Transparenzbericht

Unsere Einnahmen und Ausgaben im Mai und ein veränderter Beziehungsstatus

Seit April ist die Bürotür oft verschlossen, wenn der Arbeitstag beginnt. Die meisten trinken ihren morgendlichen Kaffee zuhause. Was vorher seltener Luxus war, ist nun der Regelfall: allein im Büro zu sein. Oder auch allein daheim, aber eben nicht mehr umgeben von den Menschen, die sonst ein Drittel des Tages da waren. Die Routine ist dieselbe: erster Kaffee, erste Zigarette.

Blätter im Wandel des Jahres
Analogie oder Metapher – wer kennt schon den Unterschied?! Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Chris Lawton

So weit – so planmäßig

Erst im Juli über die Zahlen aus dem Mai zu schreiben, ist ein bisschen so, als würde man sich selbst spoilern: Wenn der weitere Verlauf schon bekannt ist, erscheinen die Zahlen in einem anderen Licht. So haben wir im Mai mit Ausgaben in Höhe von 61.000 Euro zwar 15.000 Euro mehr ausgegeben als eingenommen, wurden aber im Juni und Juli von zwei sehr großzügigen Spenden überrascht.

Warum auch eine Lücke von 15.000 Euro noch planmäßig ist, haben wir im Transparenzbericht für den März kurz ausgeführt. Trotz dieser Lücke ist die Spendensumme von knapp 45.000 Euro deutlich höher als im Vorjahresmonat. Aber bevor wir die Zahlen des Mai 2020 ausführlicher erläutern, möchten wir euch wieder einen Einblick gewähren, was uns im dritten Monat der Pandemie umtrieb.

Ist da wer?

Als im Büro noch richtig Gewusel war, kam ständig irgendwer vorbei, hatte eine Idee, die geteilt werden wollte, einen Gedanken, der das Licht der Welt erblicken sollte, eine humorige Anmerkung, die zur allgemeinen Erheiterung beitrug. Und ja: Vielleicht auch mehr Möglichkeiten zu prokrastinieren. Die Schwelle, sich den Kolleg:innen mitzuteilen, scheint im Büro viel niedriger. Auch fällt es leichter, ohne konkreten Anlass zu reden – der Anlass ist die Anwesenheit der anderen Person. Ist jedoch nur das Chatprogramm dazwischen, kann ein ganzer Tag vergehen, ohne ein Wort auszutauschen. Für einige mag das wie die Optimalvorstellung eines Arbeitsverhältnisses klingen. Auch an einigen Tagen für mich. Sei es, weil man dieser Menge menschlicher Interaktion nichts abgewinnen kann, weil man Small Talk hasst oder einfach, weil Alleinsein bedeutet, dass nur die eigenen Emotionen und Gedanken präsent sind und weniger Energie für die Absorption aller anderen Gefühle, Stimmungen, Befindlichkeiten, Enttäuschungen und Technomusik aus dem Nachbarbüro aufgebracht werden muss.

Es ist teilweise noch ärger: Sind die Leute im virtuellen Büro sogar netter zueinander, wenn keine niedrigschwellige Möglichkeit zur Korrektur des hinterlassenen Eindrucks besteht? Der geschriebene Satz im Chat lieber unmissverständlich ist, als aus der Ferne in Unkenntnis der mimischen Reaktion des Gegenübers ungeahnt Verstimmungen auszulösen.

Für andere mag genau dieses Maß an Interaktion besonders fehlen. So war das Büro doch ein Ort, an dem insbesondere oberflächlicher Small Talk und der Austausch netzpolitischer Anekdoten das notwendige Minimum an Gesellschaft gut erfüllte. Und wenn es reichte, waren Kopfhörer eine gute Möglichkeit, den nächsten Plauschangriff abzuwehren.

Was macht aus fünfzehn Menschen ein Team?

Home Office ändert viel von dem, was wir uns im Team mitteilen. Auf einmal wird die Beziehung zueinander auf ein pixeliges Bild in der Videokonferenz runtergefahren. Schon im April versuchten wir es also mit digitalen Stammtischen. Es kamen nicht so viele, viel weniger als bei unseren Stammtischen in Parks oder Kneipen. Sie endeten auch viel früher, weil der Schauplatz eben doch eine Rolle spielt. Aber womöglich fehlt auch nur etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen. So oder so ist es ein großer Luxus, sich den Arbeitsort aussuchen zu können. Und mit Menschen zu arbeiten, die man vermissen kann.

Auf dem Bild ist zu sehen, wie Constanze Stefanie im Chat schreibt, dass sie sich darauf freut, Stefanie wiederzusehen.
Screenshot unseres gestrigen Chats CC-BY-NC-ND 4.0

Die Frage bleibt dennoch: Was macht ein Team aus? Und am Ende der Überlegung steht auf einmal die gruselige Frage: Ist dieser Teamgedanke nur notwendig, wenn man sich fünf Tage die Woche acht Stunden am Tag aushalten muss? Ist das Verweisen auf einen Teamgedanken vor allem Methode, um die ganzen unterschiedlichen Charaktere, Perspektiven, Interaktionsverhalten miteinander zu versöhnen? So viel Zeit mit Menschen zu verbringen, die man sich nicht aussucht, bedeutet enorme Beziehungsarbeit. Ist der Wille zum Team Bullshit? Nur ein organisationssoziologischer Euphemismus, der vortäuscht, dass das tagtägliche, stundenlange Zusammensein mit anderen Menschen normal sein soll? Vielleicht ist am Ende nur das Commitment zum gemeinsamen Ziel einer Unternehmung wichtig: netzpolitische Debatten auszulösen, zu begleiten, zu kommentieren und zu prägen. Wir werden sehen.

 

Unser Team

Zu den Zahlen

Die Einnahmen und Ausgaben im Mai waren ohne größere Überraschungen, was in diesen aufregenden Zeiten wohl eine Seltenheit ist. Dass wir nach wie vor recht stabil dastehen, freut uns ungemein und ist so viel mehr, als wir erwartet haben. Vielen Dank dafür!

Wir haben mittlerweile Verantwortung für 15 Menschen – da ist der tägliche Blick auf die Spendenentwicklung immer mit Aufregung verbunden und glücklicherweise momentan mit einem erleichterten Aufatmen.

 

Einnahmen und Ausgaben im Mai 2020
Einnahmen und Ausgaben im Mai 2020 CC-BY-SA 4.0

Die Ausgaben beliefen sich im Mai auf knapp 61.000 Euro. Der größte und wichtigste Posten sind dabei wie immer die Personalkosten mit etwas über 51.000 Euro. Die beiden Büros in Berlin und Brüssel schlugen mit knapp 4.000 Euro zu Buche. Über Spenden durften wir uns in Höhe von knapp 45.000 Euro freuen. Die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben von ca. 15.000 Euro sind planmäßig, auch wenn die Differenz mittelfristig nicht mehr ganz so hoch sein soll.

Nichtsdestotrotz kamen in diesem Monat 32 Prozent mehr Spenden zusammen als im Vorjahresmai. Damit wurde im Mai ein Spendenstand für von circa 254.000 Euro für das laufende Jahr erreicht. Das entspricht knapp 34 Prozent des Spendenziels für 2020. Im Mai des Vorjahres wurden bereits 41 Prozent des Jahresspendenziels erreicht, das damals schließlich niedriger lag. Doch egal, wie man es dreht und wendet – der Mai 2020 war der spendenreichste Mai in der Geschichte von netzpolitik.org und zeigt einen Trend, der sich hoffentlich fortsetzt.

Wie schon anfangs gespoilert: Im Juni erhielten wir unsere größte Spende von einer Einzelperson in der Geschichte von netzpolitik.org – ausgenommen davon ist eine versehentliche Spende über 25.000 Euro aus dem vorletzten Jahr, die wir natürlich zurückbuchten, da die Person eigentlich 250 Euro spenden wollte. Es wurden am Ende 400 Euro – vermutlich war die Freude über die schnelle Rücküberweisung sehr groß.

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Spendenentwicklung bis Mai 2020
Spendenentwicklung bis Mai 2020

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Unser Transparenzbericht aus dem April findet sich hier.

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6 Ergänzungen
  1. > Die Routine ist dieselbe: erster Kaffee, erste Zigarette.

    Falls mal Bedarf sein sollte, die Finger vom Rauchen zu lassen:

    Sich einfach mal dazu entscheiden, keine Zigaretten (oder Tabak) mehr zu kaufen.

    Das klappt im Supermarkt, wie am Automaten.

  2. Hey Netzpolitik,

    zuerst einmal finde ich Eure Arbeit große Klasse und lese schon seit längerem Eure Beiträge mit Begeisterung!

    Im Prinzip kann ich nur sagen, macht weiter so, denn die Themen und Beiträge von euch finde ich relevant und wichtig.

    Was ich vielleicht als Idee vorschlagen könnte, ist freie Software. Also vielleicht eine Reihe von Artikeln, die erklären, was freie Software ist, warum es wichtig ist, dass Software frei ist und was es alles an freier Software gibt. Ich bin mir auch bewusst, dass es verschiedene Richtungen gibt, wie FOSS, FLOSS oder freie Software, aber solange diese Richtungen proprietäre Software als „Feind“ im Auge behalten, arbeiten sie auf die eine oder andere Weise zusammen.

    Es gibt tolle Möglichkeiten für Menschen, freie Software zu benutzen und diese Alternativen könnten durchaus einfacher zu bedienen, anpassbarer und sicherer sein als zum Beispiel Klassiker, wie Windows oder macOS. Beispiele könnten Trails Os (https://tails.boum.org/), Qubes OS (https://www.qubes-os.org/) oder eine angepasste Version von Manjaro (TROM-Jaro – https://www.tromjaro.com/de/) sein.

    Tatsächlich gibt eine Vielzahl an freien Programmen, wie zum Beispiel Jitsi Meet (als freie Alternative für Zoom – https://de.wikipedia.org/wiki/Jitsi#Jitsi_Meet), Syncthing, um Dateien zu teilen (https://de.wikipedia.org/wiki/Syncthing), SearX als Google Alternative (darüber habt ihr ja schon mal einen Artikel geschrieben (https://netzpolitik.org/2018/interview-searx-eine-suchmaschine-mit-datenschutz/)) und noch so viel mehr.

    Also es wäre eine Anmerkung, mehr über solche Alternativen zu schreiben.

    Alles Gute Euch und beste Grüße
    Aaron Boos

    1. Hallo Aaron,

      vielen Dank für deine lieben Worte und die Vorschläge! Freie Software liegt uns natürlich am Herzen und in dem Bereich ist sicher noch Luft nach oben. Unsere letzte Praktikantin Julia hat sich mit dem Thema beschäftigt und auch einige Artikel dazu verfasst. Den besten Überblick über alle Artikel bei uns zu dem Thema findest du hier: https://netzpolitik.org/tag/freie-software/

      Aber den Wunsch nach mehr zu dem Thema werde ich der Redaktion auf jeden Fall ausrichten!

      Viele Grüße
      Stefanie

    1. Hallo Jana,
      der Transparenzbericht für den Juni kommt auf jeden Fall noch im Juli raus. Die Höhe der Spende wird dann natürlich verraten.
      Und wir freuen uns über jede Spende! Menschen haben sehr unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und das wissen wir. Wir sind dankbar für jeden Betrag und für jeden Menschen, der uns auch auf andere Weise unterstützt.
      Viele Grüße
      Stefanie

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