InformationskontrolleTikTok würgt Diskussion über LGBTQ, Heterosexuelle und Drogen ab

Die prominente Videoplattform setzt Wortfilter ein, die eine Diskussion über bestimmte Themen erschweren. Derartige Einschränkungen bei der Meinungsfreiheit stehen bei TikTok offenbar auf der Tagesordnung.

Handy mit TikTok-Logo in einer Hand
Schon wieder erwischt: TikTok blockiert harmlose Begriffe und unterdrückt damit bestimmte Diskussionen. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / NurPhoto

TikTok bleibt seinem Ruf als Plattform rigider Informationskontrolle treu. Recherchen von NDR, WDR und Tagesschau zeigen, dass der Konzern offenbar mindestens 20 Wörter über automatisierte Filter sperrt. Enthalten Kommentare einen dieser Begriffe, erscheinen diese nicht unter den Videos, so das Ergebnis der Recherche, die mit Hilfe mehrerer Test-Accounts erfolgte.

Laut dem Bericht werden Nutzer:innen nicht darüber informiert, wenn TikTok ihren Kommentar blockiert. Schon im Februar hatten NDR, WDR und Tagesschau eine ähnliche Untersuchung auf TikTok durchgeführt. Die jetzige Recherche sollte überprüfen, ob das soziale Netzwerk seine Praxis geändert hat – was offenbar nur teilweise der Fall ist.

Folgende Wörter hat TikTok im September 2022 laut den Recherchen gesperrt:

Cannabis
Crack
Drogen
Gas
gay
Heroin
Heterosexuelle
homo
Kokain
LGBTQ
LGBTQI
LSD
Nazi
Porno
Pornografie
Prostitution
schwul
Sex
Sexarbeit
Sklaven

Als die Journalist:innen TikTok mit ihren Rechercheergebnissen konfrontierten, sagte eine Unternehmenssprecherin, dass das chinesische Unternehmen Technologien einsetze, die „proaktiv nach Kommentaren suchen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen oder die ein Spam-Verhalten darstellen“. Zugleich räumte die Sprecherin Fehler ein: „In diesem Fall wurden Kommentare, die nicht gegen unsere Community-Richtlinien verstießen, fälschlicherweise als potenziell schädlich gekennzeichnet.“ Die Reaktion folgt einem Muster: Jedes Mal, wenn TikTok bei der Informationskontrolle erwischt wird, gelobt es Besserung. Auswirkungen hat dies jedoch meist nicht.

Lange Geschichte von Zensur und Informationskontrolle

Die erfolgreiche Video-App, die laut TikTok hierzulande etwa 20 Millionen Menschen nutzen, hat eine lange Geschichte von Zensur und Informationskontrolle. Bis ins Jahr 2019 unterdrückte die Plattform laut Recherchen von netzpolitik.org Inhalte, die über Proteste und Demonstrationen berichteten. Zudem drosselte es die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen. Im Jahr 2020 kam heraus, dass TikTok LGBTQ-Themen und politische Hashtags in russischer und arabischer Sprache sperrte.

Im Februar dieses Jahr wurde bekannt, dass das Unternehmen den Begriff „Umerziehungslager“ blockierte, was offenbar in Zusammenhang mit der Unterdrückung der uigurischen Minderheit in China steht. TikTok erklärte dies mit „veralteten Sprachschutzmaßnahmen“ und dem englischen Wort „slag“, das es blockierte. Die Buchstabenfolge slag ist im deutschen Wort „Umerziehungslager“ enthalten. Und im Mai trat zutage, dass TikTok unter dem Hashtag #Xinjiang vor allem malerische Landschaften zeigte. Xinjiang ist das Siedlungsgebiet der Uiguren. In Russland hingegen unterwarf sich das Unternehmen der rigiden Zensur des Landes, indem es den dortigen Nutzer:innen nur noch Inhalte zeigte, die aus Russland stammten.

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Eine Ergänzung

  1. Während die Politik in USA und DE noch über ein Haftungsregime nachdenkt, damit die algorithmische Echokammer der sozialen Medien nicht länger Radikalisierung hervorruft und beschleunigt, ja, während dessen machen Konzerne wie TikTok schon eine eigene Politik.
    Wer Inhalte oder gar die Ersteller der Inhalte nach geheimen Listen (vor)filtert und aussortiert darf mMn das Provider-Privileg nicht länger in Anspruch zu nehmen.

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