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Big Brother Awards 2014: Negativ-Preise für Bundeskanzleramt, MeinFernbus, CSC und RWE

In Bielefeld werden gerade die jährlichen BigBrotherAwards Deutschland vergeben. Die “Oscars für Überwachung” prämieren in diesem Jahr unter anderem geheimdienstliche Verstrickungen des Bundeskanzleramts, Spione im Auto und den Neusprech des Worts „Metadaten“. Die Veranstaltung läuft noch bis 20 Uhr und wird gestreamt.

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Und das sind die “Gewinner”:

Politik: Bundeskanzleramt

Der BigBrotherAward 2014 in der Kategorie Politik geht an das Bundeskanzleramt für geheimdienstliche Verstrickungen in den NSA-Überwachungsskandal sowie unterlassene Abwehr- und Schutzmaßnahmen. Dem Bundeskanzleramt obliegen die oberste Fachaufsicht über den Auslandsgeheimdienst BND sowie die Kooperation der drei Bundesgeheimdienste untereinander und mit anderen Dienststellen im In- und Ausland. Die bundesdeutschen Geheimdienste arbeiten eng mit dem völker- und menschenrechtswidrig agierenden US-Geheimdienst NSA und anderen Diensten zusammen. BND und Bundesamt für Verfassungsschutz sind an Überwachungsinstrumenten, Spähprogrammen und Infrastrukturen der NSA beteiligt. Alte wie neue Bundesregierung haben mit Massenausforschung und Digitalspionage verbundene Straftaten und Bürgerrechtsverstöße nicht abgewehrt: Sie haben es sträflich unterlassen, die Bundesbürger und von Wirtschaftsspionage betroffene Betriebe vor weiteren feindlichen Attacken zu schützen.

Verkehr: Mein Fernbus GmbH

Der BigBrotherAward 2014 in der Kategorie Verkehr geht an die „MeinFernbus GmbH“ für die Verpflichtung, zusammen mit einem Online Ticket immer auch einen amtlichen Ausweis vorzeigen zu müssen. Dadurch wird das anonyme Reisen per Bus unmöglich. Eine gesetzliche oder sachliche Notwendigkeit für diese Ausweispflicht nennt die „MeinFernbus GmbH“ nicht. Man kann auch versuchen, beim Einsteigen bar zu bezahlen, geht dann aber das Risiko ein, dass der Bus evtl. ausgebucht ist und man nicht mehr mitfahren kann. Außerdem sind die bar bezahlten Tickets teurer als bei der Frühbuchung im Internet.

Technik: Spione im Auto

Der Big Brother Award in der Kategorie Technik geht an die „Spione im Auto“, die uns bei jedem gefahrenen Meter über die Schulter schauen und dabei Datensammlungen anlegen – oder diese sogar in die „Cloud“ übertragen. Einen Schuldigen dafür zu benennen ist schwierig: Die Autohersteller verweisen einerseits auf gesetzliche Vorgaben, andererseits auf Drittanbieter, die z.B. Ortungs- oder Navigationsdienstleistungen im Auftrag des Fahrers erbringen. Dieser BigBrotherAward ist aber auch in die Zukunft gerichtet: Das geplante europäische Notrufsystem „e-Call“ wird in der Praxis beweisen müssen, dass es wirklich datenschutzfreundlich umgesetzt ist.

Wirtschaft: CSC

Der BigBrotherAward in der Kategorie Wirtschaft geht an die Firma CSC (Computer Sciences Corporation). Der Konzern arbeitet im Auftrag von 10 Bundesministerien an sicherheitsrelevanten Projekten wie dem elektronischen Personalausweis, der Kommunikation mit Behörden De-Mail und dem bundesweiten Waffenregister. Gleichzeitig ist die Mutterfirma die externe EDV-Abteilung der US-amerikanischen Geheimdienste und hat Entführungsflüge in Foltergefängnisse im Auftrag der CIA organisiert.

Arbeitswelt: RWE Vertrieb AG

Der BigBrotherAward in der Kategorie Arbeitswelt geht an die RWE Vertrieb AG. Diese lässt zur Leistungskontrolle von Call-Center-Mitarbeitern bei Subunternehmern eine Überwachungssoftware von Verint Systems einsetzen. Diese Software kann ohne das Wissen der Mitarbeiter im Einzelfall sowohl das Telefonat als auch Bildschirmaktionen lückenlos aufzeichnen. Die Aufzeichnungen werden später für die Leistungsbewertung und personelle Entscheidungen genutzt. Verint Systems produziert auch Abhörtechnik für Geheimdienste, beispielsweise für die NSA.

Verbraucherschutz: LG Electronics Deutschland GmbH

Die Firma LG bekommt einen BigBrotherAward in der Kategorie Verbraucherschutz, weil die von ihr verkauften „smarten“ Fernsehgeräte via Internetanschluss detaillierte Informationen über das, was sich die Menschen damit angesehen haben, an die Firmenzentrale nach Südkorea übermittelten. Anhand dieser Informationen, so genannter Metadaten, lassen sich intime Details über einzelne Menschen erfahren. Die LG-Geräte sind so in den privaten Lebensbereich argloser Menschen eingedrungen.

Neusprech-Award: „Metadaten“

In Gesprächen können wir viel verraten. Wirklich nackt aber machen uns erst unsere ,Metadaten‘. Sie verraten, was wir denken, planen und tun.

Julia und Winston Award (Positivpreis): Edward Snowden

Edward Snowden hat Machtmissbrauch aufgedeckt und einen frivolen Umgang mit den Grundrechten der Bürgerinnen und Bürger. Er hat sich verdient gemacht um die rechtsstaatliche Demokratie. Er hat eine Diskussion in Gang gesetzt, die hoffentlich dazu führt, dass sich der Rechtsstaat schützt vor den NSA-Angriffen, die ihn gefährden.

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15 Kommentare
  1. Dass mein bei MeinFernbus den Aussweis vorzeigen muss ist sehr einleuchtend. Man benötigt zur Bezahlung nur eine Kontoverbindung, irgendeine Kontoverbindung. Da macht es Sinn sich bei Fahrtantritt ausweisen zu müssen, auch der Inhaber des Kontos zu sein.

    Ansonsten wäre es z.B. möglich auf Kosten von Netzpolitik.org durch die Republik zu reisen.

    Konto: 1149278400
    BLZ: 43060967 (GLS Bank)
    IBAN: DE62430609671149278400
    BIC: GENODEM1GLS

    1. Nö, alles von Dir Vorgebrachte ist schlichtweg falsch. Man tätigt eine Überweisung, feddich. Das funktioniert so, gut und seit Jahrzehnten, etwa beim Shoppen im Internet, bei der Bahn, bei Inlandsflügen, bei der Konkurrenz von dem Laden, und so weiter, und so fort…

      1. Wenn ein Unternehmen heutzutage aber nur noch die Zahlart Überweisung anbietet, ist es nicht mehr konkurrenzfähig.
        Und sobald Kreditkarte/Lastschrift angeboten wird entsteht die von muaah erwähnte Problematik ohne eine Ausweispflicht.

        Abgesehen davon wurde mein Ausweis bei unzähligen Fahrten erst einmal verlangt. In der Regel wird nur der QR Code gescannt.

  2. Das mit mein Fernbus finde ich einleuchtend: Wenn man ohne Ausweis den Bus betreten könnte würde das dazu führen,dass sich einige Leute drei Monate vor einer Fahrt Tickets für 5€ kaufen… Auf irgendeinen Namen… Und das dann 1 Woche vor der Fahrt für den dreifachen Preis verkaufen; weil man sich nicht ausweisen muss ist das ja kein Problem. oder liege ich falsch?

    1. Das vermute ich als einen Grund auch.
      Und diese Praxis betrifft nicht nur MeinFernbus. Wenn ich jetzt nichts durcheinanderbringe ist das bei DeinBus und FlixBus genauso.

      Und die Bahn verlangt ja auch ein Ausweisdokument beim Ticketkauf. Da reicht dann aber z.B. die Kreditkarte aus.

      1. Jo, die Bahn will auch ne ID beim Onlineticketkauf, die wird allerdings im Zug regelmäßig/meistens kontrolliert.

        Solange die Möglichkeit besteht, beim Betreten des Busses zu zahlen und komplett anonym zu bleiben, und wenn das der einzige Vorwurf ist, sähe ich die BB-Awards an anderer Stelle besser aufgehoben… Zumal da Bewegungsprofile sowieso wesentlich einfacher aus den Handydaten gewonnen werden können, da wäre es schon arger Overhead, sämtliche Busanbieter zu durchwühlen.

    2. Wer soll denn dann die Tickets für den dreifachen Preis kaufen? Man nimmt doch gerade den Fernbus, weil er billiger als die Bahn ist. Die Ausweispflicht finde ich deshalb eher unsinning. Ich dachte bisher, für die formale Erhebung würde es irgendeinen überflüssigen regulatorischen Grund geben. In der Praxis wurde ich bei mehreren Fahrten auch bisher nur einmal tatsächlich nach einem Ausweis gefragt, und zwar bei einer grenzüberschreitenden Fahrt.

      1. Du hast es glaube ich nicht ganz verstanden. ;) die Tickets kosten umso weniger je früher man bucht. also könnten sich findige Leute überlegen, Profit daraus zu schlagen,dass sie möglichst früh viele Tickets für eine beliebte Strecke kaufen. Wenn der offizielle Preis dann bis eine Woche vor der Fahrt auf das Vierfache gestiegen ist,lohnt sich evtl der schwarze Verkauf der vormals günstig erworbenen Tickets. Wenn man sich allerdings als der jenige ausweisen muss, dessen Name seit Monaten im Ticketsystem vermerkt ist, klappt das nicht mehr.

        1. Das Prinzip ist schon klar und das Profitschlagen darauf sollte man natürlich irgendwie verhindern. Andererseits frage ich mich, wenn Leute wirklich in ausreichender Zahl bereit sein sollten, die neuen Preise dann zu bezahlen, warum nicht das Busunternehmen selbst bereits von vornherein höhere Preise für die entsprechenden Strecken veranschlagen sollte, wenn sich dadurch der Profit maximieren ließe, da sich genügend Abnehmer fänden. Wenn man nicht den günstigsten Preis bekommt, lohnt sich doch in der Regel auch die Busfahrt nicht, denn man könnte genausogut die Bahn nehmen. Wie sollten sich also genügend Abnehmer finden?

          Eine interessante Frage wäre natürlich dennoch, wie man verhindern kann, dass „findige Leute“ Profit aus dem Verkaufssystem schlagen können, ohne dafür persönliche Daten sammeln zu müssen.

      2. Das Prinzip von Frühbucherrabatten ist ja gerade über größere Mengen bei geringerem Preisen den „Profit“ (genauer gesprochen Gewinn) zu erhöhen. Überall wp man etwas buchen kann, ist es immer günstiger dies früh als spät zu tun.
        Was den Preisvergleich von Fernbussen und Bahn angeht:
        Auf den Strecken, die von den Fernbuslinien gefahren werden, bist du (meiner Erfahrung nach) FAST immer günstiger unterwegs. Mit einer Bahncard 50 + Sparangebot KANN es sein, das die Bahn günstiger ist als ein Ticketkauf 2 Stunden vor Fahrtbeginn bei einer Fernbuslinie, wobei man hierfür erstmal alle Linien durchprobieren müsste. Diese Möglichkeit ist allerdings sehr absurd konstruiert, unter Anderem weil du bei der Bahn auf längeren Strecken fast immer umsteigen musst und jemand der früh bei der Bahn bucht auch früh bei MFB buchen könnte.

        Ob sowas in großem Maße zum Schwarzverkauf von Tickets führt, ließe sich sehr einfach feststellen. Man wartet einfach ab, bis Flixbus pleite ist, die haben keine Personalausweiskontrolle ;)

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