Wissen

Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg veröffentlicht

Wissenschaftliche Erkenntnisse aus Brandenburg sollen weltweit frei nutzbar sein. Das ist die Vision der neuen Open-Access-Strategie. Jetzt sind auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt, an mehr freiem Zugang zu Wissen mitzuwirken.

Mikroskope mit Open-Access-Logo
Brandenburg will mehr freien Zugang zu Wissen. (Collage: netzpolitik.org) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Ousa Chea

Ellen Euler ist Professorin für Open Access und Open Data an der FH Potsdam. Zuvor war sie in der Geschäftsführung der Deutschen Digitalen Bibliothek tätig. In einem vom Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur geförderten Projekt hat Ellen Euler die Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg federführend erarbeitet.

DOI 10.5281/zenodo.2581783: Diese Zeichen sind ein eindeutiger und dauerhafter digitaler Identifikator. Hinter ihm verbirgt sich die Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg, die in verschiedenen Dateiformaten für alle frei verfügbar ist. Sie wurde am heutigen Donnerstag in der Staatskanzlei Potsdam der Öffentlichkeit vorgestellt.

Als amtliches Dokument wird die Strategie unter einer CC0-Lizenz bereitgestellt, damit ist es gemeinfrei und nicht mit Urheberrechten belegt. Alle in der Strategie aus dem Web zitierten Quellen sind über einen (Perma.cc)-Link dauerhaft verfügbar, wie es sich für eine gute Open-Access-Publikation gehört.

Das sechste Bundesland mit einer Strategie für offenere Wissenschaft

Brandenburg ist mit der Veröffentlichung das sechste Bundesland, das eine eigene Strategie für mehr Offenheit in der Wissenschaft vorlegt. Bisher haben sich nur Baden-Württemberg (Mai 2014), Berlin (Juli 2015), Hamburg (September 2017), Schleswig-Holstein (November 2014), Thüringen (Januar 2018) und der Bund (September 2016) über das Ministerium für Bildung und Forschung ausdrücklich zu Open Access bekannt.

Außerdem arbeitet die Bundesregierung derzeit ausweislich des Koalitionsvertrages aus dem Februar 2018 an einer nationalen Open-Access-Strategie. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass bereits vor über 15 Jahren mit der Berliner Erklärung in 2003 der Grundstein für mehr Open Access in Deutschland gelegt wurde.

Die Zustimmung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Open Access ist groß, oftmals scheitern jedoch Veröffentlichungen im Open Access daran, dass in einigen Bereichen von Wissenschaft und Forschung die strukturellen, finanziellen, technologischen oder rechtlichen Voraussetzungen und Rahmenbedin­gungen noch nicht ausreichend vorhanden sind.

In der heute vorgelegten Strategie benannt das Land Maßnahmen, um dieser Ausgangssituation aktiv entgegen zu wirken. Die Open-Access-Strategie ist Bestandteil der Digitalisierungsstrategie des Landes und bildet eine eine wichtige Ergänzung zur Transferstrategie des Landes.

Das Maßnahmen-Paket

Ausgehend von der in der Strategie enthaltenen Vision, dass „Wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Land Brandenburg […] ohne finanzielle, technische oder rechtliche Barrieren in digitaler Form weltweit zugänglich und nutzbar [sind]“, wird etwa die Einrichtung eines Förderfonds für wissenschaftliche Monografien und Sammelbände, aber vor allem die Einrichtung und dauerhafte Ausstattung einer Vernetzungs- und Kompetenzstelle (VuK) zu Open Access in Brandenburg erklärt.

Ziel ist, die Einrichtungen in Brandenburg dabei zu unterstützen, den mit dem digitalen Wandel verbunden Kulturwandel hin zu mehr Openness zu gestalten. Also eine Kultur zu etablieren, die durch Transparenz, offene Inhalte, offene Infrastrukturen und offene (wissenschaftliche) Prozesse gekennzeichnet ist.

Illustration der Open-Acess-Vision
So sieht die Open-Access-Vision aus. CC-BY-ND 4.0 Julian Kücklich

Darüber hinaus wird sich das Land im Rahmen der Mitbestimmung bei Gesetzgebungsverfahren des Bundes für Open Access einsetzen. Außerdem soll geprüft werden, ob und mit welchem Angebot eine gemeinsame Publikationsplattform für Brandenburg aufgebaut werden kann.

Bemerkenswert ist, dass das Land, angefangen mit dem für den Bereich Open Access zuständigen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, mit gutem Beispiel vorangehen will und eigene Veröffentlichungen, sowie die eigene Website, zukünftig nach einem Best-Practice-Muster Open Access verfügbar machen will!

Um möglichst viele Beteiligte auf Seiten der Wissenschaft zu Open Access zu motivieren, wird das Land jährlich Preise für Best-Practice-Beispiele aus der Wissenschaft ausloben und Open-Access- Botschafterinnen und -Botschafter benennen, deren Wirken auf die Kolleginnen und Kolleginnen ausstrahlen soll.

Erforderliche Maßnahmen der beteiligten Akteure

Letztlich sind es die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Brandenburg, die die Open-Access-Strategie des Landes mit Leben füllen und sich in die Umsetzung der strategischen Ziele mit einbringen müssen. In der Strategie werden daher für diese sowie für weitere wichtige Akteure erforderliche Maßnahmen benannt, um Open Access im Land strategisch voranzubringen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind unter anderem aufgefordert, bei Veröffentlichungen immer erst eine Open-Access-Veröffentlichung in Betracht zu ziehen und die Publikation so offen wie möglich zu lizenzieren. Wo dies nicht geht, sollen sie stets von ihrem Zweitveröffentlichungsrecht Gebrauch machen.

Auf allen Stufen der Beteiligung soll der Ökonomisierung der Wissenschaft im eigenen Kreis entgegenwirkt werden, zum Beispiel durch Evaluationsgremien oder Gutachtertätigkeiten. Stattdessen sollen qualitative Kriterien Vorrang vor quantitativen Kriterien bekommen. Damit schließt sich das Land Brandenburg den Forderungen der San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) an.

Auch in der Lehre soll mehr Offenheit gelebt werden. Das bedeutet einerseits, Studierende für den Umgang mit Open Access zu sensibilisieren. Andererseits sollen Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources) unter Open Access bereitgestellt und eingesetzt werden. Wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich noch nicht sicher sind, sollen Weiterbildungsangebote und die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik den Kulturwandel befördern.

Damit Vernetzung und alternative Metriken funktionieren können, insbesondere aber, um den Fortschritt des Landes bei Open Access besser sichtbar und erfaßbar zu machen, sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Brandenburg sich bei einem Identifikationsdienst wie ORCID registrieren und ihr Profil in der Kommunikation nutzen.

Hochschulen sollen mit gutem Beispiel vorangehen

Neben den einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind auch die Hochschulen aufgefordert, aktiv Maßnahmen umzusetzen. Das gilt nicht nur für ihre Bibliotheken, sondern auch und insbesondere für die Leitungsebene der Hochschulen. Der erste Schritt ist die vielfach noch nicht erfolgte klare Positionierung zu Open Access durch die Unterzeichnung der oben schon genannten Berliner Erklärung aus 2003.

Bei der Positionierung darf es nicht bleiben. Die Hochschulen sollen mit gutem Beispiel vorangehen und Open Access leben, indem die Hochschulkommunikation so offen wie möglich umgestaltet wird – einschließlich der Kommunikation über die Hochschulwebsite. Die Hochschulen sollen außerdem Anreizstrukturen für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Institution schaffen und beispielsweise Open Access zum Kriterium bei Berufungen oder Leistungszulagen machen.

Darüber hinaus sollen Prozesse aufgebaut werden, um den Stand von Open Access an der Hochschule zu erfassen. Hierbei sollen die Hochschulbibliotheken unterstützen, indem sie geeignete Infrastrukturen und Beratungsangebote bereitstellen.

Vom Netzwerk zur Strategie und zurück

Die Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg wurde in einem kollaborativen und partizipativen Prozess erarbeitet. Das ermöglichte ein breites Netzwerk zu Offenheit in Wissenschaft, Forschung und Kultur. Es besteht aus Vertreterinnen und Vertretern aus den Wissenschafts-, Forschungs- und Kultureinrichtungen in Brandenburg, sowie aus gesellschaftlichen Grass-Root-Initiativen wie Wikimedia oder Open Knowledge Lab, die an gleichgelagerten Themen arbeiten. In mehreren Treffen und einem Book-Sprint sammelten sie Bedenken, Bedürfnisse und konkrete Formulierungsvorschläge, die in die Strategie eingegangen sind.

Das Netzwerk wird über die Veröffentlichung hinaus tätig sein und schon auf seinem nächsten Treffen Mitte August 2019 die Ausgestaltung der VuK für Brandenburg erarbeiten. Denn eines ist sicher:
Solange die offene Bereitstellung von Publikationen nicht zwingend umzusetzen ist, sondern die aktive und freiwillige Mitwirkung der Wissenschaftscommunity und der Verlage erfordert, ist Open Access eine „Never Ending Story“. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen dauerhaft auf den neuesten Stand gebracht und passende Anreize und Infrastrukturen geschaffen werden.

Eine Strategie der Offenheit geht außerdem über den Bereich der textuellen Publikationen hinaus. Die Bereiche Forschungsdaten und Kultur wurden im Netzwerk bereits diskutiert und mit konkreten Lösungsvorschlägen untermauert.

Das soll im Folgeprozess seine Fortsetzung finden und die Ergebnisse in eine umfassende Strategie Eingang finden. Es heißt also #StayTuned – auch nach der Veröffentlichung der Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg!

4 Ergänzungen
  1. Perma.cc wird hier unkritisch gelobt.

    Das Versprechen von perma.cc ist ziemlicher Dummfug. Was ist, wenn perma.cc irgendwann stirbt? Das kann auf viele Arten passieren: Rechnungen nicht bezahlt, Server gehackt, Server fackelt ab, ein Domain-Squatter krallt sich die Domain, Daten »aus Versehen« gelöscht, Politikwechsel, Führungswechsel, usw. Es wäre bei weitem nicht der erste Webserver, der plötzlich verschwände.
    Es ist keine Frage, ob perma.cc sterben wird, sondern nur, wann. Und wenn das passiert, sind alle Links auf perma.cc auf einem Schlag kaputt. Ich sehe keinerlei Plan B auf deren achsotollen Webpräsenz für diesen Ernstfall. Das Wort »Backup« sucht man vergebens.

    Und wenn perma.cc stirbt, haben wir Abertausende von absolut nutzlosen Links, die wir wohl nicht mal auf der Wayback Machine durchsuchen können, weil wohl kaum einer noch die »echte« Original-URL angibt, sondern _nur_ die perma.cc-URL. Das ist eine gigantische tickende Zeitbombe, die man sich da aufgebaut hat.

    Und perma.cc hält sich natürlich in den TOS für 100% komplett schadlos und will null Haftung übernehmen, wenn sie ihren Dienst einfach dichtmachen. Sie behalten sich, und das ist besonders dreist, auch das Recht vor, gezielt Links jederzeit aus beliebigen Gründen (!) zu zensieren. https://perma.cc/terms-of-service

    Langfristig wird perma.cc den »link rot« nur verzögern, aber nicht wirklich beenden. Tolle Wurst.

    1. OK, meinen vorherigen Post über perma.cc muss ich teilweise korrigieren. Sieht so aus, als hätten sie tatsächlich einen Plan B:

      https://perma.cc/contingency-plan

      Das klingt schön auf dem Papier, aber das sind alles nur Verspechungen. Verbindlich ist davon überhaupt nichts. Man ist zu 100% auf den Betreibern von perma.cc, dass sie ihren Ausweichplan einhalten, angewiesen. Dass sie annehmen, überhaupt ganze 2 oder gar 10 Jahre haben, den Server abzuwickeln, halte ich für mutig. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

      Es heißt auch: »For example, we plan to automatically submit archives to the Internet Archive.« Klingt gut auf dem Papier, aber das klingt so, als hätte man das noch nicht gemacht, dabei hatten sie jetzt 6 Jahre Zeit dafür. Einen Link sucht man vergebens.

  2. »Als amtliches Dokument wird die Strategie unter einer CC0-Lizenz bereitgestellt, damit ist es gemeinfrei und nicht mit Urheberrechten belegt.«

    Das ist ja mal kompletter Unfug. In Deutschland sind amtliche Dokumente dieser Art laut §5 UrhG _grundsätzlich_ gemeinfrei. Das wär ja noch schöner, wenn wir noch nicht mal amtliche Bekanntmachungen frei kopieren dürften! https://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__5.html

    1. Hallo Permanenter Kritiker,

      Kritik als Freundschaftsdienst regt zur Reflektion an und ermöglicht Korrekturen. Hier bleibe ich allerdings bei der Einschätzung zu Perma-CC. Kein Projekt ist perfekt. Auch das Internet-Archive nicht. Der Dienst ist aber vorerst eine gute Möglichkeit Link-Rots zu verhindern. Der Rest wird sich zeigen.

      Zur Einschätzung amtlicher Werke ist konkretisierend auszuführen, dass es sich bei der Strategie nicht um ein Werk handelt, das unter §5 UrhG fällt. Der Anwendungsbereich ist eng und die Einschätzung, ob ein amtliches Werk vorliegt vielfach streitig. Daher ist es umso wichtiger zur Herstellung von Rechtssicherheit, dass öffentliche Institutionen und Behörden Werke, bei denen ein Interesse an möglichst weiter Verbreitung besteht, als frei verwendbar kennzeichnen. Dito.

      Viele Grüße!

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.