Wie die Wirtschaftswoche berichtet, startet Telefónica einen neuen Anlauf, um aus Kundendaten Geld zu machen. Die Rede ist von anonymisierten Bewegungs- und Vertragsdaten, die der Telekommunikationsriese (o2, Base, E‑Plus) an Unternehmen und Behörden „verkaufen“ will. Kunden sollen im Gegenzug Rabatte „als Belohnung“ bekommen.
Über das konkrete Vorhaben von Telefónica ist bislang relativ wenig bekannt. Sprecher Cornelius Rahn betont netzpolitik.org gegenüber jedoch: „Wir verkaufen keine Daten. Wir fertigen Analysen aus Kundendaten an und verkaufen diese.“ Der neue Geschäftsbereich „Advandced Data Analytics“ ziele auf den Einsatz der Kundeninformationen im Einzelhandel oder für die städtische Verkehrsplanung. Im letztgenannten Bereich laufen sogar schon erste Pilotprojekte, etwa gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Im wirtschaftlichen Bereich betrieb Telefónica zumindest in Deutschland bislang lediglich das Projekt More Local, mit dem o2-Kunden auf Wunsch (Opt-In) ihre Geodaten und Vorlieben analysieren lassen können, um von Einzelhändlern lokale Angebote und Werbung zu erhalten. Jetzt sollen z.B. Informationen über Alter, Wohnort und Geschlecht von Mobilfunknutzern in Kombination mit deren Ortungsdaten für Analysen von Kundenströmen genutzt werden.
Das Unternehmen, das laut eigenen Angaben mit über 43 Millionen Kunden Marktführer im deutschen Mobilfunkmarkt ist, will jetzt also nach dem gleichen Modell Kundendaten zu Geld machen, das auch die Deutsche Telekom einsetzt: Wenn Kunden dort nicht explizit Widerspruch einlegen, werden dort Mobilfunkdaten anonymisiert an das Tochterunternehmen Motionlogic übergeben. Dieses analysiert und vermarktet sie dann; laut eigenen Aussagen zum Beispiel für die Prognose von Verkehrsflüssen. (Ein Pilotprojekt der Telekom mit den Nürnberger Verkehrsbetrieben wurde 2015 nach einem öffentlichen Aufschrei zwar gestoppt, nicht aber das grundsätzliche Vorgehen.)
Auch Telefónica setzt das grundsätzliche Einverständnis seiner Mobilfunkkunden zur Datenvermarktung schlicht vorraus und bietet lediglich die Möglichkeit zum Opt-Out.
Bundesdatenschutzbeauftragte hat das Projekt abgesegnet
Datenschutzrechtlich dürfte das Projekt zunächst wenig Angriffsfläche bieten. Telefónica-Sprecher Rahn betont, dass mit einem neuen dreistufigen Verfahren „führende Anonymisierungstechnologie“ eingesetzt werde, die es „praktisch unmöglich“ mache, Einzelpersonen zu identifizieren. Datenschutzrechtlich gelten anonymisierte Daten bislang nicht als personenbezogene und damit besonders schützenswerte Daten. In Anbetracht immer größerer und vielfältigerer Datenmengen sowie steigender Rechenkapazitäten ist diese Sichtweise jedoch durchaus umstritten. Diverse Studien haben schließlich gezeigt haben, wie sich nicht nur trotz Pseudonymisierung sondern auch trotz Anonymisierung einzelne Personen identifizieren lassen.
Erst im Frühjahr 2016 betonte die brandenburgische Landesdatenschutzbeauftragte Dagmar Hartge bei einer Bundestagsanhörung zur Europäischen Datenschutzgrundverordnung deshalb: „Wir werden erkennen müssen, dass man mit beiden Punkten nicht auf Dauer wird arbeiten können.“ Auch die Telekom Deutschland habe eingeräumt, dass selbst „Anonymisierung letzten Endes gar nicht mehr so richtig funktioniert,“ so Hartge damals.
Von Telefónica-Sprecher Cornelius Rahn heißt es dazu:
Rückschlüsse auf Einzelpersonen sind nicht möglich, denn alle Daten durchlaufen zunächst ein neuartiges Anonymisierungsverfahren, das in enger Abstimmung mit der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit entwickelt und vom TÜV zertifiziert wurde.
Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), Andrea Voßhoff, bestätigt diese Darstellung und bekräftigt die datenschutzrechtliche Konformität des neuen Projekts – zumindest für den Moment:
Die Firma Telefónica steht mit der BfDI bezüglich eines Projekts zur Nutzung anonymisierter Standortdaten ihrer Mobilfunkkunden in regelmäßigem Kontakt. Allerdings war die BfDI nicht aktiv an der Erstellung von in diesem Zusammenhang entwickelten Konzepten (z.B. Algorithmen) beteiligt, sondern hat lediglich Empfehlungen zu den ihr von der Telefónica vorgestellten Verfahren abgegeben. Da sich das Projekt stetig fortentwickelt, ist eine abschließende Beurteilung der Datenschutzkonformität grundsätzlich nicht möglich. Die BfDI wird das Projekt aber weiterhin begleiten und dabei sowohl die Wahrung datenschutzrechtlicher Vorgaben überwachen als auch die Telefónica auf Wunsch konkret datenschutzrechtlich beraten.
Datenschutz war gestern, die Monetarisierung von Daten heißt jetzt „Datensouveränität“
Nachdem Telefónica 2012 mit einem ersten Anlauf zur großflächigen Monetarisierung von Kundendaten aufgrund des öffentlichen Protestes Schiffsbruch erlitten hatten, will man bei der deutschen Tochter des Kommunikationsriesen nun alles richtig machen. Neben dem neuen Anonymisierungsverfahren gibt es eine professionelle Werbeseite, auf der Telefónica-Deutschland-CEO Thorsten Dirks laut Eigenaussage „einen Diskurs über Daten und Gesellschaft“ anstoßen will.
„Wir möchten, dass unsere Kunden ihr digitales Leben selbst gestalten und genießen können, ohne besorgt um die Sicherheit und die Verwendung ihrer Daten zu sein. Wir wollen, dass sie die Souveränität über ihre Daten haben. Deshalb wollen wir, dass Daten sicher und vertraulich sind“, kündigt Dirks auf der Seite vollmundig an. Dass sein Konzern zur gleichen Zeit mit mächtigem Aufwand in Brüssel dafür lobbyiert, die sogenannte ePrivacy-Richtlinie der EU einzustampfen, die Telekommunikationsanbietern besondere Auflagen zum Schutz der Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation macht, erwähnt er nicht.
Aufgrund der dünnen Informationslage wollte Florian Glatzner vom Team Digitales und Medien des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV) zunächst zwar noch keine Bewertung von Telefónicas Informationshandel aus Sicht des Verbraucherschutzes abgeben. Die Informationspolitik in Hinblick auf das Vorhaben sieht er jedoch kritisch:
Hier sollte man das Unternehmen schon beim Wort nehmen. Wenn der Vorstandsvorsitzende damit wirbt, dass man den Kunden die Hoheit über ihre Daten wiedergeben möchte, dann erwarten wir, dass das ernst gemeint ist. Das hieße als Minimum: Umfassende Information über die möglichen Konsequenzen der Datenauswertung und ein Opt-In-Verfahren, bei dem das Einverständnis der Kunden nicht einfach vorausgesetzt wird.
Auch ein Reflektieren der Verantwortung eines datenverarbeitenden Unternehmens in Hinblick auf die Entstehung eines Datenschutzprekariats im Überwachungskapitalismus sucht man bei Telefónica vergebens. Genau die von Telefónica jetzt angedachte Förderung der Preisgabe von Informationen durch Belohnungen und Rabatte ist jedoch ein großer Schritt in diese Richtung: Wer nicht auf sein Geld achten muss, wird weniger gehemmt sein der Verwertung seiner Mobilfunkdaten zu widersprechen. Wer hingegen ohnehin schon sehen muss, wie er über die Runden kommt, wird sich über jeden Rabatt freuen und einer Vermarktung seiner Informationen vermutlich eher zustimmen. Die nächste Stufe heißt dann: Datenschutz nur noch Gegenaufpreis.
Der Widerspruch dauert keine Minute. Der Einfachheit halber hier nochmal der Link zum Opt-Out
Offenbar kommt es beim Opt-Out gelegentlich zu Problemen: Statt über ihre Abmeldung werden Kunden über ihre Anmeldung zur Datenanalyse informiert. Sollte das bei euch der Fall sein, einfach nochmal ein Einmalpasswort zuschicken lassen und die Einstellung erneut ändern.
