Transparenzbericht

Unsere Einnahmen und Ausgaben und weitermachen, als wäre nichts

Es ist der vierte Monat, in dem vieles anders ist. Prozesse und Strukturen wurden daran angepasst. Die tägliche Videokonferenz ist Normalität geworden. Die Spenden laufen gut. In diesem Jahr wurden wir bereits von zwei sehr großen Spenden überrascht. Aber irgendetwas pocht da.

Ein Mensch taucht unter.
Beliebter Topos für Untertauchen: Untertauchen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Jeremy Bishop

Auf der Arbeit sollen alle gleich sein. Ein Haus im Grünen, 40 m² in Kreuzberg, ein WG-Zimmer in einer WG mit drei Leuten oder dreißig. Ein Mensch im eigenen Haushalt, kein Mensch im eigenen Haushalt, zu viele Menschen im eigenen Haushalt. Einsamkeit oder Alleinsein. Keine Kinder, ein Kind, zwei Kinder, zwei Eltern, alleinerziehend. Doppelter Boden oder nur diesen einen.

Alle sollen gleich performen. Auch im Home Office unter verschiedensten Umständen. Ist das fair? Die Frage ist schon lange beantwortet. Es ist nicht fair. Darüber wurde tausendmal geschrieben. Das ist keine neue Erkenntnis. Höchstwahrscheinlich ist nichts eine neue Erkenntnis, aber darum soll es nicht gehen.

Sondern: Wie wird man allen gerecht, wenn alle in ungleichen Welten lebend mit verschiedensten Vereinbarkeitsproblemen konfrontiert sind? Die unterschiedlichen Lebensrealitäten nur vereinzelt zu berücksichtigen, war schon in vorpandemischen Zeiten ein Problem, aber jetzt steht es als dieser riesige, unübersehbare Elefant im Raum.

Unser Team

Ich kann nicht. Ich will nicht.

Egal, wie viel Freude ein Job macht: Spaß bedeutet, jederzeit aufhören zu können. Das ist kulturgemäß im Job nicht so. Dinge müssen erledigt werden. Aber nun sollen sie unter völlig anderen Umständen erledigt werden. Das ist absurd. Die Anpassungsleistung, die alle aufbringen, ist noch größer geworden, während die Ausbruchsmöglichkeiten schwinden. Das letzte Mal getanzt habe ich 2019.

In den letzten Monaten versuchten sogar alle, sich noch mehr zusammenzureißen, damit man auf der Startseite von netzpolitik.org die Pandemie nicht sieht. Aber diese Startseite wird halt von Menschen gemacht. Und egal unter welchen Umständen steckt das niemand einfach alles so weg. Aber gibt es dafür genug Raum?

Nicht zu können, wurde schon immer eher toleriert. Es gab legitime Gründe, nicht zu können: Krankheit, voller Terminplan, Pflege- und Fürsorgebedürftige im nahen Umfeld. Doch auch hier gibt es Grenzen. Das Backen einer Torte für den Geburtstag der Oma zählte nicht zu den legitimen Gründen. Nicht zu wollen, war hingegen nie besonders akzeptiert. Das war schon in vorpandemischen Zeiten kein legitimer Grund für Arbeitsverweigerung. Es ist immer ein Affront, etwas innerhalb der Lohnarbeit nicht zu wollen. Egal, wie progressiv ein Laden sein will.

Aber wie schön wäre es, einfach sagen zu können: „Ich will heute nicht. Und vielleicht will ich die ganze Woche nicht.“

Dieses Gefühl zuzulassen, behebt sicher nicht alle Probleme, aber es ist ein Anfang, um dem Leben und seinen Unwägbarkeiten im Job Raum zu geben. Denn, wie kann Arbeit planbar sein, wenn es das Leben nicht ist?

Selbst die Welt sein, die wir wollen

Wenn es darum geht, sich mal was Gutes zu tun, höre ich häufig: „Aber wir haben eine Verpflichtung gegenüber allen, die uns spenden.“ Das stimmt. Aber spendenfinanziert zu sein, bedeutet offenbar in der eigenen Wahrnehmung häufig noch, am besten für Mindestlohn zwölf Stunden am Tag auf einem wackeligen Bürostühl oder auf einem Sitzsack zu ackern. Ich sehe das nicht so. Für eine bessere Welt zu arbeiten und sich dabei selbst zu verheizen, ergibt keinen Sinn. Wir müssen schon auch selbst die Welt sein, in der wir leben wollen. Und in dieser Welt sollte man auch mal sagen können: „Ich will nicht. Alles ist mir gerade zu viel.“

Eine existentielle Sorge, die wir bei netzpolitik.org momentan nicht haben und die für die Gesamtbelastung ausschlaggebend ist, sind Finanzsorgen. Alles ist noch einmal vielfach schwerer, wenn zu allem anderen noch die Angst kommt, sich das Leben nicht mehr leisten zu können. Dass alle bei uns zumindest im Rahmen ihres Arbeitsverhältnisses erst einmal finanziell sorgenfrei sein können, kann man nicht genug schätzen.

So überprüfe ich täglich den Spendenstand, vormittags und nachmittags. Meistens ist es das Erste, was ich morgens tue. Und ich konnte es kaum erwarten, den anderen mitzuteilen: „Gerade ging eine Spende in Höhe von 15.000 Euro ein \o/.“ Wir haben einfach nur große Augen gemacht und uns riesig gefreut, denn es nimmt enormen Druck raus, wenn ein unerwarteter Spendeneingang 25 Prozent unserer monatlichen Ausgaben deckt. Danke dafür! Und danke an alle anderen, die uns seit vielen Jahren ermöglichen!

Zu den Zahlen

Die größte Einzelspende einer Einzelperson in der Geschichte von netzpolitik.org ging also im Juni auf unser Konto ein. Größer war nur eine Unternehmensspende im März 2019.

Ich musste schon zweimal hinsehen, checkte sofort E-Mails, ob uns erneut wer versehentlich zu viel Geld zukommen ließ. Es gab keine E-Mail von dieser Person. Alles war in Ordnung. 15.000 Euro mehr machen sich in der monatlichen Bilanz sehr bemerkbar. Zusammen mit allen anderen Spenden ergibt das ein Volumen von 8 Prozent unseres Jahresspendenziels in einem einzigen Monat. Im Juni ist Halbzeit und wir haben schon 42 Prozent unseres Jahresziels erreicht. Das zu schreiben, ist immer noch etwas surreal, da wir mit vielem gerechnet haben, aber weniger damit, dass wir einen Rekordjuni und (Spoiler!) einen Rekordjuli erleben werden.

Eine solche Spendenentwicklung eröffnet Möglichkeiten, über die ich seit März kaum nachzudenken wagte. Es gibt noch vieles, was notwendig ist, um die Arbeit bei netzpolitik.org geschmeidiger zu gestalten. So stellen sich jeden Tag Aufgaben, für die wir keine Person haben und die von allen irgendwie nebenbei erledigt werden oder leider gar nicht. Neulich rief uns ein treuer Leser an und fragte, ob wir nicht aktiver auf Mastodon sein könnten. (Spoiler: Werden wir!) Unsere Kanäle aktiver zu bespielen und auch stärker zu interagieren, wünschen wir uns seit Jahren, aber dafür braucht es eben wen. Auch gibt es für einige Positionen keine wirkliche Vertretung im Krankheits- oder Urlaubsfall. Das zu ändern, wäre ein weiterer Schritt, um der Redaktion den Raum zu geben, sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten kann. Unerwartete Spendenzugänge erlauben diese Gedanken wieder.

Einnahmen und Ausgaben im Juni 2020
Einnahmen und Ausgaben im Juni 2020. CC-BY-SA 4.0

Die Sommermonate sind erfahrungsgemäß nicht so spendenstark. Doch auch ohne die 15.000-Euro-Spende verhält sich der Juni sehr stabil. Bei den Ausgaben achten wir natürlich darauf, sehr konstant und planbar zu sein. So hatten wir im Juni nur die üblichen Ausgaben für Personalkosten in Höhe von ca. 56.000 Euro, Miete für Berlin und Brüssel in Höhe von 3.097 Euro. Dazu kamen externe Dienstleistungen für die Buchhaltung in Höhe von 172 Euro sowie Infrastruktur in Höhe von 578 Euro. Oben drauf gab es noch eine neue Büroausstattung in Höhe von ca. 1.000 Euro, da die Stühle und Tische teilweise spürbar 15 Jahre alt sind.

Alles in allem war der Juni damit ein sehr guter Monat. Und auch wenn alles etwas anstrengender ist als sonst, motiviert uns die verlässliche Unterstützung ungemein. Vielen Dank dafür!

Spendenentwicklung bis Juni 2020
Spendenentwicklung bis Juni 2020 CC-BY-SA 4.0

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Unser Transparenzbericht aus dem Mai findet sich hier.

 

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4 Ergänzungen
  1. Hey,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Ich freue mich sehr über diese Reflektion zum Umgang mit Spenden und der oft damit einhergehenden Selbstausbeutung. Ich für meinen Teil kann euch sagen, dass ihr mit meinen Spenden gerne auch mal „nicht wollen“ dürft :)

    Macht weiter so!

  2. Überlegt mal ob ihr nicht einen Kanal auf YouTube betreiben wollt. Wenn ihr gute Videos produziert, könntet ihr auch mit Werbung Geld verdienen.

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