Nachdem die norwegische Zeitung Aftenposten das wohl bekannteste Foto der Kriegsfotografie auf Facebook gepostet hatte, dauerte es nicht lange bis das Unternehmen die Zeitung aufforderte, das Bild zu löschen. Die Zeitung reagierte nicht auf die Aufforderung, da löschte Facebook in weniger als 24 Stunden das ikonografische Foto des nackten Mädchens und auch den dazugehörigen Artikel.
Hintergrund der Berichterstattung des Aftenspostens war eine ähnliche Löschaktion gegen den norwegischen Autor Tom Egeland. Der hatte auf Facebook Fotos veröffentlicht, welche die Geschichte der Kriegsführung veränderten. Unter ihnen das mit dem Pulitzer-Preis prämierte Foto des fliehenden Napalm-Mädchens Kim Phúc. Nachdem der Autor sich über die Löschung beschwert hatte, wurde er temporär gesperrt. Über diesen Fall berichtete die Zeitung, bebilderte ihn mit besagtem Foto – und versuchte den Artikel über Facebook zu teilen.
Da Aftenposten jetzt selbst Opfer von Facebooks intransparenter Löschkultur geworden ist, schreibt der Chefredakteur Espen Egil Hansen einen lesenswerten und wütenden offenen Brief an Mark Zuckerberg. Dort heißt es unter anderem:
Listen, Mark, this is serious. First you create rules that don’t distinguish between child pornography and famous war photographs. Then you practice these rules without allowing space for good judgement. Finally you even censor criticism against and a discussion about the decision – and you punish the person who dares to voice criticism.
Espen Egil Hansen kritisiert nicht nur die undurchsichtigen Regeln, sondern auch die Unmöglichkeit, jemals einen menschlichen Ansprechpartner bei Facebook zu erreichen. Gleichzeitig wirft der Chefredakteur Mark Zuckerberg Machtmissbrauch vor und weist darauf hin, dass Facebook als das größte Medium der Welt nicht und nicht auf diese autoritäre Weise die Freiheit einschränken dürfe.
Update:
Mittlerweile gibt es verschiedene Reaktionen auf den Fall. So meldete sich der Deutsche Journalisten-Verband zu Wort:
„Man muss von Facebook so viel Medienkompetenz erwarten dürfen, dass eine Unterscheidung zwischen einem zeitgeschichtlichen Dokument und Kinderpornografie vorgenommen wird“, sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Das gelte vor allem dann, wenn das Bildmaterial auf der Facebook-Seite einer renommierten Tageszeitung stehe. „Welche Inhalte eine Zeitung veröffentlicht, muss die Entscheidung der Redaktion bleiben.“ Alles andere sei ein Eingriff in die Pressefreiheit.
Facebook selbst wird vom österreichischen Standard folgendermaßen zitiert:
Facebook erklärte, es sei schwierig, bei Fotografien mit nackten Kindern einen Unterschied zu machen und die Veröffentlichung in einem Fall zu erlauben und in einem anderen nicht. „Wir versuchen, die richtige Balance zu finden zwischen der Möglichkeit für Menschen, sich auszudrücken, und einer sicheren und respektvollen Umgebung für unsere globale Gemeinschaft. Unsere Lösungen werden nicht immer perfekt sein, aber wir werden versuchen, unsere Regeln und die Art, wie wir sie anwenden, zu verbessern.“
Der Guardian berichtet, dass Facebook das Bild auch vom Facebook-Account der norwegischen Premierministerin Erna Solberg gelöscht habe:
Erna Solberg, the Conservative prime minister, called on Facebook to „review its editing policy“ after it deleted her post voicing support for a Norwegian newspaper that had fallen foul of the social media giant’s guidelines.
Solberg was one of a string of Norwegian politicians who shared the iconic image after Facebook deleted a post from Tom Egeland, a writer who had included the Nick Ut picture as one of seven photographs he said had „changed the history of warfare“.
Und was sagt Kim Phúc, das auf dem Foto gezeigte Mädchen, zu der ganzen Geschichte? Sie ließ über die Kim Phúc Foundation ausrichten (zitiert nach Dagsavisen.no):
„Kim is saddened by those who would focus on the nudity in the historic picture rather than the powerful message it conveys“, writes spokesperson Anne Bayin to Dagsavisen.
Kim Phúc says that it has been painful to see the picture, but that it represents an important moment in history.
„She fully supports the documentary image taken by Nick Ut as a moment of truth that captures the horror of war and its effects on innocent victims“, writes the Kim Phúc Foundation in a statement.
Update 10.9.2016:
Facebook lenkt ein und will das Foto auf seiner Plattform erlauben. Die große Frage von Facebook als größter Filter/Chefredakteur der Welt wird dadurch natürlich nicht gelöst.
