Der Interessenverband Business Software Alliance hat eine neue Ausgabe seiner jährlichen globale Piraterie-Studie veröffentlicht. Die Ergebnisse sollen begründen, dass das Urheberrecht verschärft und strenger durchgesetzt werden muss. Doch die Methodik ist zweifelhaft und hält wissenschaftlichen Kriterien nicht stand.
Seit 2003 gibt die Business Software Alliance (BSA), ein Lobby-Verband der Software-Anbieter, die Global Software Piracy Study heraus. Mit im Boot sind das „Marktforschungs- und Beratungsunternehmen“ International Data Corporation (IDC) sowie das Marktforschungsunternehmen Ipsos. Letzte Woche wurde die diesjährige Ausgabe veröffentlicht.
Keine wissenschaftlichen Kriterien
Dazu haben wir einige Rückfragen gestellt. Als erstes wollten wir natürlich die Studie selbst haben. Auf der Webseite ist zwar neben einer vier-seitigen Kurzversion auch ein Dokument verlinkt, dass sich Studie nennt. Das sind aber auch nur 20 Seiten, und wenn man Klappentext, Inhaltsverzeichnis, Executive Summary und Co. abzieht, bleiben nur sieben Seiten Inhalt übrig. Die globale Studie, die 182 Datentypen in 116 Staaten untersucht, kann das nicht sein. Leider hat man uns auf wiederholte Nachfragen keine weiteren Daten liefern können, lediglich einen Fragebogen haben wir erhalten.
Eine Studie steht und fällt mit der Methodologie. Der Methoden-Teil in der Studie verweist wieder auf die Webseite, obwohl das da fast identisch ist. Der grundlegende Ansatz ist seit 2003 gleich. Zunächst schätzt man, wie viele Computer es in jedem Land gibt und wie viel Software durchschnittlich auf jedem Computer ist. Dem stellt man gegenüber, wie viel Software verkauft wurde. Die Differenz zwischen beiden Werten soll dann angeben, wie groß der Anteil an unlizensierter Software ist. Diesen Ansatz hat die nicht gerade wirtschaftsfeindliche Wochenzeitschrift The Economist bereits 2005 unter dem Titel BSA or just BS? auseinander genommen. Auch ZDNet hat harte Kritik geübt. Obwohl die BSA diese Kritik als unzutreffend zurückgewiesen hat, wird auch in der aktuellen Ausgabe nicht deutlich, woher die Zahlen für diese Schätzungen kommen. Auf der Webseite steht nur vage, man „ermittelt“ und „erhebt“. Was und wie, ist nicht angegeben, schon gar nicht in dem 20-Seiten PDF.
Immerhin hat man in den letzten Jahren eine weitere Datenbasis hinzugezogen: eine Umfrage mit 14.700 Personen in 33 „Märkten“. Dass diese ca. 450 Personen pro Land sowie die 33 Länder für die ganze Welt repräsentativ sind, wird zwar behauptet, aber ebenfalls nicht belegt. In diesem Dokument wird von einer „Online-Umfrage“ gesprochen, dass diese nicht repräsentativ ist, kann man auf Wikipedia nachlesen. Auch lassen sich die erhobenen Daten nicht nachprüfen. Den Fragebogen haben wir zwar erhalten, die Daten werden jedoch nicht veröffentlicht:
Die IDC begründet ihren Teil der Studie (also zur Verbreitung der raubkopierten Software) auf proprietären Daten, die sie nicht weitergibt.
Man behauptet also etwas, kann es aber nicht beweisen. Auf unsere Nachfrage, ob die Studie als wissenschaftlich bezeichnet werden kann, bekamen wir die Antwort: „Die Studie ist verlässlich.“ Man hat zwar zwei Professoren gefunden, die die Methode gut finden. Das Wort „wissenschaftlich“ nehmen aber auch die nicht in den Mund.
„Wissenschaftler haben herausgefunden…“
Als ob das nicht schon unseriös genug wäre, ist die dazugehörige Pressemitteilung noch schlimmer. Dass der Anteil unlizensierter Software in Deutschland laut den eigenen Zahlen seit drei Jahren rückläufig ist, wird nicht erwähnt. Stattdessen wird einerseits skandalisiert, das „nur 66 Prozent der deutschen Software-Nutzer nie zu unlizenzierter Software [greifen]“ und andererseits gelobt, dass die Deutschen „Piraterie-Muffel“ sind, weil „66 Prozent [angeben], nie zu unlizenzierten Programmen zu greifen.“
Interessant sind auch technische Entwicklungen, von denen sich die Software-Industrie einen Rückgang unlizensierter Software erhofft. So sollen Tablet-Computer und Cloud-Computing mit Software as a Service „zum Rückgang unlizenzierter Software“ führen. Die andere Hoffnung:
Laptops und das Verschwinden der „White-Box“-Rechner: Der Anteil von Laptops am PC-Markt stieg leicht von 56 Prozent auf 57 Prozent. Da diese Geräte für gewöhnlich mit vorinstallierter Software ausgeliefert werden, senkt ihre Verbreitung den Anteil unlizenzierter Software. Gleichzeitig nahm die Verbreitung von „White Box“-Rechnern ab – PCs, die ohne vorinstallierte Software verkauft und deswegen häufiger mit illegaler Software bestückt werden. Ihr Anteil am PC-Markt ging von 17,3 Prozent auf 16,8 Prozent zurück.
Hardware, die ohne Software gekauft wird, wird also scheinbar automatisch mit unlizensierter Software bespielt. Interessante These. Wir haben dreimal nachgefragt, ob man die auch irgendwie belegen kann. Beim dritten Mal haben wir das erste Mal eine Antwort erhalten, die unsere Frage nicht komplett ignoriert: „White Boxes sind häufiger in Märkten zu finden, wo auch mehr Piraterie ist.“ Doch selbst wenn es eine Korrelation von White-Box-Rechnern in Gegenden mit viel Piraterie gibt, heißt das noch lange nicht, dass diese „häufiger mit illegaler Software bestückt werden“, wie sie es in der Pressemitteilung behauptet wird.
Hier zeigt sich erneut eine große Schwachstelle der ganzen Studie: Jede nicht gekaufte Software ist anscheinend „illegal“. Dass es auch Free Software geben könnte, wird nirgendwo berücksichtigt. Und das Mantra, dass nichtlizensierte Software automatisch ein direkter Kauf-Verlust ist, wird auch nicht hinterfragt.
Stille Post in der Politik
Das Problem an solchen Studien ist, dass sie auf Hochglanzpapier daher kommen und einen seriösen Eindruck machen. Und so greifen politische „Entscheidungsträger“ dankbar auf Zahlen von Lobby-Organisationen zurück. In Großbritannien sind nicht-kommerzielle „Piraten“ zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, auf Basis dieser Studie. Im Europa-Parlament haben Abgeordnete für Software-Patente gestimmt, begründet mit dieser Studie.
Auch Heise und Spiegel Online haben die Pressemitteilung weitgehend unkritisch übernommen.
An den grundsätzlichen Problemen mit dem Urheberrecht in der digitalen Gesellschaft ändert das alles nichts. Aber wenn die Gegenseite schon mit Zahlen nach uns wirft, dann sollten diese wenigstens stimmen.