Die Sonne scheint. Es ist warm. Das Team verweilt an einem See irgendwo in Brandenburg und diskutiert, tanzt, lacht, schüttelt den Kopf, verdreht die Augen. Wir sind mittendrin in der großen Klausurtagung 2019. Diesen Moment des Auseinanderdriftens und Zusammenfindens konnten wir in diesem Jahr so nicht erleben, denn essenzieller Bestandteil dieser zwei Tage ist eine gemeinsame Übernachtung und der Abend des ersten Tages.
Nach langen Stunden harter Debatten und Richtungsentscheidungen, geht es in die Nacht des großen Konsens. Ole backt die leckerste Pizza, Markus Lachen hallt durch die Nacht, ein Waschbär läuft durch die Küche.
Man mag nicht glauben, wie wichtig diese eine Nacht im Jahr für uns ist, denn zwischen unseren Vorstellungen, was ist netzpolitik.org ist, was es sein soll, wo es hin soll, liegen trotz aller Gemeinsamkeiten teilweise Welten. In dieser Nacht rücken die Welten zusammen.
„Endlich können wir Dinge besprechen, ohne es zu hassen.“
Die erste Klausurtagung ereignete sich im Jahr 2016 an einem See jwd. In diesem Jahr wurde netzpolitik.org signifikant größer. Was jahrelang implizit in einer kleinen Gruppe geregelt wurde, mussten wir für das neue Team beschreiben und neu diskutieren. Viele Strukturen, Funktionen, Prozesse gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. netzpolitik.org stand vor einer wichtigen Phase des Erwachsenwerdens.
Zu Wachstum gehören auch oft Wachstumsschmerzen, wir sind da keine Ausnahme. Vermeintliche Selbstverständlichkeiten bekommen Risse. Wofür genau wollen wir jeden Tag aufstehen? An welchem gemeinsamen Strang ziehen wir? Nach diesen zwei Tagen war klar, dass wir uns jedes Jahr einmal zurückziehen müssen, um vom Tagesgeschäft zum großen Ganzen zu wechseln. Wenn etwas schmerzt, löst es sich häufig nicht von allein auf. Grundlegende Fragen während des Tagesgeschäfts zu lösen, funktioniert nicht. Die Konzentration, die Zeit und der Fokus fehlen. Einer will unbedingt noch einen Text fertigschreiben, eine andere hat einen wichtigen Termin. Für die wichtigen Fragen braucht es einen angemessenen Raum. Dieses neue Format war somit ein Meilenstein, um Dinge zu besprechen, ohne es zu hassen.
„Wenn ich hier aufhöre, fange ich beim Postillon an.“
Das Tagesgeschäft von netzpolitik.org ist häufig nicht so lustig. Ganz abstrakt gesprochen besteht es daraus, abzuwehren, dass Organe dieses Staates die Asymmetrie im Machtverhältnis gegenüber der Bevölkerung weiter ausbauen. In dieser ständigen zermürbenden Reaktionskette bleibt auf der Strecke, eine positive Vision dieser Welt zu entwicken. Mehr oder weniger ist das ein Problem sehr vieler progressiver Bewegungen – man ist dermaßen mit dem Abwehrkampf beschäftigt, dass versäumt wird, eine Welt zu gestalten, für die es sich zu kämpfen lohnt. Es reicht nicht, nur eine Dystopie verhindern zu wollen. Ohne Gegenentwurf bleibt die Welt im allerbesten Fall so, wie sie ist. Auf der großen Klausurtagung im Jahr 2017 sprachen wir viel über diesen Gegenentwurf – aufzuzeigen, wo es positive Entwicklungen gibt und darzustellen, wie man dahin kommt. Die Good News eben. Auch für uns.
Was meint ihr? Fehlen bei uns die guten Nachrichten?
„Der Punkt ist brillant.“
2018 – das neue Logo war in Planung. Zum ersten Mal verstärkte ein ausgebildeter Grafik-Designer das Team. Die Zeit war reif für eine Neugestaltung von netzpolitik.org – obwohl berechtigte Angst geäußert wurde, dieses starke Symbol von netzpolitik.org anzufassen. Der gesamte Relaunch der Website nahm auf der Klausurtagung 2018 einen großen Raum ein und wie es eben so ist, wenn die äußere Gestalt eines Produktes verändert wird, sammelten sich auch in der Community sehr viele Meinungen. Eine unserer liebsten Anmerkungen hängt in einem Rahmen an der Bürowand und gewann Meme-Charakter bei uns.

Eine gestalterische Veränderung bedeuet natürlich auch eine Festigung dessen, was netzpolitik.org ist. Und wir befanden uns in einer Phase, in der wir uns ein wenig vom 2000er-Blogvibe verabschiedeten und in eine klarere, aufgeräumtere Variante von uns übergingen. Verloren wir dadurch das Rotzige, Schnelle und Wilde ein Stück weit? Der Verlust des „Bloggigen am Blog“ wurde schon auf dieser Klausurtagung befürchtet. Und es gilt für uns bis heute eine Balance zu finden zwischen Texten wie Teflon und Rants wie 2004.
„Das Gute ist, dass wir drei sehr viele Meinungen haben.“
Der Tag am See im Sommer 2019 fing mit dem an, was wir 2017 schon als Wunsch formuliert hatten. Wie sieht eigentlich die gute Netzpolitik aus? Am Ende hingen um die fünfzig Zettel an der Wand, die eine Welt beschreiben, in der wir gern leben möchten. Es war gar nicht so schwer. Die Ergebnisse waren unglaublich vielfältig und nahezu jeder netzpolitische Bereich wurde bedacht. Bis heute schlummern diese Aufzeichnungen in unseren Protokollen. Die Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht, weil es bei jedem Punkt immer noch etwas zu schleifen gab. Habt ihr Interesse, die Ergebnisse zu sehen und zu kommentieren?
Die harte Zahlen
Auch wenn der Ausflug zum See in diesem Sommer ausfallen musste, kamen wir für eine kleine Klausur zusammen, denn Videokonferenzen haben ihre Grenzen. Die Ausgaben dafür fallen im Transparenzbericht für den Juli ins Auge. Wir trafen uns in einem Berliner Club, draußen und mit Abstand, und sind zumindest froh, dass wir die Berliner Clubkultur ein bisschen unterstützen konnten. Einmal Mittagessen, Kaffee, Getränke für alle und schon sind die aufgeführten 713 Euro verbraucht. Der Gewinn eines solche Zusammenkommens ist jedoch enorm und deswegen jeden Euro wert. Wir mussten unter anderem darüber reden, wie wir in der Pandemie arbeiten wollen, wie es uns damit geht und wie wir trotz aller Distanz die Verbindung zueinander nicht verlieren.
Wie im Transparenzbericht aus dem Juni schon gespoilert, gab es auch im Juli völlig überraschend eine sehr große Einzelspende in Höhe von 14.000 Euro. Erneut traute ich meinen Augen kaum. Da ich in der Vergangenheit für diesen Spender schon einmal einen Spendenbescheinigung ausstellte, wusste ich, dass das kein Fehler sein kann. 14.000 Euro decken die monatlichen Ausgaben für fast drei volle Stellen. Mit dieser Spende allein wurde also fast ein Drittel unser Personalkosten finanziert. Für uns ist das eine große Sache. Auch unabhängig von dieser großen Einzelspende lief es sehr gut. Etwas über 50.000 Euro wurden im Juli exklusive der großen Einzelzuwendung gespendet. Wenn diese Summe regelmäßig erreicht werden könnte, wäre das ein großer Sprung für uns.
Zum Vergleich: Im Juli 2019 betrugen die Spendeneinnahmen 10.000 Euro weniger. Ein Anstieg von 25 Prozent ist großartig. Im August 2020 wird dieser Anstieg nicht zu halten sein, aber die Tendenz stimmt uns sehr freudig. Im siebten Monat des Jahres wurden 51 Prozent des jährlichen Spendenziels erreicht. Tatsächlich wurden 2019 schon 55 Prozent erreicht, aber – wie schon in den vorangegangen Transparenzberichten erwähnt – ist das in Anbetracht unserer Erhöhung des Spendenziels und einer Pandemie nach wie vor überwältigend.
Bei den Ausgaben gab es neben den üblichen Kosten vor allem einen Posten, der ins Gewicht fällt: die Fremdleistungen. Hier verbirgt sich eine Jahresrechnung unserer Steuerberatung, inklusive Steuerklärung.

Wir achten sehr darauf, die monatlichen Ausgaben stabil zu halten, um dann flexibel zu sein, wenn es notwendig ist. Und natürlich auch, um Planungssicherheit für alle Beteiligten herzustellen. Das betrifft alle Personen, die bei uns arbeiten, aber natürlich auch unsere Spender:innen. Wir wollen verlässlich sein. Gerade in einer Zeit der großen Zäsuren.

Alles in allem war der Juli ein sehr guter Monat. Und auch wenn alles etwas anstrengender ist als sonst, motiviert uns die verlässliche Unterstützung ungemein. Vielen Dank dafür!
Danke für Eure Unterstützung!
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Unseren Transparenzbericht aus dem Juni findet ihr hier.
