Die Asylsuchenden, die Edward Snowden in Hongkong versteckt haben, brauchen Unterstützung

Hilfe für die Helfer: Die Geflüchteten, die es Edward Snowden im Juni 2013 ermöglichten, in Hongkong unterzutauchen, hängen immer noch dort fest. Auf dem 33C3 stellen Unterstützer eine Kampagne vor, mit der sie Geld für die unsichtbaren Retter sammeln und Kanada überzeugen wollen, sie aufzunehmen.

Jayne Russell, alle Rechte vorbehalten

Nicht mehr unsichtbar – Snowdens Gastgeber in Hongkong (von links): Ajith Puspa, Vanessa Mae Rodel und ihre Tochter Keana, Nadeeka Dilrukshi Nonis mit Supun Thilina Kellapatha und ihrer Tochter Sethumdi.
Foto: Jayne Russell, alle Rechte vorbehalten.

Auch dreieinhalb Jahre nach seinen Leaks zur weltweiten Geheimdienstüberwachung ist Edward Snowden in der netzpolitischen Debatte omnipräsent. Zwei Kinofilme geben unterschiedliche Einblicke in seine Geschichte, in zahlreichen Interviews und Live-Schalten hat er seine Perspektive auf die Ereignisse vom Juni 2013 und ihre Bedeutung dargelegt. Weit weniger bekannt ist dagegen die Geschichte der Menschen, ohne die der meistgesuchte Mann der Welt vor drei Jahren wohl nicht aus Hongkong entkommen wäre: die der Asylsuchenden, mit deren Hilfe der Whistleblower nach dem Schritt an die Öffentlichkeit untertauchen konnte.

Der kanadische Menschenrechtsanwalt Robert Tibbo, Handelsblatt-Journalist Sönke Iwersen und Lena Rohrbach von Amnesty International wollen das ändern. Mit ihrem Vortrag „The Untold Story of Edward Snowden’s Escape from Hong Kong“ machten sie am zweiten Tag des 33. Chaos Communication Congress auf das Schicksal dieser Menschen aufmerksam: drei Familien aus Sri Lanka und den Philippinen, die in Hongkong auf Asyl hoffen und dort schon seit teilweise über zehn Jahren unter erbärmlichen Umständen leben.

(Die Video-Aufzeichnung des Vortrags ist inzwischen bei ccc-tv online.)

Dort, wo ihn niemand erwartet

„Das sind gute Menschen, die reden nicht“, hört man in Oliver Stones Spielfilm „Snowden“ einen Mann sagen, als er „Ed“ nach der großen Aufmerksamkeitswelle seinen Gastgebern vorstellt. Nur wenige Sekunden kommen die Menschen vor, bei denen der flüchtige US-Amerikaner Unterschlupf findet. In Wirklichkeit verbrachte Snowden zwei Wochen in den wenige Quadratmeter großen Wohnungen der Asylsuchenden.

„Als allererstes haben wir ihn beim UNHCR als wegen seiner politischen Überzeugung Verfolgten gemeldet und Asyl beantragt. Dann mussten wir ihn verstecken“, erzählt Tibbo, einer der beiden Menschenrechtsanwälte, die Snowden kurzfristig in Hongkong unterstützten.

„Die zwölf- bis vierzehntausend Asylsuchenden sind Hongkongs Version der Unberührbaren. Die am meisten benachteiligte Gruppe der Stadt“, so Tibbo weiter. „Wir wussten, dass man ihn dort am wenigsten suchen würde.“

Ohne zu zögern – teilweise auch ohne zu wissen, wer er genau ist – nahmen Vanessa, Ajith, Supun und Nadeeka Snowden auf und versteckten ihn, bis er das Land verlassen konnte. „Er war geflüchtet, ich war geflüchtet. Natürlich habe ich ihm geholfen“, kommentierte der ehemalige Soldat Ajith aus Sri Lanka seine Hilfe laut Tibbo.

Die Helfer hängen in Hongkong fest

Rechtsanwalt Tibbo und der Journalist Iwersen, der im September eine ausführliche Reportage über „Snowdens Schutzengel“ veröffentlichte, charakterisieren die Lebenssituation der Asylsuchenden als bedrückend. In den Worten des Rechtsanwalts:

Die Mittel, die sie als Asylsuchende erhalten, reichen kaum zum Leben. Gleichzeitig dürfen sie nicht arbeiten. Wer dabei erwischt wird, kann mit 22 Monaten Gefängnis bestraft werden.

Auch drei Jahre, nachdem sie Snowdens Flucht unterstützten, hängen die Familien in Hongkong fest. „De facto werden alle Asylanträge in Hongkong abgelehnt. Die Akzeptanzquote beträgt 0,6 Prozent“, erzählt Tibbo, der seit 2012 in der chinesischen Sonderverwaltungszone tätig ist. In ihre Heimatländer könnten die Geflüchteten aber erst recht nicht zurück. Ihnen drohe dort Folter und Verfolgung. Ajith aus Sri-Lanka müsste sogar mit der Todesstrafe rechnen.

Angst vor der Abschiebung

Nach der ersten Berichterstattung verschlechterte sich die Situation für Snowdens Helfer sogar nochmal. „Weil sie den Behörden von Hongkong keine Fragen über Edward Snowden beantworten wollte, wurde Vanessa jegliche staatliche Unterstützung gestrichen“, erzählt Tibbo.

Sie habe Angst, dass ihr Asylantrag bald abgelehnt werde und sie zurück auf die Philippinen müsse, erzählt die Asylsuchende, via Skype. Sie hatte Snowden ihr Bett angeboten und auf dem Boden geschlafen; ihm zu seinem 30. Geburtstag einen Kuchen gebacken.

Gemeinsam mit Tibbo und anderen hat Handelsblatt-Journalist Iwersen inzwischen Fundraising-Projekte aufgesetzt, man kann zum Beispiel bei gofundme und fundrazr spenden. (Bitcoin-Spenden sind an die Adresse 1LQQ64spAFdVQQULHCkNkUCpGbEsw2onmt möglich.)

„Das war für mich als Journalist natürlich eine sehr ungewöhnliche Situation“, erzählt Iwersen im Hintergrundgespräch. Er habe dafür keinen Plan und keine Organisation gehabt, aber nachdem er seinen Artikel veröffentlicht habe, erhielt der Journalist Anrufe und Mails von Menschen, die Snowdens unsichtbaren Helfern unter die Arme greifen wollten.

Aufruf zur Unterstützung

„Sie brauchen unsere öffentliche Anerkennung und finanzielle Unterstützung“, ruft Tibbot die Congress-Besucher auf. Konkret will er die kanadische Regierung dazu bewegen, die sieben Menschen aufzunehmen. Bis dahin sollen mit dem Geld zumindest ihre nötigsten Bedürfnisse gedeckt werden. „Die Mittel werden zu 100 Prozent für die Familien verwendet. Außer den Banken bekommt keine der zwischengeschalteten Stellen etwas von dem Geld“, betont Tibbo.

Offizielles Werbevideo der Kampagne mit Snowden-Darsteller Joseph Gordon-Levitt


[Nachtrag, 29.12.2016:]
Da der Vortragsteil von Lena Rohrbach (Amnesty International) zur aktuellen Situation Edward Snowdens, dessen russsisches Arbeitsvisum im August 2017 abläuft, aus technischen Gründen ausgefallen ist, haben wir sie um ein schriftliches Statement gebeten. Hier ist, was sie hätte sagen wollen:

Edward Snowden ist in den USA wegen Verletzung des Espionage Acts angeklagt, einem Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg, das veraltet und ungeeignet ist, seinem Fall gerecht zu werden. Es wurde eingeführt, um im Krieg die Weitergabe militärischer Geheimnisse unter Strafe zu stellen, aber auch die „Beleidigung“ der Regierung, Flagge oder des Militärs, die „Agitation“ gegen die Produktion von Waffen oder auch nur die Verteidigung eines dieser Akte. Die Anklage unter dem Espionage Act macht es Snowden unmöglich, sich bei seiner Verteidigung vor einem möglichen US-Gericht auf das öffentliche Interesse zu berufen, in dem er gehandelt hat: Der Espionage Act schließt diese Verteidigung aus. Hinzu kommt die verbale Vorverurteilung durch wichtige US-Politiker, darunter der künftige Präsident und dessen designierter CIA-Chef, Mike Pompeo, der erst im November Snowdens Hinrichtung befürwortete.

Amnesty International ist daher besorgt, dass ihn in den USA kein faires Verfahren erwartet, und hat gemeinsam mit der American Civil Liberties Union und Human Rights Watch PardonSnowden.org gestartet – für deutsche Staatsbürger: http://action.amnesty.de/l/ger/p/dia/action3/common/public/?action_KEY=10388. Zwar hat Obama dem SPIEGEL berichtet, er könne niemanden begnadigen, der noch nicht verurteilt wurde, dies ist allerdings falsch: Der Supreme Court urteilte, dass US-Präsidenten auch vor einem Verfahren eine Begnadigung (Pardon) aussprechen können, vorherige US-Präsidenten haben von dieser Möglichkeit auch bereits Gebrauch gemacht. In jedem Fall dient jede Stimme dazu, den Druck auf die künftige und neue US-Regierung zu erhöhen.

11 Kommentare
    • Kommando Kampfmulle Püttlkofer 29. Dez 2016 @ 16:53
      • Gedankenpolizeidienststelle Heilbronn-Süd 29. Dez 2016 @ 18:47
  1. Hans Peter Müller 29. Dez 2016 @ 5:51

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