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Städtische Freifunk-Subventionierung in Marburg: Noch Luft nach oben

Die Stadt Marburg subventioniert die Anschaffung von Freifunk-Routern für Einzelpersonen und Geschäfte. Im Interview verraten die drei Betreiber des Marburger Freifunk-Netzes, wie es dazu kam, was der aktuelle Stand ist und wie es mit ihrer Community weitergeht.

Marktplatz der Universitätsstadt Marburg CC-BY-NC-ND 2.0 barnyz

Seit mehr als anderthalb Jahren unterstützt die Universitätsstadt Marburg ihr lokales Freifunk-Netz mit finanziellen Mitteln. Nutzer, die einen Freifunk-Router aufstellen wollen, können förderfähige Geräte kaufen, aufsetzen, aufstellen und bekommen Anteile des Kaufpreises zurückerstattet. Freifunk ermöglicht freies Internet für alle – ohne Passwortabfrage vor dem Verbindungsaufbau oder Zensur während der Sitzung. Vor einem Jahr beschrieben wir dieses Subventionskonzept als Beispiel für eine Smart City – leider setzt es sich noch nicht durch. Warum nicht, erklären Alvar Penning, Manuel Kuhn und Oleander Reis im Interview. Sie betreiben das Marburger Freifunk-Netz und betreuen die Community.


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Sie organisieren sich über den Hackspace Marburg. Dort wird gemeinschaftlich die Firmware aktualisiert, neue Geräte in Betrieb genommen und das Monitoring betrieben. Die drei Freifunker würden sich wünschen, dass mehr Menschen ihr Angebot annehmen, um gemeinsam für eine freie Infrastruktur zu sorgen: quasi für lau – gefördert durch die Stadt.


Oleander Reis, Manuel Kuhn und Alvar Penning vor dem Marburger Schloss. CC-BY-NC-SA 4.0 Lennart Mühlenmeier

netzpolitik.org: Ihr drei betreibt die Freifunk-Infrastruktur für Marburg und den näheren Umkreis. Könnt ihr bitte in einfachen Worten erklären, was Freifunk ist?

Alvar Penning: Freifunk ist ein freier Internetzugang und ein freies WLAN-Netz für alle Menschen. Es funktioniert, indem man durch freie WLAN-Accesspoints jedem Menschen einen Zugang zu dem Internet gewährt. Diese Knoten sind nicht nur für die Menschen frei, die Freifunk betreiben, sondern für alle: Nachbarn, Freunde oder auch fremde Personen.

netzpolitik.org: Und wieso sollte ich so einen Freifunk-Knoten betreiben?

Oleander Reis: Da gibt es zwei Punkte. Erstens ist es ein Nachbarschaftsprojekt. Ich gebe meinen Nachbarn und meiner Umgebung etwas zurück, und Menschen, die zum Beispiel auf Reisen sind, können auf Freifunk zurückgreifen. So biete ich Gästen nicht nur ein Glas Wasser an, sondern auch einen Internetanschluss, wo er oder sie auf eine Karte schauen kann.

Zweitens ist Freifunk mehr als ein Internetzugang. So kann durch Meshing Internet an Orte gebracht werden, wo zuvor kein Internetanschluss war. Das ist in Marburg zum Beispiel der Wagenplatz, der an den Spiegelslustturm angebunden ist.

Antenne am Spiegelslustturm.

Manuel Kuhn: Manchmal fehlt auch einfach das Geld für einen eigenen Internetanschluss. So ist auch das Technische Hilfswerk über den Spiegelslustturm – eine lokale weithin einsehbare Relaystation [Anm.: Freifunk-Knoten ohne eigenen Uplink] – mit dem Internet verbunden.

Alvar Penning: Das ist ein Turm, der auf der Ostseite des Talkessels Marburgs steht. Dort hängt eine Richtfunkantenne, die von recht vielen genutzt wird: normale Wohnhäuser, aber auch das THW oder zeitweise Veranstaltungen wie das Bildungsfest im letzten Jahr. Die Lage dieses Turms ist doch ein ganz nettes Merkmal.

netzpolitik.org: Und wieviele Knoten gibt es derzeit in Marburg?

Alvar Penning: Aktuell sind knapp über zweihundert Router online.

netzpolitik.org: Welche Besonderheiten gibt es sonst noch bei Eurer Freifunk-Community?

Oleander Reis: Der Anteil der Knoten, der von der Kommune der Stadt Marburg betrieben wird, ist ziemlich hoch. Natürlich wünscht man sich, dass das ein unabhängiges Community-Projekt ist, in dem die Menschen selber aktiv werden, aber die Stadt hängt sich hier richtig rein und stellt selber Knoten auf. Zum Beispiel an Orten wie der Stadtbücherei, dem Stadtbüro oder dem Jugendamt. Überall dort, wo man warten kann.

Es gibt auch ein Förderprogramm, das sich in dieser Form abhebt. Du kannst ein Gerät privat oder als Geschäft kaufen, die Firmware draufspielen und aufstellen. Dann gehst du mit dem Kaufbeleg und den Informationen über den Freifunk-Knoten zu der Stadt, füllst ein Formular aus und bekommst 75 Prozent bis maximal sechzig Euro des Kaufpreises erstattet.

So muss die Stadt nicht für die Geräte haften und kann es so fördern, dass es dezentral ist. Mit dem Verkauf und Handel hat die Stadt nichts zu tun, gibt auch keine vorgefertigten Geräte heraus, sondern die Menschen machen das selber. Das ist ein sehr interessantes Modell. Wir hatten das so vorgeschlagen.

Bisher nur 16 Anträge auf Subventionierung

netzpolitik.org: Wie viele Menschen haben das Angebot bisher in Anspruch genommen?

Alvar Penning: Da gab es eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Marburger Stadtparlament vor einem guten halben Jahr. 13 von 16 Anträgen wurden bewilligt. Bei den drei Anträgen, die nicht bewilligt wurden, wurden die falschen, nicht-förderfähigen Geräte gekauft. Auf die Zeit gesehen sind die dreizehn Anträge keine hohe Anzahl. Da ist auf jeden Fall Luft nach oben und Nachbesserungsbedarf.

Manuel Kuhn: Wobei es auch oft an der Faulheit der Menschen scheitert, den Antrag einzureichen, wie in mindestens drei Fällen.

Oleander Reis: Man muss auch sagen, dass die Hürde, bei Freifunk einzusteigen, relativ hoch ist. Wir haben zwar umfassende Anleitungen, aber man muss schon Bereitschaft zeigen, sich damit auseinanderzusetzen. Da gibt es auch viele Stellen, über die man stolpern kann. Das ist halt nicht so einfach.

netzpolitik.org: Plant ihr etwas, um das zu erleichtern?

Oleander Reis: Ja, zum Beispiel eine Station, wo die Leute hingehen können und dann die Firmware automatisch draufgespielt bekommen. Sie müssen dann nur noch sagen, wie der Knoten heißen soll und wo er letztendlich steht. Aber wir machen das auch ehrenamtlich und da ist das Zeitangebot begrenzt. Ansonsten kann auch jeder in unseren Hackspace kommen, damit wir ihnen dann helfen.

Manuel Kuhn: Und wir haben noch nie jemanden abgewiesen. Das geht teilweise schon vor dem Kauf einher, dass Leute sich Ratschläge über Geräte einholen. Und diese bekommen auch immer das Angebot, mit dem Gerät dann hier zum Einrichten aufzutauchen, da das dann leichter ist.

Karte vom Kerngebiet Marburgs mit verschiedenen Freifunk-Knoten. Die grünen Linien zeigen u.a. die Richtfunkverbindungen zum Spiegelslustturm. Alle Rechte vorbehalten OpenStreetMap

netzpolitik.org: Welche Missverständnisse haben denn die meisten Nutzer, wenn sie sich überlegen, einen Freifunk-Knoten zu erschließen?

Manuel Kuhn: Witzigerweise denken manche Menschen, man stellt so ein Zwanzig-Euro-Ding hin und dann kommt da Internet heraus. Da gibt es oft Missverständnisse, an welcher Stelle der Internetprovider ins Spiel kommt. Du brauchst immer noch einen Provider, der dich mit Internet versorgt.

Oleander Reis: Die Reichweite der Geräte zum direkten Austausch mit anderen Freifunk-Geräten wird oft sehr weit überschätzt. Die Faustregel ist, dass wenn ich ein WLAN zu Hause habe und das weit entfernt mit meinem Telefon noch sinnvoll nutzen kann, sich auf diese Distanz auch die Freifunk-Geräte miteinander verbinden.

Alvar Penning: Weiter glaube ich, dass Freifunk als etwas wahrgenommen wird, dass eben staatliche oder [Anm.: kommerzielle] private Infrastruktur ist. Viele Leute denken einfach, es wär etwas Gegebenes an Infrastruktur, das fest ist, und nicht etwas, in dem man sich auch selbst einbringen kann.

Oleander Reis: Da ist halt der Service-Gedanke ein bisschen stark. Das ist ein Community-Projekt. Es gibt ein paar Leute wie uns, die kümmern sich um das Backbone oder die Richtfunkverbindungen. Leider ist es deswegen auch ein bisschen zentralistisch. Es ist halt viel Nerdspielerei und am Ende ist es nur ein Internetzugang, um ehrlich zu sein.

Alvar Penning: Aber dafür funktioniert er. Gerade der Mesh-Effekt, wenn die Router sich „sehen“, führt zu stabilerem Internet. Sagen wir, du hast Provider U und dein Nachbar ist bei Provider T. Wenn eure Geräte meshen und deine Fritzbox stirbt, da dein Uplink weg ist, gehst du halt automatisch – ohne es zu merken – über deinen Nachbarn in das Internet.

Manuel Kuhn: Wir haben schon von einigen Menschen die Rückmeldung bekommen, wie schön der Providerwechsel ist, wenn Freifunk in der Nähe ist.

netzpolitik.org: Vielen Dank für das Gespräch!

3 Kommentare
    1. Für Privatpersonen ist es in einem „klassischen Freifunk-Setup“ recht unbedenklich, da der gesamte Traffic über das jeweilige Gateway geroutet wird. Somit fällt, wenn dann die Scheiße den Ventilator trifft, die IP-Adresse des Gateways auf der Gegenseite an und das jeweilige NOC darf sich mit der Abuse oder dem LKA herumschlagen.

  1. Als regelmäßiger Nutzer kann ich nur sagen: vielen Dank, Ihr macht das super !!!
    (PS: einen kleinen Betrag mit einem eigenen Freifunkknoten zu leisen ist dank der Vorarbeit überraschend einfach)

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