Spätestens mit dem „Fall Schmitt“ dürfte auch dem leichtgläubigsten Verschwörungstheoretiker klar geworden sein, dass der Haussegen bei Julian Assanges Propaganda-Plattform Wikileaks derzeit mächtig schief hängt. Wie verfahren die Situation tatsächlich ist, lässt sich heute bei Wired.com nachlesen.
At least half a dozen WikiLeaks staffers have tendered their resignations in recent weeks, the most prominent of them being Daniel Domscheit-Berg, who, under the name Daniel Schmitt, served as WikiLeaks’ German spokesman.
Worum geht’s? Nachdem es bei Wikileaks bereits im Zuge der Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Afghanistan-Krieg zu internen Unstimmigkeiten gekommen war, verärgerte Assange offenbar auch bei der anstehenden Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Irak-Krieg seine Mitstreiter mit einem Alleingang.
Laut Wired.com hatte Assange ohne Rücksprache die Veröffentlichung von knapp 400.000 Dokumenten für den 18. Oktober angekündigt. Viel zu früh, um das Material sorgfältig zu prüfen und ggf. Namen von Informaten zu schwärzen. Zur Verwunderung seiner Mitarbeiter hat Assange zudem bereits Kooperationsvereinbarungen mit externen Redaktionen getroffen und diesen einen Zugang zu den entsprechenden Dokumenten eingerichtet:
Domscheit-Berg learned about Assange’s agreements with a number of media outlets last month, but did not know the details or when the documents were scheduled to be released. When he quizzed Assange in an online chat, Assange responded by accusing Domscheit-Berg of leaking information about discontent within WikiLeaks to a columnist for Newsweek.
Tja, und der Rest liest sich dann wie eine Dokumentation direkt aus dem nächsten Sandkasten. Mit dem Unterschied, dass es hier nicht um Eimer- und Schäuffelchen geht, sondern möglicherweise um das ein oder andere Menschenleben.
Laut einem als authentisch bezeichneten Chat-Transcript wirft Assange Schmitt u.a. Geheimnisverrat (Bonuslevel: Mit CCC-Beteiligung!) vor …
“You are not anyone’s king or god,” wrote Domscheit-Berg in the chat. “And you’re not even fulfilling your role as a leader right now. A leader communicates and cultivates trust in himself. You are doing the exact opposite. You behave like some kind of emperor or slave trader.”
… bis die Geschichte schließlich in der von Assange ausgesprochenen Suspendierung Schmitts/Domscheit-Bergs eskaliert:
“You are suspended for one month, effective immediately,” Assange shot back. “If you wish to appeal, you will be heard on Tuesday.”
Man kann sich denken, dass Daniel Domscheit-Berg von dieser – ebenfalls ohne Rücksprache getroffenen – Entscheidung Assanges ziemlich überrascht gewesen zu dürfte (Ja, sie ist tatsächlich bereits vor einem Monat erfolgt). Assange himself hingegen scheint zu glauben, bei Wikileaks tun und lassen zu können, was ihm gefällt. Anders jedenfalls ist sein Kommentar zum Ausscheiden eines weiteren Mitarbeiters nicht zu erklären.
“I am the heart and soul of this organization, its f ounder, philosopher, spokesperson, original coder, organizer, financier and all the rest,” Assange wrote Snorrason. “If you have a problem with me, piss off.”
Schade eigentlich. Rein grundsätzlich war Wikileaks eine gute Idee. Siehe auch:
# Was war. Was wird. (Hal Faber, Heise Online, 26.09.)
# Wikileaks: Rausschmiss im Geheimen (Detlef Borchers, FAZ, 27.09.)