Überwachung

Denunzianten-App: Amazon schult Polizei, um mehr Überwachungsvideos zu erhalten

Vorlagen zur Herausgabe von Videos, Schulungsmaterialien und E-Mail-Support: Amazon arbeitet mit Hochdruck daran, Polizeien in den USA bei der Arbeit mit der Heimüberwachungstechnik „Ring“ zu unterstützen.

Amerikanische Vorort-Siedlung von oben.
Mehr als 200 Polizeireviere sind im Partnerprogramm von Amazons Ring. Das Programm versucht, private Überwachungsaufnahmen in die Polizeiarbeit zu integrieren. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Blake Wheeler

Amazon hat mit seiner Überwachungsfirma „Ring“ eine Partnerschaft mit mehr als 200 Polizeidienststellen in den USA. Die Dienststellen bewerben das Heimüberwachungsprodukt Ring und die dazugehörige App, verteilen kostenlose Exemplare und erhöhen so die Videoüberwachungsrate in den Gemeinden. Derart angefertigte Aufnahmen lassen sich anschließend über ein spezielles Portal mit dem Namen “Law Enforcement Neighborhood Portal” bei den Ring-Kunden anfragen.

Polizei und Amazon arbeiten daran, die Bereitschaft der Ring-Nutzer:innen zur Übergabe privater Überwachungsvideos zu steigern. Laut einem Bericht von Motherboard und veröffentlichten Dokumenten bietet Amazon Schulungen und Schulungsmaterialien für die Polizist:innen an. So stellt Amazon den Polizist:innen Vorlagen bereit, mit denen sie bei den Ring-Nutzer:innen nach Videos anfragen können, ohne dafür einen richterlichen Beschluss zu benötigen.

Amazon empfiehlt zudem der Polizei, mit einer möglichst hohen Interaktionsrate und vielen Kommentaren in der Denunzianten-App „Neighbors“ sichtbar zu sein. Dort können die Nutzer:innen der Ring-Hardware die Videos freigeben, die zum Beispiel vom Eingangsbereich ihrer Haustüre gemacht werden.

Polizei soll aktiv in der App und auf Social Media sein

Die Polizist:innen sollten nicht nur bei Nutzer:innen nach Videomaterial anfragen, sondern gleichzeitig für alle in der App sichtbare Postings und Aufrufe starten. Auch seien Social Media Accounts hilfreich, um die Rate derer zu erhöhen, die der Polizei ihr Videomaterial zur Verfügung stellen, heißt es in E-Mails, die Ring-Mitarbeiter:innen an Polizist:innen verschickten. Gibt ein Nutzer das Video nicht frei, kann sich die Polizei mittels einer richterlichen, strafbewehrten Anordnung („Subpoena“) das Video innerhalb von 60 Tagen bei Amazon aus der Cloud holen.

Screenshot aus der App „Neighbors“. Redakteure pflegen Echtzeit-Daten von der Polizei ein. Alle Rechte vorbehalten Screenshot Neighbor App

Weil die App offenbar nicht genügend Aktivitäten und Warnungen durch die Nutzer:innen selbst generiert, hat sich Amazon direkten Zugang zu den Notrufdaten (CAD DATA) der Polizei gesichert. Redakteure bei Ring pflegen die Daten bestimmter Kriminalitätsformen in die „Neighbors“-App ein.

Die App selbst hat zudem ein Problem mit „Racial Profiling“. So werden Schwarze nach Recherchen von Motherboard häufiger als Verdächtige genannt. Auch die Diskussionen der Nutzer:innen in der App enthalten häufig Rassismus und Vorurteile.

Protest gegen Ring

Immerhin regt sich nun ein bisschen Protest gegen Ring in den USA. Die Organisation „Fight for the Future“ ruft Bürgermeister und Gemeinden landesweit auf, die Partnerschaften mit dem Überwachungsunternehmen Ring zu beenden.

In der Erklärung heißt es, dass solche invasiven Überwachungstechnologien unverhältnismäßig häufig gegen arme Menschen und bestimmte Ethnien eingesetzt würden. „Bei der Überwachung von Wohngebieten durch die lokale Polizei und Amazon geht es nicht um die Sicherheit der Gemeinde, sondern um die Sicherung des Gewinns aus der sozialen Kontrolle.“

Immer mehr Blockwart-Apps verfügbar

Überwachungsapps sind im Trend. So gibt es beispielsweise mit The Noise App eine Anwendung, mit der Menschen gegen laute Nachbarn und „antisoziales Verhalten“ vorgehen sollen. Die App bietet an, dass man Aufnahmen einer angeblichen Ruhestörung erstellt und diese dann an die Polizei oder andere Behörden meldet. Auch können Nutzer:innen Lärmprotokolle erstellen. Die App bietet ebenfalls ein Portal für Strafverfolger an.

Die Nachbarn, die bei jeder kleinen Geburtstagsparty die Polizei holen, wird es freuen.

3 Ergänzungen
  1. Demnächst fahren die auch Pakete aus, nur für Amazon, versteht sich.

    Und bei Anfragen der Polizei erscheint dann das Gesicht des letzten/besten Polizisten, der etwas vorbeigebracht hat.

  2. Versucht Amazon da aus Profitinteresse gerade einen Privaten erweiterten Sicherheitsdienst, mit Unterstützung der staatsfinanzierten Polizei, aufzuziehen? Nicht letztendlich nur um neben eigener Vermögensvermehrung eigenes policing, also die technokratische Bewertung von falsch, richtig und Repressionsverlangen innerhalb einer Gesellschaft, als Ware anzubieten.

    Dann ist also zu erwarten, dass sich die Polizei damit überflüssig machen könnte und durch niedrig-Löhner ersetzt wird?

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