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Diagnose Marktversagen: Fred Breinersdorfer will Zwangslizenzen für Filme

Was sich vor einigen Wochen in Form von unerwartet offenen Briefen angedeutet hatte, wird heute mit einem Gastbeitrag von Fred Breinersdorfer in der Süddeutschen Zeitung noch einmal dokumentiert: sie bewegen sich doch, die Fronten in der Urheberrechtsdebatte.


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Fred Breinersdorfer
Fred Breinersdofer (Foto von 1Holsteiner2, CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons)

Fred Breinersdorfer ist nicht nur ein bekannter Drehbuchautor und Filmproduzent („Sophie Scholl – Die letzten Tage„), sondern auch eine der lautesten Stimmen in der Auseinandersetzung um das Urheberrecht in Deutschland. Nicht nur ist er Mitunterzeichner des berühmt-berüchtigten Briefs der Tatort-AutorInnen, sondern auch Gründer der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat„, die wiederum für die Kampagne „Ja zum Urheberrecht“ verantwortlich zeichnet. Auch in der fragwürdigen Kampagne „Gib 8 aufs Wort“ der VG Wort trat er als Unterstützer mit dem Satz auf: „Ein Autor ohne seine Rechte ist wie ein Auto ohne seinen Motor.“

In seinem Gastbeitrag „Verschenkt meine Filme!“ anerkennt aber auch Breinersdorfer jetzt die Notwendigkeit urheberrechtlicher Reformen. Ausgangspunkt ist die keineswegs neue Beobachtung, dass eine Google-Suche nach Filmen kaum legale, aber unzählige illegale Anbieter zu Tage fördert:

Wo sind denn die massenhaften legalen Anbieter, die meine Google-Trefferseite füllen könnten? Wo sind denn die innovativen Webseiten, bei denen man mein Werk auf eine Weise herunterladen oder streamen kann, von der ich auch etwas habe? Die einfache Antwort ist: Es gibt sie nicht.

Die wenigen großen Anbieter diktieren die Preise und Konditionen, gerade kleinere Filmstudios kommen nicht zum Zuge. Vor allem aber die hohen Transaktionskosten bei der Klärung der Internetechte verhindern Breinersdorfer zu Folge eine Vielfalt legaler Angebote:

Wer legal Filme anbieten will, braucht dafür die Internetrechte. […] Das funktioniert aber nicht etwa weltweit, wie das Internet – es funktioniert nur von Land zu Land, von Territorium zu Territorium. Und oft ist die Situation noch vertrackter, wenn etwa Banken Rechte abgetreten bekommen, als Sicherung für ihre Kredite. Jeder Lizenznehmer bastelt momentan an Modellen, wie er mit seinen Lizenzen im Netz am besten Geld verdienen könnte.

Vor allem dass die Vielzahl eigener und proprietärer Modelle ein Holzweg sind, hätte die Filmindustrie wirklich von der Musikindustrie lernen können (trauriger Tiefpunkt damals: Microsofts selbstwidersprüchlich bezeichneter Kopierschutz „Plays for Sure„). Als Ausweg schwebt Breinersdorfer eine staatlich verordnete Zwangslizenz vor:

Wer aber könnte dieses schreckliche Gewurstel beenden, um einen lebendigen Markt zu schaffen und die Illegalen endlich auszutrocknen? Nur noch der Staat. Das ist der zweite Teil meiner radikalen Idee: Hier und heute fordere ich den Gesetzgeber auf, mir meine eigenen Internetrechte gegen Vergütung abzunehmen und mich dabei bitte nicht um Erlaubnis zu fragen. Und alle anderen Filmkünstler auch nicht. Ich fordere eine umfassende Zwangslizenz für Filme im Internet.

Und tatsächlich haben wir es im aktuellen Markt für Filme mit Marktversagen zu tun: die Transaktionskosten in einem nationalstaatlich-zerfurchten Rechteflickenteppich sind einfach zu hoch, um einen funktionierenden Wettbewerb legaler Angebote zu ermöglichen. Ähnliches gilt übrigens auch für den Bereich von Samples, Mashups und Remixes, weshalb sich die Initiative „Recht auf Remix“ des Digitale Gesellschaft e. V. auch in diesem Bereich für Zwangslizenzen einsetzt.

Breinersdorfers Gastbeitrag zeigt jedenfalls, dass es durchaus Möglichkeiten gäbe, Internet und Urheberrecht miteinander zu versöhnen. Voraussetzung dafür sind aber urheberrechtliche Reformen, die – so wie in Breinersdorfers Vorschlag – auf Erlauben und Vergüten setzen anstatt auf Überwachen und Abmahnen.

Disclaimer: Ich war in die Konzeption der Initiative „Recht auf Remix“ involviert.

18 Kommentare
  1. „Hier und heute fordere ich den Gesetzgeber auf, mir meine eigenen Internetrechte gegen Vergütung abzunehmen“

    Zu welchem Preis denn? Ohne Produktionskosten und Erfolg zu berücksichtigen? Kosten seine Filme dann das gleiche wie der von Küblboeck?

    1. „Teure“ Produktionen bauen darauf, dass viele Leute ins Kino gehen, Fanartikel kaufen etc.
      Allgemein muss man sagen, sind die Preise für Musik, Filme, PC/Konsolen-Spiele und Bücher zu hoch. Von Kinokarten brauch ich ja wohl auch nicht anfangen.. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass den eigentlichen Künstlern und Urhebern Geld zu steht. Was aber nicht okay ist, ist die massive Abzocke der Verlage,GEMA, Medienverkäufern etc. Wer hat denn da, realistisch gesehen, genug Geld für?! Niemand. Wir würden alle wesentlich mehr „legale“ Wege nutzen, wenn sie uns denn zur Verfügung stehen würden und uns dabei nicht in die Armut treiben.Die GEZ-Gebühren, die wir momentan zahlen, würden gut ausreichen, um die eigentlichen Macher zu vergüten. Denn die bekommen ja auch noch Massen an Geld durch Werbung (man denke nur an die typischen 30 Minuten Werbung vor nem Kinofilm oder den 10 Minuten-Werbeblöcken alle 15-20 Minuten).20-30 Euro pro Monat pro Haushalt. Und dafür dann ne Art Flatrate für Streaming etc.Beim Kino, für Bücher, CDs etc zahlt man dann nur noch ~2,50€ für den Betreiber/Verkäufer und evtl. davon anteilig nochmal 10 Cent oder so für den Filmemacher etc. Weil sein wir mal ehrlich.. Außer Hartz4lern (nicht böse gemeint!) hat keiner überhaupt Zeit, mehr zu „konsumieren“. Kein arbeitender Mensch hat Zeit, jeden Tag 6 Stunden TV zu schaun, 3 Bücher zu lesen und die ganze Zeit dabei Musik zu hören. Und wenn man konsumiert, dann wird man ja auch ständig durch Werbung berieselt. Das ist ja auch Geld für die Unternehmen, die ihre Künstler und Autoren dann gefälligst zu beteiligen haben.Die Anzahl der Downloads und Verkäufe in Läden könnte man sammeln und danach prozentual die gesammelten Gebühren verteilen.

  2. So, und jetzt müsste man sich nur noch an die Idee der „Kulturwertmark“ von vor ein paar Jahren erinnern und schon wären wir einen großen Schritt weiter.

  3. das positive daran ist, dass jemand, der die genannten schrägen aktionen engagiert unterstützt hat, anfängt nachzudenken und den kern der sache benennt:

    „Wo sind denn die massenhaften legalen Anbieter, die meine Google-Trefferseite füllen könnten? Wo sind denn die innovativen Webseiten, bei denen man mein Werk auf eine Weise herunterladen oder streamen kann, von der ich auch etwas habe? Die einfache Antwort ist: Es gibt sie nicht.“

    aber leider war es das dann auch schon: ja es ist kompliziert, es gibt porbleme. wir befinden uns in einem prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. was macht man dann in deutschland? klar, man ruft nach „dem staat“.

    wer, wenn nicht die urheber/autoren sind hier in der verantwortung. es ist doch eure entscheidung, auf welche deals ihr euch bzgl. der rechte einlasst. aber klar, wenn es probleme gibt, war es ein „marktversagen“ und „der staat“ soll es richten.

    soweit hat man sich wohl doch nicht vom brief der tatortautoren und dem anderen käse entfernt. denn im klartext heisst das, was fred breinersdorfer da fordert, individualisierung der gewinne (tantiemen) und sozialisierung der risiken („der staat“ kauft die rechte, weil es probleme gibt).

    1. Es ist das aber gar nicht so gemeint, dass der Staat die Rechte kauft. Wenn jemand ein Werk nutzen möchte, zahlt er/sie dafür eine Zwangslizenz, und zwar wohl an eine Verwertungsgesellschaft, die dafür die Höhe der Tarife aushandelt. Entscheidend ist nur, dass die Rechteinhaber staatlich dazu gezwungen werden sollen, so eine Lizenzierung zuzulassen.
      Mit anderen Worten: es geht nicht darum, dass der Staat den Markt ersetzt, sondern vielmehr, dass er ihn wieder zum Funktionieren bringt. (Das ist übrigens bei allen Märkten so, dass sie auf den Staat für ihr funktionieren angewiesen sind. Jedes Marktversagen ist immer auch ein Staatsversagen. Umgekehrt gilt das nicht.)

      1. nehmen wir an, dass das was im originalartikel auf, „Hier und heute fordere ich den Gesetzgeber auf, mir meine eigenen Internetrechte gegen Vergütung abzunehmen und mich dabei bitte nicht um Erlaubnis zu fragen“, folgt also anders gemeint ist, als man es verstehen könnte. es werden also alle (film?)rechteinhaber gesetzlich verpflichtet, ihre erzeugnisse ins internet zu stellen. wer diese nutzt, zahlt über eine verwertungsgesellschaft.

        es gibt also wieder irgendwelche zusätzlichen gesetze, die nach allen bisherigen erfahrungen mit solchen dingen, die sache nochmal komplizierter machen, als sie schon ist. ausserdem „kümmert“ sich eine „verwertungsgesellschaft“. damit haben wir ja auch gute erfahrungen, stichwort gema.

        für das „marktversagen“ führt er u.a. itunes, lovefilm und play store an. angeblich setzen grossanbieter die preise fest und „diktieren die bedingungen“ und, ach wie schrecklich, filme, die keiner sehen will, haben es schwer ins angebot aufgenommen zu werden. ersteres behauptet er, stimmt aber zumindest bei itunes nicht. und letzteres ist ja gerade „markt“.

        vielleicht will ich ja als autor selbst entscheiden, wer meine rechte zu welchen bedingungen bekommt. vielleicht will ich auch bis zum sanktnimmerleinstag warten, bis jemand meine filme überteuert auf cd kauft. vielleicht will ich sie auch einfach ins internet stellen, damit ich das hauptproblem der überwiegenden mehrheit der künstler lösen kann, nämlich bekannt zu werden. was ich sicher nicht will ist, dass mir jemand vorschreibt, wie ich mit meinen rechten umzugehen habe, nur weil ergraute etablierte autoren zu blöd waren, ihre rechte umsichtig an andere zu veräussern und nun meinen sie müssten jammern.

      2. Ich sehe, wo die Interpretation herkommt. Ich beziehe mich aber auf das Wort „Zwangslizenz“, mit dem eben das von mir skizzierte Regime gemeint ist. Und das bedeutet eben nicht, dass der Staat die Rechte abkauft, sondern zur zur Lizenzierung zwingt.

  4. Ich sehe nicht, wo da der Fortschritt ist. Diese Ideen sind noch absurder als das bestehende System. Die Inhalteanbieter bekommen kein funktionierendes Lizenssystem zustande, dann soll der Staat das Inkasso übernehmen als eine Art GEZ für Kinofilme. Dann haben wir endlich wieder ein Propagandaministerium, das dem Volk die Filme gibt, die es braucht.

    Schon jetzt ist der staatliche Einfluss auf den Kulturbetrieb viel zu groß, oder kann mir jemand erklären warum Till Schweigers Filme mit Steuermitteln „gefördert“ werden müssen?

    Ich weiß auch nicht, wer auf den Begriff „Marktversagen“ gekommen ist, oder habe ich den weltweiten Zusammenbruch der Filmindustrie verpasst?

      1. @golda meir: In der Realität sollten Sie sich informieren und bis dahin schweigen. Eine derartige Zwangslizenz ist eine Inhalts- und Schrankenbestimmung und keine Enteignung; Ihre Dispositionsbefugnis wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Marktversagen, das Sie hier so abtun, ist übrigens ein wichtiger Grundpfeiler der Legitimation immaterieller Rechte: diese wurden überhaupt nur geschaffen, um geistige Güter marktfähig zu machen (wenn man mal von dem romantischen Naturrechtszopf absieht).

  5. „Das wäre dann eine nicht exklusive Konzession für jedermann, jeden beliebigen Film ins Netz zu stellen und damit Geld zu verdienen – allerdings mit einem wichtigen Zusatz: mit der Verpflichtung, die Rechteinhaber und Urheber angemessen am Umsatz zu beteiligen.“

    Und wie kommt man darauf, dass die heutigen „illegalen“ Anbieter beim neuen System ehrlicher sind und dieser „angemessenen Umsatzbeteiligung“ auch nachkommen??

    1. naja, würde eine seite, wzb die von „kim dotcom“, aufgebaut, die nicht nur „kostenlos“ für den user, sondern eben auch legal, im vergleich zum original ist, dann erklären sie doch lieber mal, wer sich dann noch einen illegalen und dazu kostenpflichtigen zugang bei bsw „kim dotcom“ zulegen würde und dabei riskieren möchte abgemahnt zu werden. wenn große seiten wie rapidshare & co soviel geld mit werbung verdienen können, warum sollten das dann die urheber nicht auch können???

  6. Es wäre schon viel geholfen, wenn alle (!) Werke entsprechende Hinweise trügen, wer daran denn welche Rechte hat und was an wen bei welcher Nutzung zu zahlen ist. Vielleicht sogar ergänzt um den Zusatz, was der Urheber davon bekommt. Dann kann sich keiner mehr rausreden – und der ganze aktuelle Irrsinn dürfte jedem klar werden.

  7. Fred spricht nicht von einer Notwendigkeit einer “ Reform “ des Urheberrechts, sonder von der Ausweitung bereits in andren Bereichen gehandhabter Schrankenregelungen. Das ist ist ein großer Unterschied.Die Text ist erstaunlich nahe an der Berliner Erklärung zum Urheberrecht, welcher Grüner Landespartei Beschluß ist. Inclusive der Vorschläge zur Moneterisierung. Und auch wenn es ein geölter Reflex der netzpoilitk.org ist, zu versuchen jede Sache für den “ recht auf Remix “ blödsinn zweitzuverwerten, so tangiert das Freds Text zu Null % . Im Gegenteil, der Gedankenansatz Freds agiert auch die Richtung, dass der Urheber die für Ihn immens wichtige Deutungshoheit über sein eigenes Werk innehat.

    1. Natürlich ist eine Ausweitung von Schrankenregelungen eine Reform. Für nichts anderes plädiert auch die Initiative Recht auf Remix. Deshalb gibt es den Bezug sehr wohl, vor allem, was die Verwertungsmöglichkeiten betrifft.

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