Netze

Mobiltelefonie: Andreas Scheuer schließt ein einzelnes Funkloch

Ganz Deutschland ist durchsetzt von Orten ohne Handynetz. Seit gestern gibt es in Brandenburg einen davon weniger. Aber PR-Aktionen des Infrastrukturministers werden die verbliebenen weißen Flecken nicht von der Landkarte tilgen. Die Industrie sieht den Staat in der Pflicht.

„Menschen verbinden“: Bürgermeister Tessenow mit Infrastrukturminister Scheuer, mit freundlich-gequälter Unterstützung der Deutschen Telekom.

Es sollte eine PR-Fahrt wie aus dem Bilderbuch werden. Einen ganzen Bus voller Journalisten karrte Infrastrukturminister Andreas Scheuer (CSU) in einer eineinhalbstündigen Fahrt nach Kleßen-Görne in Brandenburg, um dort öffentlichkeitswirksam eines der zahllosen Funklöcher in Deutschland zu schließen. Selbst der Bürgermeister Joachim Tessenow (CDU) kann sich kaum ein Kopfschütteln verkneifen, wenn er erzählt, wie er zu seinem Glück gekommen ist.

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Vor rund einem halben Jahr berichtete ein dänischer Fernsehsender über etwas Kurioses: Viele deutsche Gemeinden, darunter Kleßen-Görne, verfügten über keine Mobilfunkabdeckung. Nur rund 70 Kilometer von Berlin entfernt, der Hauptstadt der Wirtschaftsnation Europas, warten die rund 350 Einwohner seit Ewigkeiten darauf, zum Rest der Welt aufzuschließen. Mit dem Handy telefonieren? Bis gestern: Fehlanzeige. Von mobilem Internet ganz zu schweigen.

Ein japanischer Sender griff die Geschichte auf. Wie kann es sein, fragten sich die japanischen Fernsehmacher, dass Deutschland in einigen Statistiken zur Netzabdeckung hinter Kasachstan liegt? Als sie das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) um eine Stellungnahme baten, wurde der deutschen Politik klar: Das ist peinlich. Wir müssen etwas tun. Schnell.

Ein Fototermin löst nichts

Mit der Telekom Deutschland fand sich schließlich ein Netzbetreiber, der mit Zuckerbrot und Peitsche gelockt wurde, zwei provisorische Masten aufzustellen. Wirtschaftlich dürfte die Versorgung mit Mobilfunk, die ursprünglich für 2020 angepeilt war, auch heute nicht sein. Aber immerhin lässt sich ein Fototermin des Vorstands Technik der Telekom Deutschland, Walter Goldenits, mit dem Infrastrukturminister Scheuer und dem lachenden Bürgermeister Tessenow abstauben. Win-win-win.

Für ein nachhaltiges Ausbaukonzept hält das der ehrenamtliche Ortschef freilich nicht. „Das ist schon eine richtige [PR-]Aktion“, sagt Tessenow. „Aber es hat sich gelohnt, ne?“ Jetzt könnten die Kinder im Ort endlich WhatsApp-Nachrichten verschicken, wie es anderswo selbstverständlich ist.

Kleßen-Görne ist ein Beispiel für die digitale Spaltung Deutschlands. In dem Ort ist noch längst nicht alles gut, trotz der neuen Funkmasten. Im Festnetz biete hier die Telekom doppelte ISDN-Geschwindigkeit an, sagt Tessenow. „Das sind 128 Kilobit in der Sekunde! Was will man denn damit?“ Für Unternehmer wie ihn sei dies zu wenig. Anträge auf Bundesförderung habe die Gemeinde bereits gestellt, sagt Tessenow. Doch noch warte sie auf die Genehmigung, um das ächzende Netz aufmöbeln zu können.

Erlaubnis fehlt bisher auch für die neu aufgestellten Antennen. Denn beide sind bloß mobile Übergangslösungen, bis sie fest verbaut werden dürfen. Neben der Unwirtschaftlichkeit dünn besiedelter Gebiete seien lange Genehmigungsverfahren eine der Hauptursachen für Funklöcher, sagt Goldenits von der Telekom. Er spielt den Schwarzen Peter den Kommunen zu. Und Bürgerinitiativen, die zwar Mobilfunk im Ort haben wollen, aber keine hässlichen Masten in der Landschaft.

Zu viel für die Industrie

Die letzten fünf Prozent an Orten ohne Netz könnten nur schwer versorgt werden, sagt Telekom-Vertreter Goldenits. „Das wird die Industrie nicht alleine schaffen.“ Einspringen müsse wohl der Staat und rasch „beihilferechtliche Fragen“ klären. Von den im Koalitionsvertrag festgehaltenen Ansätzen wie nationalem Roaming hält Goldenits nicht viel. Das würde Anbieter von Investitionen abhalten und letztlich zu einem schlechteren Ausbau führen, sagt der Konzernvertreter.

Der Ball liegt nun bei Bundesminister Scheuer. Beim heutigen Mobilfunkgipfel will er gemeinsam mit den Anbietern und den Ländern „neue Modelle“ finden, um bis 2021 wirklich alle Funklöcher zu schließen. Dass der bayrische Politiker PR-Aktionen über die Bühne bringen kann, hat er hinlänglich bewiesen. Jetzt muss er die Ansagen auch gegenüber der Wirtschaft durchsetzen.

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16 Kommentare
  1. > „Das wird die Industrie nicht alleine schaffen“. Einspringen müsse wohl der Staat

    Die haben nur keine Lust weil nicht genug Geld damit zu machen ist.
    Das wehleidige Gejammer von Konzernsprachrohren kotzt mich an.

  2. Das ist halt #neuland, und die Staatsverwalter von CDU/SPD muessen erst noch lernen, wie sie den Konzernen Steuergelder zur Profitmaximierung zuschanzen. Bei der Kfz-Industrie machen sie das halt schon laenger.

    Infrastruktur wird ohnehin ueberschaetzt, und staatliche Regulierung in der Grundversorgung ist nur was fuer die armen Deppen, die sich das nicht selber leisten koennen. Also fuer 99% der Bevoelkerung, aber ausreichend viele der Deppen waehlen halt fuer die 1%.

  3. „Für Unternehmer wie ihn sei dies zu wenig“

    Also, man muss echt kein Unternehmer sein, um mit 128 Kilobit pro Sekunde nichts anfangen zu können.

    1. Wenn die Alternative 0kB/s ist, kann man mit 128 schon ne Menge anfangen, email und Messaging fällt mir da auf Anhieb ein, auch ‚leichtes‘ Surfen (natürlich mit entsprechender Werbeblockage) ist dann schon möglich.

  4. Der „Unternehmer“ im Dorf hat doch jetzt Mobilfunk. Für 80€/Mon kann er sich nun den Telekom unlimited Mobilfunk Tarif holen. Dann muss er nicht mehr mit nur ISDN/128kbits surfen.

  5. Wo ein neuer Handymast errichtet wird, gründen sich meist sofort Bürgerinitiative gegen das Vorhaben.
    Auch bei uns im Ort haben sich die Leute gegen einen solchen Mast gewehrt.

    Ich denke, die weißen Flecken können nur gemeinsam, also mit der Wirtschaft, Politik und der Bevölkerung, geschlossen werden.

  6. Die scheinheilige Telekom und wie sie den Kommunalen Bandbreitenausbau abbremst bzw. verhindert:
    https://www.welt.de/wirtschaft/article161387335/Telekom-macht-Land-Kommunen-ein-Friedensangebot.html

    5 Jahre alter Kommentar zum Thema Internet via Satellit, den ich teilen kann:
    https://www.teltarif.de/forum/s52542/naja/1-3.html

    Keine Werbung, nur eine Möglichkeit
    https://www.eusanet.de/
    https://www.internet-ueber-sat.de/dsl-ueber-satellit/

    Die Möglichkeiten sind da, die Telekom hat sie auch!
    Diese Telekommunisten brauchen lediglich einen ihrer Satelliten anzuzapfen und schon können sie fast alle Lücken schließen!
    VoIP geht auch über Satellit, nutze ich seit Jahren!
    Ganz nebenbei, auch bei einem Telekom Anschluss würde ich nicht mit meinem Arzt über meine Gebrechen am Telefone sprechen!

  7. Föderalismus gibt’s halt in anderen Ländern nicht. Da ist der Staat zuständig und nicht die Länder und/oder gar die Kommunen. Und zum Thema Bürgerinitiativen: Am besten schaut man mal hin, aus welchen Personen die bestehen. Da sind garantiert keine 13-25-jährige dabei, die verzweifelt versuchen, bestehende Technologien für ihre schulische und berufliche Laufbahn zu nutzen. Und da wundert man sich an anderer Stelle, warum die Bildung in Deutschland so schlecht ist und warum es keine Fachkräfte gibt und warum in vielen ländlichen Gemeinden keine jungen Menschen mehr wohnen möchten.

  8. Vielleicht wollt’s Ihr bei den Netzpolitikern auch kurz einmal aus der Blase aussteigen, an der die Modernitätseiferer seit 50 Jahren mit hysterischem Eifer stricken, & Fortschritt! & noch mehr Fortschritt! & endlos überall nur Fortschritt! … und zur Kenntnis nehmen, dass gelegentliche Rechner, die noch bei klarem Verstand sind, es als immensen Vorteil ansehen, wenn

    _kein_Funknetz_

    in Reichweite ist … oder, noch besserer Komfort, wenn das GSM gerade mal hinreicht, um SMSe zu empfangen. Senden kann man schon via IP-Leitung.

    Denken wir zwischendurch an den Skandal der Philosophie, wie er durch Descartes personifiziert ist: Es gebe das Denkende-Etwas und anderweitig das Nur-Ausgedehnte-Etwas, und dazwischen sonst nichts, und auch alle Lebewesen, außer dem Menschen, sind doch nur Dinge. Die Juristerei knabbert immer noch daran, weil sich diese Borniertheit vorn und hinten nicht ausgeht, wenn mit der Welt des Tatsächlichen konfrontiert. Aber genaugenommen haben wir immer noch nichts besseres. Das ist der Skandal.

    Ja, und der barocke Fortschritteeiferer tut sich dann ganz genial hervor, sonderlich mit Bildschirm vor dem Visier. Exakt in Wiedergabe jenes Skandals …

    stellt er schlicht und einfach die Welt vor sich hin.

    Sagenhaft. Und wenn die ganze Welt dann zerbricht, hat er gewiss nichts damit zu tun (mit der res extensa). Weil: Er gehört ja nicht dazu (als res cogitans)!

    Dabei ist der Wahnsinnige erst noch ganz am Anfang seiner Durchgeknalltheit, entsprechend, was einem in den Beschreibungen zum erträumten Zustand des vollendeten Futurs so alles um die Ohren geknallt wird.

    Dass er aber etwas zu essen will, das ist dann schon zu hohe Algebra. Das müsste von einer funktionierenden Ökosystem kommen (anders geht das nicht, und das bedingt ein integrales Verständnis), nicht aus Fabriken (der auf einseitige Ideen von Perfektion getrimmten res extensa). Aber für maschinen-stupfende und -streichelnde schlurfende Großstadtneurotiker ist das ja schon wieder so etwas von bäh!

    Nun … Wo ist die freie Forschung für die Folgewirkungen von immer mehr Feldstärke durch gepulste Signale? Ist die überhaupt noch möglich? Wo ich selten einmal anderweitiges mitbekommen (z.B. via globalresearch.ca), macht sich das ziemlich rar.

    Auch in technischen Belangen kann man durchaus etwas mehr integral denken – in hartnäckigen Fällen den obigen Skandal memorieren: Mit Festnetz ist man für dieses Detail schon wieder jenseits solcher Fragen.

    1. Oder auf Deutsch: Es gibt zwar keinerlei Ergebnisse, die die Idee einer schädlichen Wirkung von Funknetzen unterstützen, aber das passt uns nicht, weil Tante Erna ja immer Kopfweh bekam, wenn der Nachbar mit dem Handy telefonierte. Ergo: Weltverschwörung, Illuminaten, Chemtrails!
      Dazu ein paar Brocken “Philosophie“ ohne Kontext oder Relevanz (nur weil es mal einer gedacht hat, ist es nicht Wahrheit), eingebettet in verschachtelte Bandwurmsätze, damit wir gebildet wirken, während wir im Rausch der letzten Bachblütentherapie einen vom Pferd erzählen. Fertig ist die Laube.

      Wenn du dir von deiner Rente irgendwann keine Brötchen mehr kaufen kannst, weil der Bäcker lieber in einem Ort mit Mobilfunkanbindung leben wollte, dann wirst du sicher stolz auf dich sein.

      1. Zum Ausblick auf die 5G-Netze wäre auf die schnelle und aktuell dies greifbar: https://www.globalresearch.ca/coming-soon-to-your-neighborhood-5g-wireless/5646667 – etwa mit Links auf Empfehlungen zu einem Moratorium.

        Und dafür kann ich nichts, dass Descartes das so schön vorwegnimmt, wie nun die Fokussierung auf ein Flimmerding in den Händen einer Minderheit von Leuten, die sich für den einzig maßgeblichen Teil halten, die ganze Welt bedeuten soll.

        Und dazu glaubt auch noch jemand, im Kosmos des damit dargestellten Flimmerns als Dauerzustand sei die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen?

        Bitte mal scharf nachdenken: Wo bleibt da der Informationsfluss? Ist tatsächlich irgendwo in den Ritzen der Dauererregung noch Platz für ein wenig Verstand?

  9. Dann muss man halt mal nach Kasachstan fahren um mobil zu telefonieren.
    Aber das ist schon dumm, denn zu hause erreicht man dann immer noch keinen.
    Ich sehe die Idee war nichts, schneit doch etwas komplizierter zu sein mit der Netzabdeckung hierzulande.
    Was aber, wenn die Terroristen das erfahren und sich ausgerechnet in den Ortschaften um Berlin herum ansiedeln? Wie soll den der Bundestrojaner den Terror bekämpfen wenn die Terroristen gar kein Handy benutzen können? Probleme über Probleme, kein Wunder, dass die Privatwirtschaft die Hilfe von uns allen dringend benötigt. Ich würde der Privatwirtschaft sofort helfen! Wenn die Funklizenzen daran gebunden wären, dass auch die ländliche Räume abgedeckt werden und bei Funklöchern die Lizenz entzogen würde, ging das Ganze recht schnell von statten. Aber mich fragt ja keiner.

    1. – – –
      !! Achtung, dieser Text kann Zynismus und Ironie enthalten, oder nicht parteikonforme Denkprozesse einleiten! Lesen auf eigene Gefahr! !!
      – – –
      Achtung!
      Wichtig für Angehörige der Polizei, Nachrichtendienste, Politiker und ähnlicher Gruppierungen!
      Das Lesen dieses Textes kann Ängste & schwere Paranoia hervorrufen und ist somit für diesen Personenkreis nicht geeignet!
      – – –

      Im Kampf gegen den Terror sind diese Antiterrorzonen mit dem Codenamen „weißen Flecken“ ein wichtiges und wirksames Mittel!

      Deutschland ist angewiesen auf diese Honeypod’s, dort sollen sich ja die Terrorzellen treffen und konspirativ austauschen.
      Damit ein Terroranschlag überhaupt verhindert werden kann, muss für diese Terrororganisationen ein kontrollierter Freiraum geschaffen/bereitgestellt werden, damit diese überhaupt erstmal einen Anschlag in aller Abgeschiedenheit geplant und auch vorbereitet werden kann!
      Sicherheit ist hier doch das oberste Gebot!
      Nur so (durch diese „weiße Flecken“) lässt sich sicherstellen, das die Kollateralschäden bei einem SEK/Militär-Einsatz unter der Bevölkerung so gering wie nur irgend möglich sind!
      Ein konspirativer Treffpunkt auf einem Truppenübungsplatz https://www.deutschlandfunkkultur.de/militaerische-uebungsstadt-u-bahn-in-der-heide.1001.de.html?dram:article_id=311884 könnte durchaus verdacht erregen!

      Klar, bin ich (Naseweis) anders, ich würde mich mit meinen konspirativen Partnern genau dort http://m.spiegel.de/karriere/stellenanzeige-statist-auf-truppenuebungsplatz-a-1141003.html treffen, genau das tun, was von mir erwartet wird und dafür auch noch bezahlt werden!
      Optimum 120€ x 21 Tage = 2520€ und ich erlerne die Vorgehensweise der militärischen Antiterroreinheiten, die sich wohl kaum von der des SEK/BKA unterscheiden dürfte!

      Als dann! Wir sehen uns!

  10. „Jetzt könnten die Kinder im Ort endlich WhatsApp-Nachrichten verschicken, wie es anderswo selbstverständlich ist.“

    Könnten sie wohl, dürfen sie aber nicht, da WhatsApp erst ab 16 Jahren erlaubt ist.
    Auch Äußerungen wie diese sind es, die WhatsApp wieder mal ein Stück allgegenwärtiger, selbstverständlicher machen und als _den_ (einzigen) Messenger dastehen lassen.

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