Mit sehr wenigen Ausnahmen kann hierzulande jeder seine Meinung nach Belieben in das Social-Media-Netzwerk seiner Wahl tippen, ohne staatliche Repressalien befürchten zu müssen. Obwohl das den meisten Menschen bekannt sein dürfte, machen wir uns beim täglichen Klicken wohl selten bewusst, wie privilegiert wir dabei im Vergleich mit vielen anderen Ländern der Welt dastehen. Die politische Diskussion rund um die Social-Media-Unternehmen wird häufig auf „Hatespeech“ und den Trend zur Privatisierung von Zensur reduziert.
In einem Artikel bei Bloomberg werden nun die Folgen von Twitter-Äußerungen in repressiven Regimes beleuchtet. Denn das Unternehmen verkauft den Informationsfluss in seinem Netzwerk über die Twitter-„Firehose“.
Als „Firehose“ (wörtlich: Feuerwehrschlauch) wird der Datenstrom bezeichnet, den man bei Twitter kaufen kann, etwa wenn man ein Produkt vermarkten möchte oder sich für Interessen und Befindlichkeiten von Personengruppen interessiert. Darin sind längst nicht nur die Inhalte aus dem Text von Nutzer-Tweets enthalten, sondern auch Informationen über beispielsweise die Geräte, die verwendet werden, den Ort, von wo getweetet wird, aber auch Angaben aus den Nutzerprofilen.
Etwa siebzig Millionen Dollar pro Quartal erwirtschaftet Twitter mit dem Verkauf der Daten aus der „Firehose“. Geliefert werden den Käufern alle Tweets in Echtzeit, die auch nach Stichwörtern oder Kombinationen von Suchbegriffen auswertbar sind. Allerdings erhalten nur besondere Kunden den Zugang zur „Firehose“, sie werden von Twitter unter Vertrag genommen.
Schwarzen Sack über den Kopf
Natürlich sind diese Daten nicht nur für die Werbetreibenden von Interesse, sondern auch für Strafverfolger und Geheimdienste. In Staaten, welche die freie Meinungsäußerung stark beschränken, können Informationen aus der „Firehose“ jemanden den Kopf kosten – im wahrsten Sinne des Wortes. Regelmäßig verfolgen Regimes wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman oder Bangladesch Journalisten, Blogger oder Aktivisten, die sich öffentlich kritisch äußern oder Mitglieder der Königsfamilien beleidigen. Bloomberg zitiert Kevin Hatline, einen früheren Manager von Snaptrends, der das so beschreibt:
We all knew this could be used to put a black bag over someone’s head and make them disappear.
(Wir wussten alle, dass das benutzt werden könnte, um jemandem einen schwarzen Sack über den Kopf zu stülpen und ihn verschwinden zu lassen.
Snaptrends ist einer der Weiterverkäufer der Daten aus der Twitter-„Firehose“. Dass in der Vermarktung dieser Daten erhebliche Gefahren schlummern, ist also unter denjenigen, die solche Informationen verramschen, kein Geheimnis.
Bloomberg belegt das mit verstörenden Beispielen. Bei Firmen wie Snaptrends werden schon mal Vertreter von repressiven Regimes persönlich vorstellig, um die technischen Möglichkeiten der Überwachung und der Analyse auszuloten. So sollen letztes Jahr einige Bangladescher mit dem Unternehmen einen Vertrag abgeschlossen haben, die einer berüchtigten „Anti-Terror“-Einheit zuzurechnen seien. Laut Human Rights Watch würde diese Einheit eine „Kultur der außergerichtlichen Tötungen“ zeigen. Das aber hätte Snaptrends nicht daran gehindert, den Bangladeschern ihre Software zu verkaufen und gleich noch ein paar zehntausend Euro für die Installation samt Benutzereinführung zu berappen.
Eine Lösung zur Vermeidung solch ungewünschter Nutzer der „Firehose“-Daten ist nicht in Sicht:
What is clear, however, is that Twitter hasn’t figured out how to make sure its data isn’t used by repressive regimes to harm or intimidate users, just as it hasn’t figured out how to stop harassment.
(Was aber klar wird, ist, dass Twitter noch nicht herausgefunden hat, wie es seine Daten davor schützt, von repressiven Regimes genutzt zu werden, um den Nutzern zu schaden oder sie einzuschüchtern, genauso wie es noch nicht herausgefunden hat, wie man Drohungen und Mobbing verhindert.)
