Wir haben runden Geburtstag! Heute vor zehn Jahren wurde das erste Posting in diesem Blog veröffentlicht. Jetzt könnten wir viel zurückblicken auf eine sehr spannende Zeit, wo sich vieles ganz anders entwickelt hat als wir es mal geahnt oder gehofft haben. Aber dafür bleibt in den nächsten Wochen noch Zeit. Reden wir jetzt lieber über den Status Quo.
Was als Hobby von mir nebenbei begann, wurde zu einer festen Redaktion mit derzeit drei Personen (und 2,5 Stellen), ein bis zwei Praktikanten sowie einem festen Kern von weiteren derzeit 10–15 Personen, die über wichtige Themen bloggen, wenn sie Zeit und Lust haben.
Wir bleiben dran
Wir haben alle wichtigen netzpolitischen Debatten verfolgt und teilweise entscheidend mitgeprägt. Wir haben weiterhin die Devise: Wir bleiben an Themen dran, die wir für die Entwicklung einer digitalen Gesellschaft für entscheidend halten, auch wenn sie gerade niemanden interessieren. Wir haben einen langen Atem, sind kritisch und schauen Politik und Industrie-Lobbys auf die Finger. Und wir gehen auch dahin, wo es teilweise keinen Spaß macht.
Totalüberwachung, Softwarepatente, DRM, Filesharing-Debatte, Urheberrechtsreformen und ihre Durchsetzung, Leistungsschutzrecht, ACTA, TTIP, Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Informationsfreiheitsgesetz, Netzsperren, EU-Datenschutzreform, Netzneutralität, Freie Software, Open Data – und unzählige Überwachungsgesetzgebungen sind nur einige Beispiele vergangener oder derzeitiger Debatten mit gesellschaftlicher Bedeutung.
Wir haben schon über die Totalüberwachung durch Geheimdienste berichtet, als Edward Snowden noch nicht für die NSA gearbeitet hat. Und wir werden weiter darüber berichten, wenn andere Medien das Interesse verloren haben.
Wir sind auch ein Transparenz- und Weiterbildungsangebot
Unser Ziel ist, politische Prozesse transparenter zu machen und wir zeigen Möglichkeiten auf, wie man sich selbst für Grund- und Freiheitsrechte sowie eine lebenswerte digitale Gesellschaft einsetzen kann. Wir sind vernetzt, in Deutschland, Europa und weltweit. Wir bringen Akteure unter ein Dach und geben ihnen eine Stimme im demokratischen Diskurs.
Wir haben eine starke Community um uns herum und sind zu einem wichtigen Netzwerk-Knoten geworden. Und wir hören zu.
Wir reden nicht nur, was man tun müsste. Wir tun was. Und das oft effektiv.
Wir haben das neue Politikfeld der Netzpolitik mitentwickelt und mitgeprägt. Aber jetzt geht der Kampf erst richtig los.
Wir treten für etwas ein und nutzen dafür Journalismus
Wir sind unabhängig und damit nur unserer Haltung, unseren Leserinnen und Lesern und unserem Gewissen und Herzen verpflichtet. Und wir haben Leidenschaft bei dem, was wir tun.
Wir sagen nicht, dass wir neutral sind. Wir glauben, das gibt es nicht. Wir arbeiten gewissenhaft und journalistisch. Aber wir haben eine Haltung und berichten aus der Perspektive von digitalen Grundrechten. Daraus machen wir kein Geheimnis, wir machen unseren Standpunkt klar. Wir nennen es engagierten Journalismus.
Wir haben uns einen guten Ruf erarbeitet und werden je nach Perspektive dafür geachtet oder gehasst. Wir verstehen uns als Fachjournal mit der notwendigen Expertise, Politik, Grundrechte und digitale Technologiefolgeabschätzung zu verbinden. Und zu erklären. Wir sind zugleich eine Art Mediendienst und nehmen diese Rolle in einem sich entwickelnden System vernetzter Öffentlichkeiten ein. Wir werden als Sprachrohr und Brückenbauer von Medien und Politik wahrgenommen.
Das spannende ist immer noch das Experimentieren und Rumprobieren bei dem, was wir machen. Wir haben das Informationsfreiheitsgesetzes halb durchgespielt, um Transparenz über staatliches Handeln herzustellen – unsere ersten Klagen starten demnächst. Wir konnten bereits zahlreiche Dokumente befreien und der Öffentlichkeit schenken. Wir sind immer noch fasziniert, Knöpfe zu drücken, wie Journalismus im digitalen Zeitalter funktionieren könnte und wie (vernetzte) Öffentlichkeiten funktionieren bzw. wie man diese herstellen kann. Und wir probieren kontinuierlich aus, wie wir eine nachhaltige Refinanzierung hinbekommen, um weiterhin unabhängig wachsen zu können.
Uns liegen Dokumente nicht nur vor, wir veröffentlichen diese auch.
Wir sind selber transparent in unserer Finanzierung. (Neue Zahlen gibts demnächst, wenn der letzte Monat fertig verbucht ist.) Und uns liegen nicht nur Dokumente vor, wir veröffentlichen diese auch. Und wir verlinken auf Quellen. Damit sich unsere Leserinnen und Leser auch in Originalquellen informieren und sich eine eigene Meinung bilden können.
Wir haben mit kaum Ressourcen viele kleine und große Enthüllungen gehabt, sei es über Datenlecks bei StudiVZ, die weitgehend unbekannte Nutzung der Funkzellenabfrage durch Polizeibehörden oder aktuell zu Überwachungsunternehmen wie Gamma FinFisher. Und wir haben selbst große Streisands ausgelöst oder miterlebt, wovon unsere Auseinandersetzung mit der Deutschen Bahn wahrscheinlich am Bekanntesten war.
Wir haben mit der Zeit ein Geschäftsmodell entwickelt, was erst richtig funktioniert, seitdem unsere Community uns unterstützt. Wir sind aber auch nur so gut, wie wir von Euch finanziell unterstützt werden. Und wir könnten noch mehr machen.
Ohne euch, unsere Leserinnen und Leser, wären wir nicht da, wo wir heute sind. Vielen Dank dafür.
Zehn Jahre netzpolitik.org in Zahlen
Seitdem sind 15.253 Beiträge und 162.906 Kommentare zusammen gekommen, die Spam-Kommentare mal nicht mitgezählt. 88 Autoren-Accounts hat das System, wobei fast die Hälfte davon kaum was geschrieben hat. Der aktivste Account hat 9246 Beiträge verfasst, die am wenigsten aktivsten null oder einen. Wir haben drei Bücher im Eigenverlag rausgebracht, davon schaffte „Überwachtes Netz“ über 100.000 Downloads. Wir haben 124 Audio-Podcasts und 82 Folgen NetzpolitikTV gemacht und dabei ein „Who is who“ der nationalen und internationalen Netzpolitik interviewt.
Wir haben diverse Preise und Auszeichnungen für unsere Arbeit bekommen, darunter einen Grimme Online Award, den Alternativen Medienpreis und einem Lead Award.
Auf Twitter folgen @netzpolitik 138.000 Follower, unsere Facebook-Fanpage wächst stetig und kommt gerade auf 22.000 x Gefällt mir, Google+ hat rund 4000 (zumeist Karteileichen) Folger und unser Youtube-Channel wird von 2723 Accounts abonniert. Dabei hat er 2.562.078 Aufrufe seit 2006 geschafft. Dazu gibt es noch eine etwas stiefmütterlich behandelte Tumblr-Seite (nutzt das überhaupt jemand hier?) mit 140 Followern. Und neuerdings haben wir einen Newsletter (rechts oben zu finden!). Unsere iOS-App wurde 1185x gekauft und installiert, eine Android-App gibts vielleicht irgendwann. Und 332 Bilder gibts auf Flickr sporadisch von Events, Aktionen und Reisen.
Zehn Wochen für zehn Jahre netzpolitik.org
Wir haben Sommerpause, die Hälfte ist im Urlaub. Deshalb feiern wir im Oktober und bis dahin machen wir zehn Wochen für zehn Jahre netzpolitik.org. Dabei werden wir Wegbegleiter zu Wort kommen lassen, wollen auf Themen und Debatten zurückblicken und wir wollen auch von Euch hören, was Euch an unserem Angebot liegt, wie wir Euer Leben bereichern (oder verschlechtern) oder was Ihr sonst noch mit uns verbindet. Schreibt es uns in die Kommentare oder an kontakt@netzpolitik.org. Wir werden die netten und schönen Texte alle verbloggen.
Save the date: Konferenz und Party am 17.10.2014 in Berlin
Wir sind nur so stark, wie unser Netzwerk uns unterstützt. Wir sagen Danke!
Danke an alle, die an uns geglaubt haben und uns in den vergangenen zehn Jahren unterstützt haben. Das vergessen wir Euch nicht.
Danke an alle Mitschreibenden, seien es die Festen, die Freien, die Ehemaligen, unsere (Ex-)Praktikantinnen und Praktikanten oder diejenigen, die uns mit Gastbeiträgen unterstützt haben.
Danke an meine Firma newthinking, die uns die Freiheit und auch die finanziellen Mittel der ersten Jahre gegeben hat, so dass erstmal ich und später wir uns auf diese Arbeit hier konzentrieren konnten. Und immer noch die bürokratische und technische Infrastruktur bereitstellt, damit wir uns auf netzpolitik.org konzentrieren können.
Danke an die WordPress-Community, die uns seit zehn Jahren mit der notwendigen Infrastruktur versorgt und diese kontinuierlich weiterentwickelt.
Danke an unsere Werbe-Partner, momentan Viprinet und Linuxhotel, sowie an Posteo und dem Chaos Computer Club, und natürlich allen freiwilligen Spenderinnen und Spender für die finanzielle Unterstützung.
Danke an den Heise-Verlag für das Heise-Forum (und Linus für re:fefe), was uns gefühlt eine Menge Zeit und Ärger mit Kommentaren erspart (hat).
Danke für acht schöne re:publica-Konferenzen, auf denen wir unsere Themen auch in der analogen Welt diskutieren konnten.
Danke an alle, die uns mit Informationen und Dokumenten versorgen.
Danke an alle Freundinnen und Freunde, die es ertragen haben, dass ich die letzten zehn Jahre weitgehend Privat- und Berufsleben vermischt habe und oft bis in den Abend oder länger gearbeitet habe.
Danke an alle Leserinnen und Leser, die uns die Treue halten und/oder unsere Inhalte weiter verteilen, damit sie mehr Menschen erreichen und informieren.
Auf dass es vielleicht weitere zehn Jahre werden. Oder mehr. Der gesellschaftliche Kampf um die digitale Gesellschaft hat gerade erst begonnen.
