AudacityAudio-Schnittprogramm will Daten sammeln und mit Regierungen teilen

Die bekannte Open-Source-Software Audacity wurde aufgekauft, der neue Besitzer änderte kürzlich die Datenschutzbestimmungen. Kritiker:innen sagen, dass die Anwendung nun zum Ausspähen genutzt werden kann. Sie wollen das Programm nun unabhängig weiterentwickeln.

Audioaufnahme Audacity
Audacity wird zum Beispiel zum Aufnehmen und Bearbeiten von Podcasts verwendet. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Co Women

Ärger beim beliebten Audio-Schnittprogramm Audacity. Nachdem das Unternehmen Muse Group die Open-Source-Software gekauft hat, änderte sie die Datenschutzbestimmungen. Nach deren Einführung häuft sich die Kritik an der Datensammel-Praxis des Unternehmens.

Die Muse Group will über das bekannte Audioschnittprogramm personenbezogene Daten sammeln und diese mit Dritten in verschiedenen Ländern teilen dürfen. Nutzer:innen werfen der Firma vor, dass es das Schnittprogramm damit zur „Spyware“ umgebaut habe.

Die Muse Group ist ein internationales Unternehmen, das erst in diesem Jahr gegründet wurde. Neben Audacity betreibt es ein Gitarren-Portal und ein Programm für Musiknoten. Audacity gibt es schon wesentlich länger: Das Programm ist seit der Veröffentlichung 2000 als offene und kostenlose Software für einfache Audioschnitte bekannt geworden. Daran ändert sich gerade offenbar einiges.

Daten zur „Rechtsdurchsetzung“ an Regierungsbehörden

Seit dem Update vom 2. Juli steht in den Datenschutzbestimmungen der Audacity Desktop-App, dass sie bestimmte Daten zur Analyse und zur Verbesserung der App sammelt, beispielsweise anhand der IP-Adresse das Land der Nutzer:innen.

Doch Audacity will Daten auch zum Zweck der „Rechtsdurchsetzung“ sammeln. Welche Informationen das genau betrifft, bleibt vage: „Daten, die für die Rechtsdurchsetzung, Rechtsstreitigkeiten und Anfragen von Behörden erforderlich sind“, heißt es.

Etwas konkreter werden die Bestimmungen in dem Punkt, an wen das Unternehmen personenbezogene Daten weitergeben kann. Unter anderem werden an der Stelle Behörden zur Strafverfolgung, Regierungsbehörden oder Gerichte genannt.

Ein Problem sehen Kritiker:innen außerdem darin, dass IP-Adressen einen Tag lang identifizierbar gespeichert werden. Die personenbezogenen Daten liegen laut Audacity auf Servern im europäischen Wirtschaftsraum. „Allerdings sind wir gelegentlich dazu verpflichtet, persönliche Daten mit unserem Hauptquartier in Russland und externen Beratern in den USA zu teilen“, so die Datenschutzbestimmungen.

Vor diesem Hintergrund weniger brisant scheint die Kritik daran, dass mit den neuen Datenschutzbestimmungen auch ein Mindestalter für die Nutzer:innen von 13 Jahren vorgeschrieben wird, obwohl das der Lizenz widerspricht, unter der die Software veröffentlicht ist.

„Haltet euch von Audacity fern“

„Man würde nicht erwarten, dass eine Offline-Desktop-Anwendung solche Daten sammelt und diese Daten dann an Regierungen auf der ganzen Welt weitergibt, wann immer sie es für richtig hält“, kritisiert ein Artikel in Foss Post die neuen Datenschutzbestimmungen. „Wenn ihr euch von solchen Dingen fernhalten wollt, dann haltet euch von Audacity fern.“

Genau das möchten viele Nutzer:innen, die sich auf Twitter, GitHub und Reddit austauschen, jetzt tun. Sie wollen die Software forken, also mit dem offenen Quellcode von Audacity ein identisches Programm weiterentwickeln und veröffentlichen, das besser mit den personenbezogenen Daten umgeht. Momentan diskutiert die Community noch über den Namen, lange dürfte die Audacity-Alternative also nicht mehr auf sich warten lassen.

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten. Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

 

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

13 Ergänzungen

  1. Als Open Source Teil also tot.

    Langsam also vergleichen zu kommerzieller Software (Reaper, Bitwig, ….), oder gibt es etwas Brauchbares für wenig Aufwand?

    Es gibt Kommandozeilentools usw., wenn es „nur“ um Aufnahmen geht, aber so ein bischen komfortabel Schneiden und Mischen?

    1. Falls dir ‚mehrspurigkeit‘ nicht wichtig ist kann ich ocenaudio empfehlen
      pro:
      win,mac, linux
      ansprechendes GUI (mochte ich an Audacity nie) :)
      Wellenform und/oder Spectral Anzeige
      VST support
      sämtliche Tastaturkürzel editierbar
      unterstützte Audioformate

      con:
      Kein Mehrspurbetrieb
      teilweise grottige Übersetzung (Dither = Zittern ???)

      Ansonsten halte ich Cockos Reaper für sehr unterstützenswert. Soviel DAW für so wenig Geld und keine Überfrachtung mit irgendwelchen Samplelibraries die man eh nicht nutzt. Unglaubliche Freiheit und Flexibilität sowohl im Routing als auch bei der grafischen Oberfläche.

      1. OceanAudio ist mehrkanalig: Datei/Neu/Kanäle/Mehrkanalig/8 channels. Nur das Hinzufügen von weiteren Spuren zu z.B. einer Stereo-Datei, mit der mal angefangen wurde, geht dann nicht. Sonst recht flott.

      2. Also ocenaudio sieht ganz gut aus – für die eine Anwendung (Probehören von Aufnahmen aus dem Feld bzw. auch im Feld). Bisher habe ich eine Monodatei in „Sonic Visualizer“ geladen, wenn es sein musste bzw. sollte. Mehrspur mit (2D) Panning und VST-Unterstützung wäre schon sehr gut, da verschiedene Aufnahmeformate resultieren können (Mehrspur-bwv oder 2-4 einzelne Monospuren). Spektrogrammansicht ist da ein Muss, falls ad-hoc nach irgendwas nicht Lautem gesucht wird (Kuh, Wolf, Auto, Kauz). Sonic Visualizer kann auch mehrere Dateien laden, und scheint flexibler in der Darstellung (Zoom im Spektrogtamm nötig), allerdings hat es auf meinem System einige Macken, z.B. hat das Abspielen öfters mal eine Verzögerung von bis zu Unendlich.

        Dann brauche ich schon eine DAW auf Linux, um auch dort etwas aufnehmen oder zusammensetzen zu können, und sei es auch nur zur Mehrspuraufnahme und/oder grobem Mix zum Überblick einer solchen. Tatsächlich ist Reaper da ein guter Kandidat. Mit einem anpassbarem Spektrogramm wäre z.B. Reaper natürlich auch für die oben genannte Aufgabe geeignet, egal ob VST oder „nativ“.

        Windows wir wohl nicht völlig entfernbar sein, vor allem bei virtuellen Instrumenten, aber das ist ein anderes Thema (Librarydownloader, Lizenzprüfungsroutinen bzw. Drittherstellersoftware, Dongletreiber).

  2. Etwas präzisere Infos als “ ein internationales Unternehmen“, wo der Sitz ist, wem das Unternehmen mutmaßlich gehört…, würde ich auf einem seriösen Nachrichtenportorg schon erwarten.

  3. Unter https://github.com/audacity/audacity gibt’s den Quellcode von Audacity. Ich bin kein Programmierer, also korrigiert mich gerne, wenn ich da völlig falsch liege:
    Ist es nicht möglich mit den Quellen den Code über Diffs rauszufiltern, der die Datensammelei abbildet und sich das einfach selbst zusammen zu bauen? Oder zu forken mit genau dem ziel, die alte Datensparsamkeit zu erhalten? Machen wir n Freedacity draus :D Oder verpeil ich grad die Schwierigkeit dahinter erheblich?

      1. Was mich immer irritiert ist der Umstand, dass Leute hier wissentlich Ressourcen verbrennen. Die Audacitymacher implementieren was, was absehbar nicht gut aussieht und liefern damit Gründe, dass wir mehr ressourcen für was vorhandenes gutes (audacity in seinen Funktionen ist gut ;-) aufwenden müssen und sich mehr Leute gedanken machen ob wir audacity oder die variante ohne unveranlasste Datenverarbeitungen in die Distribution einbauen.

        Ich kann auch nicht im entferntesten nachvollziehen, wieso das gemacht wurde. Die Insights an der Stelle sind mir bislang viel zu oberflächlich.
        Das ist so fernab der Kernfunktion der Anwendung.

        Böse Zungen könnten vermuten, dass hier wieder die Rechteinhaberlobby an der Arbeit ist und beweisen will, dass sie auch bei offenen opensource ihr DRM unterbringt. Die avisierte Datenverarbeitung wäre jedenfalls eine gute Basis für sowas.
        Ich muss mal schnell auf zwei Maschinen Audacity runter hauen, da läuft nämlich die aktuelle Version wie ich vorhin festgestellt habe ;-)

        1. Ich würd erstmal abwarten, was aus dem Fork wird und ob die Aufregung nicht doch vielleicht schnell wieder vergessen ist.

          Ansonsten würde ich für den Hobby-Bereich denken: Wenn man nicht die aktuelle Version schon hat, kann man sicher noch eine Weile mit ner älteren Audacity-Version arbeiten.

  4. Möglicherweise wird die Namensdiskussion mit recht harten Bandagen geführt, jedenfalls wurde der im Artikel verlinkte Issue gelöscht. Stattdessen findet sich nun im gleichen Projekt ein Issue [1], wo ein Entwickler seinen Rücktritt als Maintainer erklärt und als Hintergrund 4chan für physische Angriffe auf seine Person verantwortlich macht.

    [1]: https://github.com/tenacityteam/tenacity/issues/99

  5. Was im Trubel um die Privacy Policy untergeht: Etliche Entwickler machen sich Sorgen um MUSEs CLA, die derzeit Änderungen der Lizenz nicht ausschließt. Wenn von Muse kein eindeutiges Commitment in Richtung FOSS kommt, dürfte die Abwanderungen zu Forks sich beschleunigen.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.