Amazon Ring

Hunderttausende private Überwachungskameras in den USA

Dem Magazin Gizmodo ist es gelungen, mithilfe von Daten aus Amazons Überwachungs-App „Neighbors“ genaue Karten mit Standorten der Ring-Überwachungskameras zu erstellen. Bürgerrechtler sind erstaunt, wie verbreitet das System schon ist.

Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Tom Rumble / Montage: netzpolitik.org

Gizmodo hat Daten aus Amazons Heimüberwachungs-App „Neighbors“ ausgewertet und konnte damit die Verbreitung der Überwachungstechnologie Ring in den USA visualisieren. Ring war zuletzt in die Schlagzeilen geraten, weil Amazon die Technik aggressiv zusammen mit der Polizei vertreibt und die Technik von Bürgerrechtlern als Einfallstor für Bürgerrechtsverletzungen gesehen wird.

Gizmodo wertete für die Recherche fast 65.800 einzelne Beiträgen aus, die von Nutzer:innen der „Neighbors“-App geteilt wurden. Die Untersuchung der App habe unerwartete Daten hervorgebracht, heißt es bei Gizmodo, darunter seien versteckte geographische Koordinaten gewesen, die mit bis zu sechs Dezimalstellen sehr genau gewesen seien.

Karte von Los Angeles mit Standorten von Kameras
Ring-Kameras in den neun Quadratmeilen, die Gizmodo in Los Angeles untersuchte.

Mit diesen Daten war Gizmodo in der Lage, die Positionen von zehntausenden Ring-Kameras in 15 Städten der USA zu lokalisieren. Dies sei allerdings nur ein geringer Teil der Kameras und auch nur diejenigen, deren Nutzer:innen die Daten mit der App teilten. In jeder der untersuchten Städte begrenzte Gizmodo die Recherche auf neun Quadratmeilen.

Bürgerrechtler der Electronic Frontier Foundation (EFF) waren erstaunt ob der Dichte und Anzahl der privat aufgestellten Kameras. Matthew Guariglia sagte gegenüber Gizmodo, dass wegen der Allgegenwart der Geräte die Gefahr bestünde, dass Fußgänger registriert würden, die beispielsweise in und aus „sensiblen Gebäuden“ kämen. Das könnten Kliniken, Anwaltskanzleien und ausländische Konsulate sein. Gizmodo konnte solche sensiblen Orte in den erstellten Karten lokalisieren.

Allgegenwart der Überwachung

Die Kameras stehen teilweise so dicht, schreibt Gizmodo, dass Schulkinder in Washington auf dem etwa eine Meile langen Weg von der Schule zum Sportplatz von 13 Ring-Kameras aufgenommen werden. Gleichzeitig fand Gizmodo in diesem Gebiet 36 Beiträge mit Überwachungsaufnahmen, in denen sich Ring-Kunden über das Verhalten der Kinder beschwerten, weil diese zum Beispiel Selfies aufnahmen. Das MIT Media Lab geht davon aus, dass schon mehr als 440.000 Ring-Kameras in den USA im Einsatz sind, verriet Dan Calacci Gizmodo mit Hinweis auf eine noch unveröffentlichte Studie zum Thema „Selbstüberwachung“.

Problematisch ist nicht nur die Verletzung der Privatsphäre der aufgenommenen Personen, sondern auch die Tatsache, dass Ring die Kamerastandorte mit der Polizei schon einmal geteilt hat und über eine Karte der Polizei die Standorte der Kameras preisgab.

Die große Frage ist, wieviel Kontrolle die Kund:innen von Ring über die Überwachungsaufnahmen ihrer Kameras haben und ob es sich nicht letztlich um eine privat vorangetriebene Vollüberwachung handelt, auf die staatliche Stellen leicht Zugriff erhalten können.

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten. Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

 

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

4 Ergänzungen
  1. Wow, was für ein Artikel. Das ist interessant.
    Das ist genau der Punkt. In China werden die Menschen mehr oder weniger gezwungen, sich überwachen zu lachen und in der „freien Welt“ machen wir das alles freiwillig…., das macht mich sehr nachdenklich. Am Ende müssen wir eine gesellschafltiche Debatte darüber führen.

  2. Gibt es eigentlich Karten mit Kameras in deutschen Städten? Bzw. wie sieht hier eigentlich die Regelung und Nutzung von Daten und Bildern aus, die über diese Kameras aufgezeichnet werden? Private Kameras im öffentlichen Raum sehe ich noch kritischer als die für die der Staat zuständig ist. Wer gewährleistet denn die Sicherheit bei diesen Geräten und deren ausschliessliche Nutzung der Käufer?

    1. Das würde ich noch um „Smartphones“ erweitern. Da läuft inzwischen so viel Mist flächendeckend, dass es mir schwer fällt, nach Gefahrenpotential zu sortieren.

  3. https://www.heise.de/security/meldung/Der-Hacker-im-Schlafzimmer-Amazons-Ring-Kameras-werden-massenhaft-gehackt-4617254.html

    Ist ja nicht so, dass niemand etwas für einen tun würde. Ich schätze mal, dass demnächst Verfassungschützer für Axel Springer Meldungen verfassen (sind ja Verfassungs-Schützer, und die haben etwas zu Melden! Obwohl ja in der Mitte auch noch ein bischen ’s-S’vorkommt. Aber da kann man sicherlich noch mit einer Rechtschreibereform dran, falls es jemandem auffallen sollte…).

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.