Überwachung

G20-Gipfel: Polizei durchsucht zehntausende Dateien mit Gesichtserkennungssoftware

Nach dem Gipfelprotest in Hamburg verfügt die Polizei über eine Menge an Bild- und Videodaten, die in der deutschen Kriminalgeschichte einmalig ist. Das Gleiche gilt für die Werkzeuge zur Verarbeitung der Massendaten. Eine Software zur Gesichtserkennung nutzt auch Geodaten der aufgenommenen Bilder. Die Erkenntnisse sollen zu einer Welle von Durchsuchungen führen.

Alle Rechte vorbehalten Videmo / PR

Die Hamburger Polizei verfügt mittlerweile über eine „zweistellige Terabyte-Zahl an Daten“, die von ErmittlerInnen mit Software durchforstet wird. Das teilte der Kriminaldirektor Jan Hieber gestern auf einer Pressekonferenz mit. Anlass waren Razzien bei mutmaßlichen TeilnehmerInnen des G20-Protestes, bei denen acht Durchsuchungsbeschlüsse in Hamburg und sechs in Schleswig-Holstein vollstreckt wurden. Ermittelt wird wegen schweren Landfriedensbruchs und Hehlerei.


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Nach den heftigen Protesten und Ausschreitungen in Hamburg hatte der Senat die Sonderkommission „Schwarzer Block“ eingerichtet, in der zeitweilig bis zu 170 BeamtInnen ermitteln. Gestern wurden als erste Konsequenz 16 Wohnungen und Geschäfte durchsucht. Gesucht wurde Hieber zufolge IT-Technik, die aus einem Geschäft im Schanzenviertel geplündert worden war. Bei den Razzien wurden jedoch nur sieben iPhones gefunden und beschlagnahmt. Es ist nicht bekannt, wie die Polizei die Durchsuchten ermittelt hat. Das Hamburger Abendblatt vermutet, dass die sichergestellten Telefone geortet worden sein könnten.

Auch Videodaten aus Verkehrsmitteln werden analysiert

Laut Hieber habe man „Bildmaterial in einem Umfang, wie es ihn noch nie in der deutschen Kriminalgeschichte gab“. Die Polizei hatte nach dem Gipfel ein Hinweisportal gestartet, bei dem auch Bild- und Videomaterial hochgeladen werden konnte. Nach eigenen Angaben seien dort 7.000 Dateien hochgeladen worden. Zuvor war von über 10.000 Dateien die Rede gewesen.

Das Material soll jetzt mit Gesichtserkennungssoftware durchsucht werden. Auch rund 25.000 „Einzelvideos“ von PolizistInnen werden mit der Software zur Verarbeitung von Bild-Massendaten ausgewertet. Das Gleiche gilt für den Inhalt von mehr als 100 Festplatten aus Bussen, Bahnen und Bahnhöfen.

Derzeit führt die Polizei über 2.000 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel. Mehrere Hundert seien bereits identifiziert. Bei der Sonderkommission laufen 319 sogenannte „Bekannt-Verfahren“ mit bis zu 50 Verdächtigen. Die Ermittlungen stehen jedoch noch am Anfang, der Kriminaldirektor spricht von 5.000 Menschen, die rund um den Gipfel in Straftaten verwickelt gewesen seien. Der Polizeipräsident Ralf Martin Meyer gibt die erwartete Zahl von Ermittlungsverfahren mit 3.000 an.

Auswertung mithilfe von Geodaten

Welche Werkzeuge zur Gesichtserkennung eingesetzt werden, ist bisher nicht bekannt. Für Kriminalämter verkauft die Dresdener Firma Cognitech „FaceVACS“, das auch beim Bundeskriminalamt zum Einsatz kommt. Derartige Software zur Videoanalyse wird auch zum Durchsuchen von kinderpornografischem Material genutzt. Dabei können auch die in den Dateien enthaltenen Geodaten ausgewertet werden. Daraufhin können Vidoes und Fotos gesucht werden, die am gleichen Ort entstanden.

Die Hamburger Polizei bestätigt, dass die Geo-Daten zur Erstellung von Bewegungsprofilen Verdächtiger genutzt würden. In „FaceVACS“ können Anwender die Personensuche mit Filtern unterstützen. Hierzu könnten etwa das Alter, Geschlecht oder die ethnische Zugehörigkeit eingegrenzt werden.

Vielleicht wird von der Sonderkommission „Schwarzer Block“ aber auch Technik der Firmen digivod, Sopra Steria oder Videmo genutzt. Die Hersteller forschen in einem Forschungsprojekt mehrerer Kriminalämter zur Frage, wie Bild- und Videomassendaten, wie sie nach der Silvesternacht in Köln anfielen, teilautomatisiert analysiert werden können. Auch das LKA Hamburg ist daran beteiligt.

Kriminaldirektor erwartet hohe Geständnisbereitschaft

Es ist nicht bekannt, ob die Gesichtserkennung lediglich zum Auffinden von Personen im Bildmaterial dient oder ob auch ein Abgleich mit vorhandenen Fotos in Polizeiakten oder bei Meldeämtern erfolgt. Mit „FaceVACS“ wäre dies technisch möglich. Den Äußerungen des Kriminaldirektors zufolge würde die Polizei gern mehr können, als bislang erlaubt: „Ich glaube, dass wir noch ein paar Wochen oder Monate warten müssen, bis die Konzeption voll einsatzfähig ist.“

Weitere Razzien sind zu erwarten. Hieber sagt, dass „viele Straftäter, die sich im Augenblick noch sicher wähnen, […] noch eine Überraschung erleben“. Die zu erwartenden Videobeweise seien dann so erdrückend, „dass wir eine erstaunliche Geständnisbereitschaft haben, wie ich sie noch nicht erlebt habe“.

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26 Kommentare
    1. „Die Polizei habe «alles richtig gemacht und einen heldenhaften Einsatz zustande gebracht», erklärte Bürgermeister Scholz anlässlich der Visite von Bundespräsident Steinmeier am 9.7.2017“

      Das Satz könnte auch von Gauland kommen. Das ist so bitter…

  1. Seit bei Demonstrationen umfassend gefilmt wird, zumeist von „beiden“ Seiten, habe ich mich entschlossen, von Demonstrationen fernzubleiben. Ich empfinde es so, dass mein Grundrecht auf freie und anonyme Meinungsäußerung derart schwer beeinträchtigt wird, so dass ich mein Recht auf Selbstschutz höher bewerte.

    Ist das traurig? Ja, sehr. Entscheidend für mich war auch unsägliche Gewalt von Seiten der Polizei, die selbst vor älteren und gebrechlichen Menschen nicht halt machte.

    Wenn jetzt auch noch mit Gesichtserkennung operiert wird, dann muss man befürchten, dass polizeinahe Behörden ihre Gesinnungsdateien mit den Daten von Demo-Teilnehmern anreichern. Da helfen nur noch Spontan-Demos, die sich bei eintreffen der Profi-Filmer schon aufgelöst haben.

    Ich trete dafür ein, dass Meinungsäußerung auch anonym möglich sein muss, im Rahmen geltender Gesetze. Das sich Polizei allein schon durch Vermummte die nur herumstehen, bedroht fühlt, ist ein unglaublicher Unsinn und nichts als Vorwand für den Einsatz unverhältnismäßiger Staatsgewalt.

    Und ich trete auch dafür ein, dass ich als Reisender nicht mittels Gesichtserkennung auf Bahnhöfen aufgelauert werde. Sollte das nach den Tests Wirklichkeit werden, gebe ich auch noch das Bahnfahren auf. Selbstverständlich nicht ohne steigenden Zorn auf jene, die mein Leben beeinträchtigen.

    1. > Und ich trete auch dafür ein, dass ich als Reisender nicht mittels Gesichtserkennung auf Bahnhöfen aufgelauert werde. Sollte das nach den Tests Wirklichkeit werden, gebe ich auch noch das Bahnfahren auf.

      Immerhin gilt das gesetzliche Vermummungsverbot nur auf Versammlungen. Es steht dir also derzeit noch frei beim Bahnfahren eine Sturmhaube oder Skimaske zu tragen. Die Bahn könnte dir das in ihren Geschäftsräumen untersagen, aber ich wüsste nicht dass sie das bisher tut und ich empfände das auch als eine interessante Protestform einfach konsequent immer nur vermummt Bahn zu fahren.

      1. Nicht so in Österreich. Dort wurde mit dem Burkaverbot gleich generell die Gesichtsverhüllung für alle zur Straftat erhoben:

        2000064527479/Gesichtsverhuellung-Uebers-Ziel-hinausgeschossen

        Selbst eine Maske zum Infektionsschutz darf nur zusammen mit einem ärtzl. Attest getragen werden.

  2. Gelebte Demokratie. Erinnert an die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat, mal schauen was noch kommt. Die Ermächtigungsgesetz ab 1914 waren ja auch nur zum Wohle des Volkes da. Wiedersprachen zwar der Verfassung, aber mit dem Rücken an der Wand macht erfinderisch. Nach den letzten Wahlen erkennt man schon die Richtung wo es hingeht.
    Die breite dekadente Masse interessiert es nicht, dass sich die Geschichte zu wiederholen scheint. Satt macht faul und dumm.

    Vielleicht sollte man bei künftigen Demos wieder die guten alten Integralhelme heraus kramen. Mit dem Visier fällt den Leuten sicherlich auch noch was ein … gibt ja heute Sachen wo man nur in eine Richtung durchsehen kann, z.B. …

    1. > Vielleicht sollte man bei künftigen Demos wieder die guten alten Integralhelme heraus kramen. Mit dem Visier fällt den Leuten sicherlich auch noch was ein … gibt ja heute Sachen wo man nur in eine Richtung durchsehen kann, z.B. …

      Das ist leider ansich schon strafbar. Vermummung ist das eine, aber Helme gelten als Bewaffnung.

      1. > aber Helme gelten als Bewaffnung.

        Wieso eigentlich? Es gibt doch nichts passiveres als einen Helm. Muss sich etwa der Ziegel vor dem Helm fürchten, wenn er vom Dach fällt?

        1. Das nennt sich „Schutzbewaffnung“, wozu neuerdings auch Taucherbrillen gehören (Schutz vor Pfefferspray).

          Wenn die „Schutzmacht“ sprichwörtlich zuschlägt, hat der Demonstrant gefälligst sensible Körperteile zu exponieren (Vorwurf der „Embryonalstellung“).

          Nein, kein Witz. Adieu Versammlungsfreiheit!

          1. Ein lesenswerter Wikipedia-Artikel bringt einen Schimmer von Licht in das Dunkel
            https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzwaffe

            Die Pointe ist jene:

            In der Bundesrepublik Deutschland verbietet § 17a Versammlungsgesetz das Mitführen als Schutzwaffe geeigneter Gegenstände zu einer Versammlung unter freiem Himmel (Kundgebung/Demonstration), sofern sie den Umständen nach dazu bestimmt sind, den Träger vor Zugriffen durch die Behörden zu schützen. Ausgenommen sind ausdrücklich Gottesdienste und Brauchtumsveranstaltungen.

            Im Namen Gottes und dumpfer Bräuche darf man mehr, als dem normalen Bürger zugestanden wird. Als pragmatischer Atheist wäre ich nicht ungeneigt eine neue Religionsgemeinschaft zu gründen, die „öffentliche Massengebete“ abhält. Einfacher Glaube hat zur Zeit ohnehin mehr Konjunktur als Intellekt.

            Vielleicht sollte man mal testweise eine Demo als „Gottesdienst“ anmelden. Huldigen wir den Göttern der Freiheit, der Menschenwürde und der Netzpolitik – und unsere Ritualien sind Taucherbrillen, Helme, …

      2. Hab ich nicht als friedlicher Demonstrant das Recht mich zu schützen? Die beblauten Ordnungshüter aller Couleur fahren ja weitaus mehr auf als nötig ist. Und wie viel friedliche Demos hat man schon mit Gewalt aufgelöst. Ist ja nicht so das sich die andere Seite lange bitten lässt. Zimperlich ist man keines Wegs auch mal ordentlich drauf zu hauen.

        Ein gebranntes Kind scheut das Feuer!

        1. Offenbar nicht. Sie brauchen auch nicht direkt teilnehmen, es reicht offenbar, sich im Umfeld einer Demo zu bewegen.
          Quote
          Fest hielt sie (Staatsanwaltschaft) hingegen an der Auffassung, die gefundene Taucherbrille diene als Schutzbewaffnung, zum Beispiel gegen den Einsatz von Reizgas, und stelle damit einen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz dar. [..] Dass er auf direktem Weg zur Demo gewesen sei, daran hatten Staatsanwaltschaft und Gericht keinen Zweifel.
          /Quote
          https://www.taz.de/!5443719/

          Ob nun rechtsstaatlich oder nicht – man ist erst einmal weg vom Fenster.
          „auf dem Weg gewesen“ – > Pre-Crime?

          1. Der Vollständigkeit halber zu erwähnen wären noch die mitgeführten Feuerwerkskörper polnischer Bauart.

            Die Taucherbrille stellt aber einen eigenen Straftatbestand dar.

          2. Also immer auch Badehose und Handtuch dabei haben, wenn man eine Taucherbrille dabei hat.

            Ist doch pervers, den Begriff „Schutzwaffe“ hat man nur erfunden um Dinge die keine Waffe sind mit diesem Wort zu versehen, damit das Gesetz eingesetzt werden kann.
            Gibt es da kein EU-Gericht, dass dafür zuständig wäre?

  3. Die Randalierer, die im Schutze der Dunkelheit hantierten, werden kaum geschnappt. Deshalb nannte man solche Typen früher auch lichtscheues Gesindel. Verbrecher merke, die Dunkelheit ist dein Freund. Interessant wäre allemal die identifizierbaren Krawallmacher mit anderen Randalen, auch in anderen Bundesländern, zu abzugleichen. Da finden sich bestimmt Gesetzmäßigkeiten. Falls sie dann dem Haftrichter vorgeführt werden, können sie ja behaupten, dass sie auch mal Außenminister der Bundesrepublik werden wollen.

  4. Tja… Am Anfang war der AkVorrat… und man war gegen das Datensammeln.
    Es wurde gesagt, nur bei Kapitalverbrechen und so bla bla bla……
    Es ist ein schleichender Prozess der vor sich hin läuft. Aber es dient ja der Sicherheit.
    Gibt’s schon Pläne ab wann Neugeborene gechippt werden?

    1. > ab wann Neugeborene gechippt
      Verschwörungstheoretische Kommentare wie dieser führen regelmäßig dazu, die Kritiker zu diskreditieren und wichtige Diskussionen zu „derailen“. Selbst falls irgendwann mal so eine Idee Realität werden sollte, ist das das geringste Problem, das wir aktuell haben.

      1. Wieso Verschwörungstheorie? Verfahren zur postnatalen Biometrie gibt es bereits; einen Chip konnte sich jedermann schon auf der vorletzten Cebit implantieren lassen.
        Sorry, aber wer sich hier Gedanken an die zukünftige Nutzung solcher Technologien verbietet und seine Argumentation ausschließlich am gegenwärtigen Status Quo ausrichtet, ist m. E. selbst schon längst Teil der Vergangenheit.

  5. Gibt es solche Software irgrendwo als Freeware (wenn Programmierer das wollten, wäre das wohl machbar), oder als Mordkopie?

    Es wäre schon Super, wenn Software wie „Videmo“ (setzt die Hamburger Polizei sichtbar in TV-Berichten ein) oder „FaceVACS“ nicht nur von der Polizei eingesetzt würde, sondern auch von die Polizei überwachenden Bürgern.
    Von Bürgern die damit ihre Aufnahmen von Polizisten auf Demos etc. durchsuchen, und so Polizisten identifizieren, und ihnen Aktivitäten nachweisen.

    So eine Art „Copwatch-Zellen“…

    Ernst gemeinte Frage:
    Wer mir Quellen von Mordkopien nennen will, kann das an meinen Namen mit Unterstrich dazwischen bei Live.de senden.
    Man darf ja schon froh sein, falls irgendeines dieser Programme es als Mordkopie ins Internet geschafft hat.
    Wenn man sich die Webseiten ansieht scheint es eh so zu sein, dass man es nicht mal kaufen könnte, wenn man wollte…
    Aber Saudi-Arabien und Co. wären wahrscheinlich willkommener Kunde…

    Da Ich Dissident bin, stelle Ich bei diesem Thema und Art von Software diese Frage ganz offen und gezielt provokant…
    Die Hersteller dürfen mir gerne Angebote zusenden…

    „FaceVACS“ führt zu Suchergebnissen, aber ob da was echtes bei ist.

    Können diese Programme eigentlich auch mit Fotos umgehen?

    Man stelle sich vor man hat hemliche aber legal gemachte Fotos von Polizisten vor ihren Dienststellen.
    Als Pakete zum Download, Orte, Städte, Bundesländer… im Idealfall bis zu 250.000 bis 300.000, eben alle Polizisten. Sucht man die Identität eines Polizisten oder „Robocop“ von einer Demo reicht evtl. ein Gesicht in einem Helm, und die Software spunkt aus welchen Foto das entspricht. Und damit hätte man dessen Gesicht und Dienststelle. Seinen Namen etc. zu ermitteln ist dann viel leichter…

    Die Zahl die Ich zu Hamburg hörte waren nur etwas über 7TB, nicht „zweistellig“…

    „. Die zu erwartenden Videobeweise seien dann so erdrückend, „dass wir eine erstaunliche Geständnisbereitschaft haben, wie ich sie noch nicht erlebt habe“.“

    Hat der das schon erlebt, oder ist das seine (evtl. auch sexuell beteiligte) Phantasie ;-D ?!?

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