltung vorbereitete oder auch Praktikumszeugnisse mitschrieb. Und so wie mir ging es vielen bei uns. Ebenso war die Position der CvD (Chefin vom Dienst) lange Zeit im Rotationsprinzip organisiert, also die Aufgabe, das Alltagsgeschäft unserer Redaktion zu koordinieren. Mehrere Menschen aus dem Team wechselten sich regelmäßig bei dieser Aufgabe ab. Das ist seit einiger Zeit vorbei. Es gibt nun Menschen bei uns im Team, die Bereiche vollumfänglich verantworten.

Die Wollmilchsau muss keine Eier mehr legen

Aus einem generalistischen Team wird auf diese Weise nach und nach ein spezialisiertes. Es machen nicht mehr alle alles, es können nicht mehr alle alles – obwohl immer noch einige von uns im Notfall viele Tätigkeiten übernehmen können.

Die Aufgabenbereiche einzelner Personen wuchsen in den vergangenen Jahren enorm an und wurden dabei zu groß für nur eine Person. Nun kommen Menschen mit unterschiedlichsten beruflichen Spezialisierungen und Fähigkeiten zu uns. Alle verfügen über spezielles Wissen, das andere nicht haben. Das ist gut so, denn es ist heute schier unmöglich, all das zu können, was notwendig ist, damit netzpolitik.org funktioniert. Gerade deswegen arbeiten wir viel in interdisziplinären Teams, um blinde Flecken zu sehen und voneinander lernen zu können.

Wir überwachen die Überwacher.

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Dadurch ergeben sich andere Arbeitsstrukturen und Entscheidungsfindungen. Es braucht Vertrauen in die Kompetenzen der Anderen und die Fähigkeit, loszulassen und Kontrolle abzugeben.

Volle Energie für Grund- und Bürgerrechte

Für mich persönlich ist es das spannendste Jahr hinter den Kulissen von netzpolitik.org. Jetzt setzen wir alles daran, dass aus der Eingewöhnung neue Routinen erwachsen. Es werden Fehler passieren. Aber die ersten Male werden bald zu Erfahrungswissen gerinnen. Und manchmal wird ein Fehler auch zu Penicillin.

Eines aber wird sich nie ändern: Die Werte und Prinzipien, für die netzpolitik.org einsteht. Denn worauf es am Ende des Tages bei uns ankommt, ist der Einsatz für digitale Grund- und Freiheitsrechte. Die Professionalisierung unserer Organisation sorgt dafür, dass wir unsere Energie bestmöglich darauf verwenden können. Denn klare Abläufe bedeuten weniger Reibungsverluste.

Wir danken allen Leserinnen da draußen, die uns bei alldem schon bis zu 18 Jahre begleiten! Und wir heißen ganz herzlich willkommen all jene willkommen, die uns erst seit Kurzem lesen. Um für digitale Freiheit einzutreten – und damit gegen jene anzutreten, die über weit mehr Ressourcen verfügen als wir, braucht es jedoch nicht nur feste Überzeugungen, sondern auch finanzielle Unterstützung. Deswegen sind wir für jeden Euro dankbar, der uns ermöglicht, dagegenzuhalten. Ohne euch geht es nicht.

Die harten Zahlen für den Juli

Durch den Wechsel zu DATEV als Buchhaltungslösung haben sich unsere Auswertungen in der Kategorisierung leicht verändert. Für manche Konten haben wir neue Kategorien (z.B. „Infrastruktur“) eingerichtet, andere (wie zum Beispiel Abschlusskosten) haben wir umsortiert, damit alles eher der betrieblichen Realität entspricht. Wie ihr im vorangegangen Transparenzbericht lesen konntet, gab es im Juni einen Fauxpas, aufgrund dessen wir die Lastschriftaufträge erst im Juli durchführen konnten. Somit lagen die Spendeneinnahmen im Juli ausnahmsweise bei traumhaften 73.426 Euro. Trotzdem überstiegen die Ausgaben in diesem Monat mit insgesamt 89.500 Euro immer noch die Einnahmen. 

Nennenswert sind hier insbesondere Kosten für die Steuerberatung, die uns beim Abschluss 2020 unterstützt hat und dabei half, von einer externen Finanzbuchhaltung zu einer internen zu wechseln. Dieser Bereich ist nun wunderbar aufgestellt und spart in Zukunft viel Zeit und Geld. Der Bereich Fremdleistungen belief sich unterm Strich auf 13.584 Euro. Entsprechend hoch fällt die von uns gezahlte Vorsteuer aus, von der wir als gemeinnütziger Verein leider nicht viel zurückbekommen werden. Die Ausgaben für Umsatzsteuer saldieren daher knapp über 3.000 Euro.

Unsere Einnahmen und Ausgaben im Juli 2022
Unsere Einnahmen und Ausgaben im Juli 2022 - CC-BY-NC-SA 4.0 owieole

Unser Fanartikelstore wurde mit neuen Artikeln bestückt, die mit 547 Euro zu Buche schlagen. (Werft gerne mal einen Blick in den Store – vielleicht ist etwas für euch dabei! Besteller seit eh und je ist die Metadaten-Tasse.) Dem gegenüber stehen Einnahmen aus dem Verkauf von Merch von gut 1.600 Euro, wovon allerdings der größte Teil aus zurückliegenden Monaten stammt. Die Personalkosten machen, wie bei den meisten Betrieben, den größten Posten aus, liegen aber mit 65.814 Euro voll und ganz im Durchschnitt.

Neben der üblichen Büromiete fielen weitere Raumkosten für die Örtlichkeit unseres Organisationsentwicklungstreffens an, weshalb die Raumkosten insgesamt knapp 4.000 Euro betragen. Das schlägt sich entsprechend im Bereich Bewirtung/Aufmerksamkeiten von insgesamt 832,30 Euro nieder. Der neu gebildete Bereich Verwaltung/Infrastruktur enthält von Abgaben bis hin zu Porto und IT-Ausgaben verschiedenste Posten, die im täglichen Betrieb anfallen. Hier ist durch einen Buchungsfehler der Betrag für Bankgebühren aus dem Juni im Juli eingeflossen, weshalb diese mit 1.138 Euro etwas höher als üblich ausfallen.

Wir machen's nicht für Klicks

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Somit verbuchen wir im Juli ein betriebliches Ergebnis von -11.384 Euro.

Wir bei anderen im Juli 2022

An dieser Stelle wollen wir abschließend einen kurzen Ausschnitt zeigen, wie andere Medien unsere Artikel, Themen und Expertise aufgegriffen haben:

  • Wird zu wenig über Pornos geschrieben? Dieser Frage widmeten sich im Deutschlandfunk Sebastian Meineck, Janne Knödler (Spiegel) und Bettina Schmieding (Dlf Medienredaktion). Sebastian hat zusammen mit Chris Köver den Porno zu netzpolitik.org geholt. Es geht dabei um DeepFakes, digitale Gewalt oder Zahlungsinfrakstrukturen, um nur einige Aspekte zu nennen. Ob zu wenig journalistisch über Pornos geschrieben wird, kann ich nicht beantworten, aber genug zu berichten gibt es in jedem Fall über diesen riesigen Bereich des World Wide Web.
  • Das Thema Chatkontrolle lässt uns nicht los. netzpolitik.org berichtet unermüdlich über alle neuen Entwicklungen, Argumentationen und Gesetzesentwürfe. Unser Bericht über die Agenda des G7-Gipfels wurde vom Standard aufgegriffen, da dieses Thema nicht mehr nur in der EU heiß umkämpft ist. Großbritannien geht dabei ihren eigenen Weg und hat bereits einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht.
  • Erstmalig wurden wir im Juli von illustren Seiten zitiert, mit denen wir sonst eher wenig Schnittmenge haben. Grund war die Veröffentlichung eines Rundbriefs der Glücksspielaufsicht, der in der Glücksspielbranche für Aufsehen sorgte.

Danke für Eure Unterstützung!

Wenn ihr uns unterstützen wollt, findet ihr hier alle Möglichkeiten. Am besten ist ein Dauerauftrag. Er ermöglicht uns, langfristig zu planen:

Inhaber: netzpolitik.org e. V.
IBAN: DE62430609671149278400
BIC: GENODEM1GLS
Zweck: Spende netzpolitik.org

Wir freuen uns auch über Spenden via Paypal.

Wir sind glücklich, die besten Unterstützerinnen und Unterstützer zu haben.

Unseren Transparenzbericht aus dem Juni findet ihr hier.

Vielen Dank an euch alle!

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Eine Ergänzung

  1. Ich denke nicht das Pornographie ein eigens Thema werden sollte.

    Es gehört zu jener Gruppe die sich die Populisten und Rechten zu eigen machen Hass zu schurren.

    Dahingehend denke ich das es Aufgabe von Netzpoltik.org sein sollte, jene in die Pflicht zu nehmen die es besser wissen müssten und schweigen.

    Diese Pflicht vermisse ich leider in Netzpoltik.org ebenso wie bei den Leitmedien. Damit gleiten Themen leider oft genug in Ideologien ab, ohne das die Menschen die Hintergründe und Problem verstehen.

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