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Zur netzpolitischen Dimension von Gangnam Style

Das Video „Gangnam Style“ des südkoreanischen Rappers Psy ist bereits seit einiger Zeit das meistgesehene YouTube-Video aller Zeiten mit derzeit knapp 870 Millionen Views und man braucht kein Prophet sein um zu prognostizieren, dass es die 1-Milliarde-Marke knacken wird. Die Originalversion ist in Deutschland geblockt, es finden sich aber Kopien auf YouTube, die nicht gesperrt sind und mit Hilfe von Browser-Extensions wie zum Beispiel dem YouTube Unblocker lässt sich auch das Originalvideo ansehen.


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Der virale Erfolg machte nicht nur Psy von einem südkoreanischen zu einem Weltstar, sondern hatte, wenn man der Wikipedia-Seite über Gangnam Style glauben darf, noch viel weitreichendere Konsequenzen:

Nach dem Erfolg des Musikvideos pocht Südkorea auf ein Anziehen der Nachfrage von Touristen aus aller Welt. Jayne Clark von der USA Today schrieb, dass Gangnam Style Seoul „auf der Reisekarte platziert hatte“. Die Fluggesellschaft British Airways kündigte an, ab 2. Dezember 2012 Flüge nach Seoul sechs mal die Woche anzubieten. Wegen des Gangnam-Style-Phänomens ist die Nachfrage nach Flugtickets „enorm“ angestiegen.

Auch die Musikindustrie profitiert, mit Gangnam Style hat sich das ganze Genre K-Pop am US-Markt etabliert und der Song selbst schaffte es auf Platz 1 in zahlreichen Verkaufscharts (auch in Deutschland).

In netzpolitischer Hinsicht ist Gangnam Style gleich in mehrfacher Hinsicht instruktiv. Klar ist, dass der Erfolg von Gangnam Style nicht mit der Durchsetzung von Urheberrechten zusammenhängt, eher im Gegenteil. Maßgeblichen Anteil am Erfolg hat der Verzicht auf die Durchsetzung von Urheberrechten, und zwar nicht nur was die Weitergabe der Originaldatei betrifft, sondern auch hinsichtlich der Erstellung von Remixes und Parodien. Dass ein Verzicht auf Durchsetzung durch den Rechteinhaber nicht gleichbedeutend mit Zugänglichkeit ist, beweisen allerdings die zahlreichen geblockten Parodien auf YouTube. Witzigerweise ist Gangnam Style Hitler in Deutschland nicht gesperrt:

Ein offizieller Copyright-Verzicht Psys ist übrigens nicht belegt, nur der faktische Verzicht auf Rechtsdurchsetzung. Das ist deshalb entscheidend, weil viele der Remixes auch nach US-Fair-Use eine Urheberrechtsverletzung darstellen (vgl. dazu „Parodies Of Rap Artist Psy’s Gangnam Style Are Fun. But Are They Legal?“). Die Verwendung einer Creative-Commons-Lizenz hätte hier für mehr Rechtssicherheit gesorgt.

Klarerweise ist Gangnam Style kein Beweis dafür, dass ein Verzicht auf die Durchsetzung von Urheberrechten Erfolg garantiert – im konkreten und in anderen Fällen (z.B. Chris Brown’s Forever) handelt es sich um eine notwendige, keineswegs aber um eine hinreichende Bedingung für viralen Erfolg. Gleichzeitig illustriert das Beispiel Gangnam Style, dass Kulturmärkte auch jenseits von Urheberrechten nach dem Starprinzip funktionieren: Aufmerksamkeit zählt bzw. zahlt sich aus – und zwar auf verschiedenste Weise und auch für viele, die selbst keine Aufwände hatten.

Wenn die südkoreanische Nationalbank verkündet, dass die Außenhandelsbilanz des Landes auf Grund der gestiegenen K-Pop-Umsätze ins Plus gedreht hat, dann dokumentiert das, wie sehr (gerade auch: Kreativ-)Wirtschaft ein Nicht-Nullsummenspiel sein kann. Von dem Erfolg von Psy profitieren auch zahlreiche andere koreanische Künstler, ohne dass diese ihre Einkünfte deshalb mit ihm teilen müssen. Und das ist wohl in Ordnung so: denn auch Psy knüpft mit seinem Werk ja an zahlreiche K-Pop-Traditionen an und bedient sich dabei am gemeinsamen kulturellen Erbe.

So lässt sich zum Abschluss auch ein Argument zum Thema Leistungsschutzrecht für Presseverleger machen, ohne den Bogen damit zu überspannen. Alleine der Umstand, dass Suchmaschinen mit Links auf Verlagsangebote Geld verdienen, begründet eben nicht automatisch einen Vergütungsanspruch für Verlage. Mehr noch, mit so einem Vergütungsanspruch entstehen Transaktionskosten, die am Ende alle Beteiligten schlechter dastehen lassen könnten. Zum Beispiel, weil dadurch die Entstehung innovativer News-Dienstleistungen wie z.B. Rivva behindert wird, die Probleme der Presseverlage (Stichwort: Entbündelung) aber völlig unberührt bleiben. Wenn Gangnam Style ein Beispiel für Win-Win ist, dann ist das Leistungsschutzrecht ein Beispiel für Lose-Lose.

17 Kommentare
  1. das meistgesehene YouTube-Video aller Zeiten

    Bricht das Internet demnächst zusammen? Oder stirbt ein Großteil der Menschheit aus, dass man sich zu solchen Boulevardesken Äußerungen hinreisen lässt? (Sry möch regt diese ständige Superlativisierung auf)

    Ansonsten wichtiger Punkt mal zu zeigen, dass mehr Leute profitieren können und man diese dann nicht mit Wegelagerrei Belästigt. Ich befürchte nur, dass da als Gegenargument das übliche kommt. „Ja aber wenn der Ursprungs“künstler“ nicht überleben kann, dann hilft das uns allen ja nicht.“.

    1. ich bin am einverstandensten, das einzigste was mich am modernsten gebrauch der deutschen sprache am allermeisten aufregt, sind die ständigsten superlativisierungen!

  2. „Wenn die südkoreanische Nationalbank verkündet, dass die Außenhandelsbilanz des Landes auf Grund der gestiegenen K-Pop-Umsätze ins Plus gedreht hat, dann dokumentiert das, wie sehr (gerade auch: Kreativ-)Wirtschaft ein Nicht-Nullsummenspiel sein kann. Von dem Erfolg von Psy profitieren auch zahlreiche andere koreanische Künstler, ohne dass diese ihre Einkünfte deshalb mit ihm teilen müssen. “

    Nein. Die Notenbank-Pressemitteilung dokumentiert das Gegenteil. Psy und Gangnam Style profitierte von der in den letzten Jahren enorm gestiegenen internationalen Popularität anderer K-Pop-Künstler. Die Notenbank hat Zahlen von 2011, der Erfolg von Gangnam Style ist von 2012.

    Ob irgendwer von Psy profitiert, wird die koreanische Nationalbank nicht ergründen, Ende des kommenden Jahres werden sie Zahlen haben, wie denn der Umsatz der koreanischen Musikbranche insgesamt anstieg. Dass die Branche profitiert ist zu erwarten, aber Belege dafür gibt es halt noch nicht.

    1. Wie du richtig zitiert hast und ich ja geschrieben habe, behaupte ich nicht, dass die koreanische Nationalbank den Erfolg von Psy erhoben hat. Das können Daten von 2011 auch gar nicht.

      Ich behaupte einen rekursiven Zusammenhang: Gangnam profitiert vom Aufstieg der K-Pop-Kultur und die K-Pop-Kultur profitiert von dem Erfolg von Gangnam. Genau das macht das ganze ja zu einem Nicht-Nullsummenspiel.

      1. Du insinuierst es aber sehr laut, indem du die beiden Dinge ohne tatsächlichen Bezug zusammenschreibst.

        Halten wir fest: Gangnam Style hat nicht K-Pop in die USA gebracht oder kommerziell erfolgreich gemacht. Der koreanische Musiksektor ging bereits vorher durch die Decke. Inwieweit Facebook, YouTube und Co oder eine laxere Copyright-Haltung etwas dazu beigetragen haben, ist sicher eine spannende Frage, aber man kann die Antwort nicht voraussetzen. Statt Remix-Kultur scheint mir eher werbefinanzierter Musikvertrieb der ausschlaggebende Faktor zu sein.

  3. PS: Das da scheint mir viel spannender zu sein:

    http://en.korea.com/blog/enter/youtube-will-launch-a-channel-dedicated-to-k-pop/

    YouTube etabliert einen eigenen Channel und dann schießen die Views durch die Decke. Hier müsste man sich ansehen, wie YouTube diesen Channel beworben hat, aber dass der Channel nicht einfach von irgendeinem User erstellt wird und der Google-Chef mit dem Staatspräsidenten spricht, deutet auf ein substntielles Engagement.

    Google als Über-Musik-Verleger oder Gatekeeper?

  4. Verdienen Suchmaschinen wirklich mit dem verlinken auf „klassische“ Verlagsangebote? Ich denke eher das ist ein großes Verlustgeschäft. Anspruchsvolle politische Artikel bringen den Verlagen Renommee aber sicher kein Geld. Wie sollte Google damit Gewinn machen. Gewinn wird beim direkten suchen nach links und natürlich Werbung für Reisen, Versicherungen, Elektronik und andere Konsumgüter gemacht alles eher keine Sachen mit denen Verlage zu tun haben. Auf der anderen Seite will natürlich Google möglichst vollständiges Angebot haben von daher verlinkt er natürlich auch seiten die weniger bis keinen Gewinn abwerfen.

  5. „Ein offizieller Copyright-Verzicht Psys ist übrigens nicht belegt“

    Was würde ein „offizieller Copyright-Verzicht“ von Psy überhaupt bedeuten/bewirken? Der ist doch nur einer von zwei Komponisten und hat (höchst wahrscheinlich) keinerlei Rechte an der Aufnahme und dem Video. Die dürften der Produktionsfirma gehören: YK Entertainment, einem auf K-Pop spezialisierten Label.

    Verantwortlich für den globalen Erfolg war die Kooperation von YG Entertainment mit der Universal Music Group, dem weltgrößten Musikkonzern, der auch nicht für „offiziellen Copyright-Verzicht“ bekannt ist.

    Was der Erfolg von Gangnam Style zeigt, ist, dass es die – laut Ansicht von Kritikern zum Sterben verurteilte Musikindustrie, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat – seit Jahren gelernt hat, neue – bzw. im Fall von YouTube nicht mehr ganz so neue – Medien zu nutzen.

    Netzpolitisch interessant ist: Auch hinter „viralen“ Erfolgen steckt häufig (fast immer?) die (herkömmliche) Kulturindustrie (vgl. die Liste der meistgesehenen YouTube-Videos: Nur Konzernprodukte).

    Außerdem ist wichtig: Der (zeitweise, punktuelle) Verzicht auf die DURCHSETZUNG VON COPYRIGHTS ist etwas völlig anderes als ein (genereller) COPYRIGHT-VERZICHT (und auf Urheberrechte kann sowieso niemand „verzichten“).

    Und der verlinkte Wikipedia-Artikel könnte aus einer Pressemappe der UMG zusammen kopiert worden sein. Von den wirklichen Zusammenhängen ist dort jedenfalls nichts zu lesen.

  6. Ich finde es interessant, dass das Video in Deutschland geblockt ist. Dass PSY das Video nicht unter die Creative Commons Lizenz gestellt haben, ist einfach zu erklären: Es interessiert hier einfach keinen. Hier wird eh kopiert und nicht belangt! Der Schritt, die Rechte gar nicht erst einklagen zu wollen, ist daher als logischer Schritt einer Musik Industrie zu sehen, die hier das Kämpfen schlicht aufgegeben hat. Asien ist und bleibt eine andere Welt…

    PSY konnte auch den Erfolg des Videos nicht vorhersehen – wie auch? Alle anderen Songs von ihm haben es (wohl auch auf Grund der koreanischen Sprache) nicht über die Landesgrenzen von Südkorea nicht hinaus geschafft. Vielleicht solltest du mal die Geschichte zu dem Song beleuchten um den Erfolg bei DIESEM Song auch Europäern begreifbar zu machen. Mit einem Rechteverzicht hat die Erfolgsgeschichte von Gangnam Style leider nichts zu tun. ;)

    Rein sprachlich tut es mir weh, wenn du von -„views“ und „extensions“ und anderes Denglisch schreibst. Die Rechtschreibkontrollerweiterung vom Firefoy unterstreicht diese Wörter doch extra schon rot und ich denke, dass das Netz nicht unbedingt eine eigene Sprache kreieren muss für Wörter die durchaus in der Deutschen Sprache verfügbar sind.

    Schöne Grüße aus Asien
    (lebe seit acht Monaten in Taiwan und bin ab und zu auch beruflich in Südkorea)

    In diesem Sinne:
    Op op op op oppan Gangnam Style ;)

    1. Das finde ich das schöne am Gangnam Style.
      Es interessiert einfach niemanden auf der Welt welche Lizenz(Copyright) dahinter steh.

      Und ich bin mir sicher das Psy trotz allen Plagiaten einen haufen Kohle macht. Ein schönes Beispiel, das es diesen Urheberschmarrn nicht braucht und die GEMA in Deutschland bei Youtube nur Zensur betreibt.

      1. Plagiate? Frag mich sowieso, weshalb man für den Song bei Amazon oder iTunes Geld ausgibt, wenn Psy den auf seiner Facebook Seite selbst direkt zum Download anbietet…

        Anbei kein Facebook Link – nicht dass netzpolitik.org noch abgemahnt wird.

  7. „KPop ist vor allem auf weibliche Jugendliche und Mittelstandsfrauen kurz vorm Übergang in die Endlos-Schleifen von Arbeit und Haushalt gerichtet “
    Zitat Markus Metz + Georg Seeßlen (Kapitalismus als Spektakel)
    sehr empfehlenswerte Auseinandersetzung zu diesen Phänomen

  8. Ich kann nichts anderes als mein blankes Entsetzen über das Verlinken d. youtube Videos hier ausdrücken, Die lustige Person in dem Video ist nicht Hitler sondern der Schauspieler Bruno Ganz. Wer Bruno Ganz kennt, weiß seine menschliche Würde zu schätzen, und kennt sein jahrzehnte währendes soziales Engagement und Engagement für Kollegen, die in Ausübung Ihres Berufes politisch unterdrückt werden. Dabei belässt er es nicht auf einen Mausklick mit Daumen hoch oder runter, sondern ist dort, wo es auch richtig weh tun kann. Wer den Schauspieler Bruno Ganz kennt, weiß um seine Ängste, die er vorab mit der Darstellung als Hitler hatte, er weiß, wie intensiv Bruno Rollen angeht., unter Mißachtung eigener Verletzungen und stets in dem Bemühen um Glaubhaftigkeit seiner Rolle. Das dies Streben hier als lustiges Hitler. Pop Remix mißbraucht wird, und sich zudem die Diskussion d. Netzgemeinde sich mitnichten um diesen Mißbrauch eines Menschen kümmert, sondern es toll findet, und sich ärgert, wieso denn so was tolles nicht gezeigt werden darf, sagt mir vor allen eins : Es kann nicht angehen, dass wir solche persönlickeitsverachtende Auswüchse künftig deshalb tolerieren sollen, weil ein paar pubertäre Nerds nicht gelernt haben, Spaß und kreatives Niveau aus Ihren eigenen Leben heraus zu generieren, Und für dieses Aussage muss ich nochnichteinmal die Paulchen Panther Nazi Keule schwingen, den nein nein, diesen Auswuchs will ja dann doch niemand ( obwohl , war doch auch witzig, oder nicht ?), aber alles anders so sonst, ist doch prima,. oder ?

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