Nein, Saskia Esken ist nicht wie Sigmar Gabriel. Sie strahlt nicht die bräsige Landesväterlichkeit eines Kurt Beck aus. Und hat auch nicht die quälende Lautstärke von Andrea Nahles. Esken verstört die auf Alpha-Männchen und Ministeriabilität getrimmte Hauptstadtpresse mit ihrer Nüchternheit. Weswegen die auch nicht anders kann, als sofort in Formatgeheul über die „Frau aus dem Nichts“ auszubrechen – und dabei vernachlässigt, dass die SPD gerade ihre profilitierteste Netzpolitikerin zur Vorsitzenden gemacht hat.
Die SPD-Basis hat mit Absicht Menschen aus der zweiten Reihe zu ihren zwei Vorsitzenden gewählt, weil sie gemerkt hat, dass die erste Reihe die Partei seit der Agenda 2010 mit einer gewissen Profillosigkeit von einer GroKo in die nächste und in den Abgrund treibt. Sie hat Menschen mit kritischem Blick gewählt, die auch mit Glaubwürdigkeit für eine andere SPD stehen. Solche Menschen, die nicht aus der altbekannten Nomenklatur des Willy-Brandt-Hauses und dem Parteivorstand stammen. Das ist mutig. Und eine Chance.
Netzpolitischer Glücksgriff
Aus netzpolitischer Sicht ist die Wahl von Saskia Esken zur Vorsitzenden der SPD ein Glücksgriff. Denn erstmals steht einer großen deutschen Partei jemand vor, deren Expertise die Digitalisierung ist. Saskia Esken ist staatlich geprüfte Informatikerin, sie arbeitete in der Softwareentwicklung. Seit 2013 ist Saskia Esken Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie hat sich dort, auch gegen die Mehrheit ihrer Parteifreund:innen gegen die Vorratsdatenspeicherung eingesetzt und ist eine streitbare Stimme für Grund- und Freiheitsrechte. Das sind Themen, welche die Sozialdemokraten seit Jahren sträflich vernachlässigen, wenn sie an der Regierung für mehr Überwachung stimmten, Uploadfilter durchwinkten und auch sonst bei Netzpolitik und Bürgerrechten ein schlechtes Bild abgaben.
Saskia Esken ist nicht nur die profilierteste SPD-Netzpolitikerin, sie ist auch ein kritischer Geist, welche bei Debatten über Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Daten immer auch die Schattenseiten sieht und diese kompetent benennt. Esken macht sich bereits seit langem für offene Lehrinhalte (OER) und für freie und offene Software stark. Sie steht für eine bessere Bildungspolitik.
Als Mitglied im Innenausschuss, im Ausschuss Digitale Agenda und in der Enquete-Kommission zu Künstlicher Intelligenz, ist sie da präsent, wo Netzpolitik verhandelt wird. Für die digitale Zivilgesellschaft gilt Esken als verlässliche Ansprechpartnerin, die das Herz am richtigen Fleck hat.
