Überwachung

„Geheimer Krieg: Wie von Deutschland aus der Kampf gegen den Terror gesteuert wird“

geheimer-kriegAm Freitag erscheint im Rowohlt-Verlag ein bestens recherchiertes Buch zu den Verquickungen deutscher und US-amerikanischer Geheimdienste. Unter dem Titel „Geheimer Krieg: Wie von Deutschland aus der Kampf gegen den Terror gesteuert wird“ illustrieren die beiden Autoren Christian Fuchs und John Goetz die Zusammenarbeit am Beispiel des Drohnenkriegs in Somalia, Pakistan und Afghanistan, aber auch anhand der millionenfachen Überwachung der Telekommunikation.

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Die 256 Seiten liefern Informationen zur US-Basis AFRICOM in Stuttgart, von wo aus Drohneneinsätze in Afrika gesteuert werden. Nachzulesen ist, wie der Dagger-Komplex in Darmstadt für die weltweite Spionage genutzt wird oder US-Behörden (ohne dazu ermächtigt zu sein) an Flughäfen Festnahmen durchführen können. Auch die Praxis der „Hauptstelle für Befragungswesen“ des Bundesnachrichtendienstes wird erklärt: Die Behörde nutzt die Tarnorganisation, um syrische oder pakistanische Asylbewerber für potentielle Drohnenziele auszuquetschen. Etwas reißerisch heißt es vom Verlag:

Das alles und noch viel mehr geschieht nicht nur auf deutschem Boden, sondern auch mit der Unterstützung der Bundesregierung. Denn Deutschland ist längst zum untrennbaren Bestandteil der US-Sicherheitsarchitektur geworden. Eines Systems, das sich öffentlicher Kontrolle entziehen will. Der amerikanische „Krieg gegen den Terror“ beginnt direkt vor unseren Haustüren — und wird mit Mitteln geführt, die viele Menschen verabscheuen.

Viele der nun gedruckten Geschichten sind nicht neu: Die beiden Autoren haben die Informationen bereits sukzessive bei ihren Arbeitgebern untergebracht. Christian Fuchs schafft als freier Reporter für den NDR bzw. Panorama und schreibt wie John Goetz in der Süddeutschen Zeitung. Zusammen haben sie in den letzten Monaten regelmäßig Scoops gelandet, die teilweise auf Dokumenten von Edward Snowden beruhen. Auch zur Zusammenarbeit des deutschen Inlandsgeheimdienstes „Bundesamt für Verfassungsschutz“ mit dem US-Militärgeheimdienst NSA folgten Enthüllungen. Zuletzt recherchierte Goetz in Zypern zu von Großbritannien angezapften Glasfaserkabeln.

Rowohlt nennt das „datenjournalistische Gegenspionage“:

An Orten, die niemand vermuten würde, fanden sie Datenspuren der heimlichen US-Aktivitäten und werteten sie aus. So ist dieses Buch auch ein Beispiel für modernen investigativen Journalismus.

Tatsächlich könnte das Buch eine Debatte darüber anstoßen, wie mit den stets neuen Enthüllungen über geheimdienstliche Spionage umzugehen wäre. Nicht nur der Film „Inside WikiLeaks“ kreist um die Frage, ob brisante Informationen von Whistleblowern auf einer Enthüllungsplattform mit dahinter stehender Crowd-Intelligenz gut aufgehoben sind, oder eben besser von JournalistInnen bearbeitet werden müssten.

Goetz (der übrigens auch zur Reisegruppe von Hans-Christian Ströbele nach Moskau gehörte) hatte hierzu kürzlich mit Hans Leyendecker beschrieben, wie um die von Edward Snowden geleakten NSA-Dokumente harte Konkurrenzkämpfe entbrannt sind: Zunächst hätten die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, der damalige Guardian-Blogger Glenn Greenwald und der Guardian-Journalist Ewen MacAskill in Hongkong erste Materialien von Snowden bekommen. Greenwald habe „mehr Stoff mit Blick auf die Amerikaner“ erhalten, die an Poitras weitergegebenen Dokumente seien „mehr für die Europäer von Interesse“. Schon in Hongkong seien aber „andere Presseleute aufgetaucht“. MacAskill habe beispielsweise „Verstärkung durch Kollegen“ bekommen, die sich vor allem für „britische Angelegenheiten“ interessierten.

Welche JournalistInnen bzw. Medien als erste mit entsprechenden Stories aufmachen, dokumentiert die neue Solidaritätswebseite für Edward Snowden übrigens recht gut. Laut Goetz hätten sich in den vergangenen Monaten aber „immer wieder neue Allianzen“ zur Verwertung der Leaks gebildet:

Chefredakteure und Chefredakteurinnen großer Blätter reisten bei mutmaßlichen Verwaltern an, um auch Teile des Snowden-Materials zu bekommen. Es gibt ein hartes journalistisches Wettrennen; es geht um Kompetenz und Nicht-Kompetenz.

Es ist unklar, welche „Blätter“ gemeint sind. Die eigene Erwähnung von „Chefredakteurinnen“ verweist vermutlich auf die taz oder die Berliner Zeitung, denn alle anderen großen Medienhäuser werden von Männern geführt – mit Ausnahme von Zeitschriften wie Gala oder Bunte, die sich aber kaum für die Snowden-Files interessieren dürften.

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