Öffentlichkeit

Neues aus dem Fernsehrat (19): Fünf Wünsche ans öffentlich-rechtliche Christkind

In der Weihnachtsfolge der Serie „Neues aus dem Fernsehrat“ habe ich fünf Wünsche ans Christkind die öffentlich-rechtlichen Internetangebote betreffend. Und zwar ausschließlich Punkte, die auch ohne Gesetzesänderungen bereits heute durch die öffentlich-rechtlichen Anbieter selbst möglich wären.

Screenshot des ZDF Weihnachtsportals 2017

Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig über Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.


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In der aktuellen Debatte über die Präsenz öffentlich-rechtliche Anbieter im Internet geht es vor allem um die (viel zu restriktiven) Rahmenbedingungen des gesetzlichen Telemedienauftrags. Die Diskussion verläuft dabei ungefähr so:

Beitragszahlende: Warum sind öffentlich-rechtliche Inhalte nur so kurz im Internet verfügbar? Schließlich haben wir sie schon bezahlt!
ARD, ZDF & Co: Wir würden ja, die Politik lässt uns leider keine andere Wahl. Wir müssen löschen und dürfen auch sonst fast nix!
Presseverlegerlobby: Und das ist auch gut so, kein Fußbreit den Öffentlich-rechtlichen Im Netz!!1!
Politik so: Okay, vielleicht schaffen wir die 7-Tages-Frist ab. Aber keine Sorge, liebe Verlage, das ändert fast nix und „presseähnliche Angebote“ darf es weiterhin keine geben.

Auf Grund der immer noch großen, publizistischen Blockademacht der Presseverlage dürfte sich an dieser festgefahrenen Situation auf Perspektive nichts Grundlegendes ändern. Vor allem der versprochene Wegfall der 7-Tagesfrist ist eine eher kosmetische Korrektur, wodurch sich in der Praxis jedoch kaum etwas ändert. Entscheidend für ein längeres Bereitstellen von Inhalten sind vor allem die dafür notwendigen Rechte. Und für diese fehlt bei stagnierenden und damit real sinkenden Beitragseinnahmen das Geld.

Dinge, die ARD, ZDF & Co tun dürften, aber nicht tun

Dennoch bzw. genau wegen des Patts auf politischer Ebene wäre es ein Fehler der öffentlich-rechtlichen Anbieter, mit weiteren Digitalisierungsschritten bis auf eine Gesetzesänderung zu warten, die vielleicht nie kommen wird. Im folgenden deshalb eine Liste mit Dingen, die ARD, ZDF und Co im Netz auch ohne neues Gesetz tun könnten, bislang aber (noch) nicht tun. Wenn man so will, meine persönliche Wunschliste ans öffentlich-rechtliche Christkind:

  1. Open-Source-Kooperation bei Mediathekentwicklung: „Die Mediatheken von ARD und ZDF: Ein Horrortrip“, so lautet der Titel einer lesenswerten Analyse von Stefan Stuckmann für Übermedien. Was aber auch kaum verwunderlich ist in einer Welt, in der Anbieter wie Netflix den Standard setzen, die Inhaltsdiversität öffentlich-rechtlicher Angebote hoch ist und die einzelnen Anstalten gleichzeitig bei der Mediathekenentwicklung nicht miteinander kooperieren. Das ZDF und jede einzelne ARD-Anstalt entwickeln ihre Mediatheken in Eigenregie. Das ist nicht nur eine Verschwendung, es führt auch zu vielen verschiedenen, letztlich im Durchschnitt schlechteren Angeboten. Warum die Mediatheksoftware nicht gemeinsam auf Open-Source-Basis entwickeln? Damit wäre sichergestellt, dass keine einzelne Anstalt die Entwicklung kontrolliert, gleichzeitig könnte man arbeitsteilig vorgehen.
  2. Personalisierung bei Mediatheken: Die Kooperation bei der Mediathekenentwicklung könnte dann nämlich die Basis für Personalisierungen á la Netflix sein – natürlich unter Berücksichtigung öffentlich-rechtlicher Besonderheiten in Sachen Datenschutz und Auftrag. In der ZDF-Mediathek gibt es bereits die Möglichkeit, sich einzuloggen. Die Folgen für das Nutzungserlebnis sind bislang aber kaum wahrnehmbar. Dabei wäre über ein Login-System sogar denkbar, auch altersbeschränkte Angebote rund um die Uhr anzubieten. Oder einen Zugriff auf öffentlich-rechtliche Inhalte im Urlaub in anderen Ländern. Die dafür notwendigen technischen und organisatorischen Änderungen sind zwar nicht trivial, können bei der zuvor beschriebenen Kooperation in der Entwicklung auf mehreren Schultern verteilt werden.
  3. Open Data and Transparenzoffensive: Öffentlich-rechtliche Anbieter sind an anderen Maßstäben zu messen, als ihre privaten Mitbewerber. Alleine schon auf Grund ihrer Beitragsfinanzierung sollte maximale Transparenz und offener Zugang zu Daten selbstverständlich sein. Das gilt für sendungsbezogene (Meta-)Daten (z.B. Titel, Beschreibungen, URLs, Quoten, etc.) genauso wie für senderbezogene Daten (z.B. Mittelverwendung nach Genre, Sendungsart, Auskunft über Produktions- und Lizenzverträge, etc.). Bis heute gibt es jedoch kein Portal für öffentlich-rechtliche Rundfunkdaten auf Basis der vielzitierten Open-Data-Prinzipien, obwohl die Zeit dafür mehr als reif wäre.
  4. Weniger Geoblocking: Ähnliches wie für den Bereitstellungszeitraum in den Mediatheken gilt auch für Geoblocking: Allzu oft werden Sendungen online nicht wegen gesetzlichen Beschränkungen, sondern wegen fehlenden Rechten zur grenzüberschreitenden Verbreitung geblockt. Leider wird jedoch oft auch dann geblockt, wenn die Rechte vorhanden wären, einfach weil es einfacher zu managen ist. Als jemand, der vor allem aus dem österreichischen Ausland auf Mediathekeninhalte zugreift, durfte ich das beispielsweise bei Live-Übertragungen der Bundestagsdebatte zu #EhefürAlle sowie beim Jamaika-Aus mit- bzw. die Streams nicht erleben. Beim Jamaika-Aus wurde der Live-Stream bei Phoenix geogeblockt, bei N-TV war er zu sehen.
  5. Creative Commons für Eigenproduktionen ohne Fremdmaterial: Ein wiederkehrendes Thema in dieser Serie ist die Frage, warum eigenproduzierte Inhalte ohne Fremdmaterial und GEMA-Musik nicht unter offener, Wikipedia-kompatibler Lizenz veröffentlicht werden. Auch das wäre ein Alleinstellungsmerkmal öffentlich-rechtlicher Anbieter und würde über die freie Enzyklopädie helfen, neue Zielgruppen mit öffentlich-rechtlichen Angeboten zu erreichen.

Natürlich gäbe es noch viele weitere Punkte, aber ich möchte dem öffentlich-rechtlichen Christkind ja auch nicht zuviel zumuten. Weitere Leserinnen- und Leserwünsche in den Kommentaren wären aber schön. Und idealerweise vor allem solche Dinge, die öffentlich-rechtliche Anbieter auch ohne gesetzliche Änderungen selbst erledigen können.

21 Kommentare
  1. Und ich wünsche mir, dass die politischen Inhalte der Tatsache Rechnung tragen, dass mindestens ein Viertel der demokratischen Repräsentanten dieses Landes nicht die tendenziöse gemainstreamlinete transatlantische Weltanschauung teilen und erwarten, dass die Medien der Aufklärung dienen und nicht der staatlichen Gleichschaltung.

  2. Ich würde ARD und ZDF für die Nutzung von „facebook“ und „twitter“ rügen.

    Ich halte das schlicht für Schleichwerbung, für Monopolisten, die sich selbst einen scheiß um öffentlich-rechtliche Belange kümmern; ja ganz generell jeden Tracken der irgendwo ein „Gefällt mir“ anzeigt und sich über richterliche Anordnungen echauffieren, das selbst noch einmal überprüfen zu müssen.

    Ist es denn so selbstverständlich, dass man heutzutage einen facebook- oder twitter-Account haben soll? Dass man Diskussionen nur noch auf facebook und twitter führen kann, natürlich nur mit Account? Warum genügt es nicht, nur einen Hinweis auf „ard.de“ zu geben, sondern auch noch auf „facebook.com“ und „twitter.com“? Scheint es nicht selbstverständlich zu sein, dass wenn die ARD auf facebook hinweist, dass man sich selbst einen Account zulegen muss?

    Warum zum Teufel werden die Leute so krass in Abhängigkeit von Unternehmen gepusht, nur weil man selbst keine Ahnung hat??

  3. Wenigstens gibt man mittlerweile zu das eben nicht alles vom Beitragszahlern schon bezahlt ist und das eine längere Online Bereitstellung höhere Kosten verursacht.

    1. Erstens habe ich das nie behauptet und zweitens stimmt auch das Gegenteil in dieser Pauschalität eben nicht: es gibt durchaus eine Menge an Material, wo längere Bereitstellungsdauer keine Mehrkosten verursachen würde, das aber trotzdem – und teilweise eben schon auf Grund von Depublizierungspflichten – heruntergenommen wird. Das wird aber dann wahrscheinlich Thema einer der nächsten Folgen der Serie sein.. ;-)

      1. Es wird nichts gelöscht. Man kann das Datum auf seinem Rechner zurückstellen und dann die Inhalte um die Anzahl der zurückgesetzten Tage ansehen.

  4. Bei 2.) würde ich mir dann gleich einen angebots-übergreifenden Radio-/Podcast-Player dazuwünschen, mit Listen und Empfehlungen und allem drum und dran.

  5. Es gibt da zum Glück ein Projekt namens MediathekView, dass die Inhalte aller ÖR-Mediatheken zusammenfasst und über das man mit Suchwörtern alle Mediatheken gleichzeitig durchsuchen kann. Dort kann man auch die Inhalte der Mediatheken ansehen oder runterladen, in allen veröffentlichten Qualitätsversionen. Warum eine solche Plattform extern geschaffen werden musste und nicht von den ÖR selbst kommt, ist natürlich immernoch fragwürdig. Zudem ist die Kategorisierung innerhalb der Mediatheken recht zufällig, sodass man nicht bei Mediathekview z.B. „Doku“ eingeben kann und alle Dokumentarfilme angezeigt bekommt.

    1. Du bist nicht zufällig mit der PR-Abteilung des ÖRR verbandelt, oder…?
      Vielleicht könnte (andernfalls) aber auch einfach eine Auseinandersetzung mit Begriffen wie Datenschutz und Persönlichkeitsrechten das Richtige für Dich sein. Gibt’s auch schon viel, viel länger.

  6. Hallo, ich hörte das die Deutsche Welle die IT Infrastruktur der ÖR´s nutzen will. Ihr sitzt ja im Fernsehrat und könntet mal nachfragen ob ein Propagandasender der eigentlich aus Steuermittel finanziert wird die Strukturen der ÖR´s nutzen darf!?

  7. Wie wäre es mit einer GEDRUCKTEN umfassenden und werbefreien PROGRAMMZEITSCHRIFT die an alle ZAHLENDEN Haushalte verschickt wird. Es wäre ja wohl das Mindeste, was man für die Gebühren erwarten könnte!

  8. Die zweitwichtigste Forderung ist gleich „Personalisierung bei Mediatheken“?!
    Soll heißen, sie sollen die Zuschauer überwachen und in die Filterblase stecken?
    Hab ich was verpasst, oder seit wann ist das jetzt gut?

  9. Es wäre auch mal Zeit, dass die ÖR ihrem Bildungsauftrag insofern gerecht werden, dass sie alle ausgestrahlten Inhalte auch mit Originalton (Kanal zur Auswahl) anbieten! Und das auf allen Vertriebswegen, auch Satellit und Mediathek. Das ist leider immer noch die starke Ausnahme und das wiederum ist ein Armutszeugnis.

  10. Ich bin auch für die Förderung von eigenen Servern / Hardware

    Die werden ja an UNIs für Höchstleistungen seit Jahren gebaut,
    die Technik wäre also verfügbar, stattdessen
    kauft man sich bequem und teuer bei Akamai ein .

    Ich nehme sogar an ,dass die Video Streamer
    mit deutscheb Servern besser und günstiger laufen und das alles mit der Lobby
    so verkauft wurden ,dass Akamai oder Amazon / Google immer Aufträge bekommen.

    Fast alle Sender hosten bei nicht deutschen Diensten.Auch der BR etc…
    Die CSU Webseite sendet anscheinend auch zum Grossteil Daten ins Ausland,
    FDP auch , Grüne auch (Doubleklick !! ) .
    SPD scheint völlig neutral zu sein.

    Leider sitzen die alle im Fernsehrat.Gerade die ,die keine Ahnung davon haben.
    Klar dass da nix bessere rauskommt.!

    Das nennen die dann Digitalisierung.
    Neuland etc….

    Ja klar kaufen kann ich heute alles, nur Arbeitsplätze fördert man damit hier nicht.!!

    Unser Geld geht falsche Wege !

    Volksabstimmung jetzt sofort umsetzen !

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