Deutsche Telekom erklärt Netzneutralität

Das Blog schonleben.de hat ein (wahrscheinlich internes) Argumentationspapier der Deutschen Telekom veröffentlicht (PDF), wo diese (vermutlich an ihre Mitarbeiter gerichtet) ihre Linie in Sachen Netzneutralität erklärt. Auf den ersten Blick steht da erstmal nichts Neues drin, aber zwischen den Zeilen findet man doch das einige interessante Sachen.
Da haben wir z.B. dies:

Uns fehlen noch 62.000 Euro!
netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Reserviert die Telekom die beste Qualitätsklasse für sich?

Wenn unterschiedliche Qualitätsklassen im Netz eingeführt werden, werden wir diese der Internetwirtschaft diskriminierungsfrei zur Verfügung stellen. Darüber hinaus werden wir den Kunden Netzmanagementmaßnahmen transparent kommunizieren.

Klingt erstmal gut, oder? Hier ist die Übersetzung für Euch: Natürlich kann die Internetwirtschaft diskriminierungsfrei diese Qualitätsklassen nutzen, aber dafür muss man dann bezahlen. Apropos „Netzwerkmanagementmaßnahmen transparent kommunizieren“: Warum wird das eigentlich heute nicht bereits gemacht?

Und warum sollen nicht alle Daten gleichbehandelt werden? Darauf kommt Ihr nie: Die Lösung ist die „Echtzeitanwendung Online-Handel“ (Da fällt dann wohl alles drunter, oder?):

Für die meisten Nutzer spielt es keine Rolle, ob eine E-Mail ein paar Sekunden später ankommt. Beim Ansehen eines Videos sind Verzögerungen im besten Falle nur störend. Bei Echtzeitanwendungen wie Online-Handel, Videokonferenzen oder gar Telemedizin kann eine zu langsame Datenübertragung dagegen gravierende Folgen haben.

Aber keine Panik! Das wird noch besser:

Deshalb ist eine intelligente Steuerung des Internetverkehrs nötig. Dabei geht es nicht um Zensur oder die Frage, ob bestimmte Daten überhaupt transportiert werden. Es geht lediglich darum, welche Qualität beim Transport garantiert wird. Die Telekom wird den Zugriff auf Inhalte nicht beschränken und konkurrierende Dienste nicht blockieren.

Das mit Skype im Mobilfunknetz von T-Mobil ist sicher nur ein temporäres Unglück, die Telekom würde doch nie „konkurrierende Dienste“ blockieren.

Spannend auch die Antwort auf die Frage, ob man jetzt auch von Anbietern Geld für das Weitertransportieren von Daten durch die Telekom-Netz haben will:

Will die Telekom doppelt abkassieren?

Bisher ist es so, dass die Infrastrukturanbieter die hohen Investitionen in den Netzausbau alleine schultern müssen und die Internetwirtschaft davon profitiert. Der weitere Netzausbau ist aber extrem teuer: Experten rechnen für ein flächendeckendes Glasfasernetz mit Kosten von mindestens 50 Milliarden Euro. Gleichzeitig sind im Wettbewerb um die Endkunden die Anschlusspreise gesunken, so dass es schwieriger wird, den weiteren Ausbau alleine darüber zu finanzieren. Deshalb ist es Teil der Strategie der Telekom, neue internetbasierte Dienste anzubieten. Dazu gehören unter anderem auch Qualitätsklassen für besonders empfindliche Dienste. So tragen diejenigen Nutzer einen größeren Teil der Kosten, die besonders stark vom Netzausbau profitieren.

Übersetzung: Unsere neuen teuren Services will keiner haben, also müssen wir irgendwo anders her Kohle organisieren.

Vollkommen klar ist auch die Antwort auf diese Frage, wir fragen uns aber, warum man die Antwort nicht klar dahin schreibt:

Führt die Telekom Verhandlungen mit Google?

Die Telekom führt keine exklusiven Verhandlungen mit einzelnen Internetunternehmen. Es gibt derzeit aber zahlreiche Gespräche mit Telekommunikations- und Internetunternehmen über zukünftige Geschäftspartnerschaften, eventuelle Vorprodukte der Telekom und die Weiterentwicklung des Internets.

Die Antwort ist: Ja.

(Danke an Jan)

22 Kommentare
  1. Bei Skype wird die Telekom argumentieren, dass sie keinen eigenen gleichwertigen Dienst anbietet – und Skype daher auch ein „konkurrierender Dienst“ sei.

    Daher könnte man aber im Rahmen der Transparenz mal fordern, dass die Telekom klarstellt, wen sie eigentlich heute blockiert oder durch tarife diskriminiert – aus welchem Grund auch immer.

  2. Soso! Die Telekom schultert den Netzausbau alleine! Und die Internetwirtschaft profitiert davon!
    Dann möchte ich mich als Teil der Internetwirtschaft definieren, dann sollte ja erstmal die Gebühr für meinen Internetanschluss entfallen.
    Wo kann man sich als Teil der Internetwirtschaft registrieren? Wie kann ich das nachweisen? Ich hab schon mal auf E-Bay verkauft. Reicht das?

  3. >Übersetzung: Unsere neuen teuren Services
    >will keiner haben, also müssen wir irgendwo
    >anders her Kohle organisieren.

    Huch, ein Unternehmen denk an Profit, wie neu.

    Was mich in der ganzen Debatte allmählich wundert: Diejenigen, die gegen die Pläne der existierenden ISPs sind, verständlicherweise, tun auch nichts weiteres als es zu kommentieren. Auf die Idee, einen eigenen ISP zu gründen, ist wohl noch keiner gekommen? (Bei der Vielzahl an Gegensprechern sollte die zu erwartende Kundenzahl doch gewaltig sein und die Kosten sollten wieder drin sein.)

  4. @U

    Na ja, ISP gründen ist ja irgendwie noch möglich, aber wie würdest du Mobilfunkbetreiber in D werden wollen (können)?

    Denn (siehe oben) Skype via T-DSL läuft, via T-Mobil nicht, und das wird beklagt.

    btw: Wenn youtube.com mir sagt, kein Zugriff aus diesem Land, oder wenn bei manchem Blog kein Kommentar mit gmail Adresse (könnt‘ ja jeder kommen), ist das kein Fall für die neutrale Behandlung?

  5. „Wenn unterschiedliche Qualitätsklassen im Netz eingeführt werden,“

    Das ist der relevante Satz, alle anderen Unterstellungen die hier getätigt werden sind an sich substanzlos.

    Natürlich würde ein ISP dementsprechend handeln, wenn diese Qualitätsklassen eingeführt werden.
    Das nennt man dann sterben nach Profit.
    Eine nicht unbedingt neue oder überraschende Eigenschaft für Unternehmen im Kapitalismus.

  6. Was hat der Ausbau der letzten Meile („flächendeckendes Glasfasernetz“) und dessen Finanzierung eigentlich mit Diskriminierung im Kernnetz zu tun? Dessen Ausbau kostet sicher keine 50 Milliarden.

  7. Huch, da taucht jetzt zum ersten Mal in der Diskussion ein Name auf, der wirklich relevant ist, wenn’s um Backbone- und Distanzinfrastruktur geht: level(3)

    Denn die sind mitnichten „Spezialanbieter“ sondern haben mehr Glasfaser im Erdreich versenkt als sämtliche ISP in Deutschland zusammen. Die sind Besitzer von AS 1 und Betreiber von AS 3356, dem Netzwerk mit der weltweit höchsten Connectivity, wo seit Ewigkeiten -pfuii!??- „gemanaged“ wird!
    Wem das nichts sagt, sollte sich mal mit der Internet-Topologie auseinandersetzen.

    Und wenn danach genügend Faktenwissen über technische Notwendigkeiten vorliegt, kann vielleicht weniger politisierend über Netzneutralität diskutiert werden.

    Und über die Frage, ob die deutsche Telekom wirklich so viel mitzureden hat:
    http://as-rank.caida.org/?rank-number-as=50

  8. So tragen diejenigen Nutzer einen größeren Teil der Kosten, die besonders stark vom Netzausbau profitieren.

    Dazu ist der Artikel von Isotopp interessant. Zitat:

    Oder, in klareren Worten: „Deine Skype-Pakete sind Dir mehr wert als Deine P2P-Pakete. Wäre doch schade, wenn denen was passiert, oder?“.

    Er enthält eine sehr gute Erklärung, warum weniger Netzneutralität zu weniger und nicht mehr Bandbreitenausbau führen wird.

  9. Ich habe eine 16Mbps Flatrate, aber trotzdem kann ich nur mit ca 1Mbps surfen. Woran liegt das?

    Wir bieten Ihnen Zusatzdienste zur Dienste-Priorisierung. Diese können Sie sich kostengünstig über das Kundenportal zuschalten lassen. Das Kundenportal ist zu den Geschäftszeiten kostenlos hochpriorisiert erreichbar.

  10. Hehe,

    ja die liebe Telekom, da werden sie geholfen. Ich habe da einen wunderbaren Vorschlag, der die Kassen wieder füllen würde.
    Wie wäre es, wenn man einfach ein wenig am Service sparen würde? Müsste doch Unsummen abwerfen… (/ironie)

    Gruß

    Marc

  11. Was die Telekom da wieder an den Tag gebracht hat, wirkt sich ganz sicher nicht positiv auf das Unternehmen aus. So langsam sollten sich die Macher einmal Gedanken über ihre Ansichten machen, denn wenn es so weiter geht verlieren diese immer mehr Kunden an die Konkurrenz.

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