Kultur

Die besten Politiker-Websites von gestern

Politik 2.0 ist in aller Munde. Aber es gibt sie noch: Die Politiker, die sich den Netz-Trends und den Dialog-Möglichkeiten verschließen und traditionsbewusst die 90er-Jahre leben. Wir haben alle Webseiten von Bundestagsabgeordneten durchgeforstet, um die besten MdB-Webseiten von gestern zu küren.

Dabei fanden wir Gemeinsamkeiten: Alle nominierten Kandidaten gehören der Großen Koalition an. Der Anteil an ehemaligen Ministern, die nur noch ihre Zeit bis zum Ende der Legislaturperiode absetzen, ist überraschend hoch. Und in der Regel gehören sie der SPD an (Schily, Eichel und Struck). Die konsequente Verwendung von Frames und damit eine gewisse behindertenfeindlichkeit gehört auch in der Regel dazu. Dann sind da noch die eher unregelmässigen und wenigen Aktualisierungen, die für unbedarfte Beobachter aufgrund der Webseiten darauf schließen lassen, dass die Abgeordneten nicht soviel tun. Und dann ist da noch in der Regel das Fehlen jeglicher Dialogmöglichkeiten abseits von Mailadressen.

Zuerst wollten wir ein Ranking machen. Aber auch nach langem überlegen waren wir dazu nicht in der Lage, die schlechteste Webseite eines Bundestagsabgeordneten im Jahre 2009 zu küren. Wie Ihr vielleicht beim anschauen feststellen konntet, fällt es sehr schwer, den Gewinner oder die Gewinnerin zu wählen. Die Konkurrenz ist groß und ich bin mir auch unsicher, wie man z.B. Hans Eichel gegenüber einem Ernst Kranz bewerten sollte. Letzterer hat wneigstens eine Webseite, auch wenn sie komisch aussieht. Daher seid Ihr dran: In den Kommentaren kann eine Reihenfolge für die besten drei Webseiten abgegeben werden. Platz 1 ist der Gewinner des Wettbewerbes „Die beste Politiker-Website von gestern„. Wir rechnen alle Bewertungen aus und küren dann den Gewinner. Als Preis gibt es Ruhm für die herausragende Nutzung des Internets.

Eduard Lintner

Eduard Lintner sitzt seit 1976 für die CSU im Bundestag. Als ehemaliger Bundesdrogenbeauftragter (mit dem Spitznamen „Bier-Edi“) war er sogar einige Jahre Staatssekretär. Dass seine beste Zeit lange vorbei ist, zeigt seine Webseite. Die letzte Rede stammt aus 2007 und die letzte Meldung aus 2006. Die letzten Bilder in seiner Galerie sind aus 2005 und 2006 datiert.

Eike Hovermann

Eike Hovermann ist Mitglied der SPD-Fraktion. In den wenigen aktuellen Pressemitteilungen aus 2008 wird man u.a. darüber informiert, dass ihn Funkamateure besuchen. Die letzten beiden Reden hat er anscheinend 2006 und davor 2004 gehalten. Dafür gibt es ein Wochenmotto. Wobei die letzte Grafik aus der FTD im Jahre 2006 übernommen wurde.

Ernst Kranz

Ernst Kranz sitzt für die SPD im Bundestag. Seine Webseite erscheint wenigstens aktuell durch die Vorschaltgrafik mit den Weihnachtswünschen. Und begrüßt erstmal danach mit seinem Terminkalender und einer etwas gewöhnungsbedürften rechts-ausgerichteten Navigation. Unter „Aktuell“ findet man Bleiwüsten an unlesbaren Texten, die aber nicht Ernst Kranz geschrieben hat, sondern die von anderen Seiten übernommen worden sind. Pressemitteilungen und Reden finden sich so auf den ersten Blick nicht.

Guenther Baumann

Guenther Baumann ist in der CDU, was man sofort an der Deutschlandfahne im Design bemerken wird. Er hostet seine Webseite auf einem Server von Arcor, was Deeplinks etwas umständlich macht. Pluspunkte sammelt er für die Aktualität der Inhalte. Auf der Liste landet er aber wegen des Designs, was den Besucher sofort zehn Jahre in die Vergangenheit katapultiert.

Hans Eichel

Hans Eichel hat anscheinend keine Lust mehr auf Politik. Dass er nach der nächsten Wahl aufhört, ist bekannt. Und da braucht man wohl auch keine eigene Webseite mehr. Die hat er nämlich nicht. Ganz schlau wird seine Namens-URL nur noch auf die SPD-Fraktionsseite zu seiner Person verlinkt. Damit nimmt er auf jeden Fall eine Spitzenposition ein.

Hans Raidel

Hans Raidel von der CDU-/CSU-Fraktion ist ein weiterer Kandidat für den Titel. Seine Webseite wird seit langer Zeit überarbeitet. Auf den schlauen Trick von Hans Eichel mit der Umleitung auf die Fraktionsseite ist sein Büro wohl noch nicht gekommen. Das die alte Webseite aus dem Netz genommen werden musste, zeigt ein Blick ins Internet Archive. Das letzte Mal wurde die alte Webseite vor einem Jahr gesehen und sah so aus.

Klaus Lippold

Klaus Lippold sitzt auch in der CDU, wie wieder die Deutschlandfahne zeigt. Pluspunkt auch bei ihm, dass Inhalte aktualisiert werden. Aber Minuspunkt bei ihm ist auch die Zeitreise zurück in die 90er und die konsequente Nutzung von Frames. Bei ihm findet sich ein „Sufbrett“, was wohl eine Linkliste ist. Höhepunkt sind sicherlich die blickenden animierten Gifs auf der Dialog-Seite.

Lothar Ibrugger

Lothar Ibrugger ist in der SPD, was aber nicht sofort klar wird. Obwohl sein Name eigentlich gute Voraussetzungen für schlechte Witze mit dem Internet bietet, nutzt er sie glücklicherweise nicht. Dafür werden die Besucher mit einem „Guten Tag und herzlich willkommen auf meiner Homepage im World Wide Web!“ begrüsst. Seine Herzensarbeit scheint auch nicht im Bundestag zu liegen, wo die letzte Rede aus dem Jahre 2005 zu finden ist. Als Mitglied der Parlamentarische Versammlung der NATO scheint er hingegen aufzublühen.

Manfred Kolbe

Manfred Kolbe ist in der CDU. Das fällt dem geübten Auge aber auch nur über das verwendete Orange im Design auf. Alle wichtigen Unterseiten auf seiner Webseite enthalten nur die Information „Diese Seite wird zur Zeit erstellt.“ Und das seit mindestens einem Monat. Er scheint aber auch einige Probleme wegen eines „angeblichen Tankbetruges“ zu haben, wie ein Blick auf seine Pressemitteilungen vermuten lässt.

Marcus Weinberg

Marcus Weinberg von der CDU möchte eigentlich etwas moderner sein und spricht auch bei Politik.de ins Internet. Aber zuerst fällt einem gelich viermal sein Lächeln auf. Und damit hat er es geschafft, gleich in jedem einzelnen Frame seiner Webseite mit seinem Bild unterzukommen. Bei der Nutzung der Navigation kann es zu schwindelanfällen kommen, da sich eine Grafik bei Mausbewegungen ständig ändert. Dafür sammelt er Pluspunkte in der Aktualität. Und die Motivation scheint da zu sein, das Netz etwas mehr zu nutzen. Jetzt muss nur noch eine neue Webseite her.

Margrit Wetzel

Margrit Wetzel kommt wohl vom Land, ist in der SPD und quatscht die Besucher erstmal mit etwas Plattdeutsch an. Die Inhalte sind recht aktuell. Aber jede Seite sieht wiederum etwas anders aus und wird wohl individuell im HTML-Editor erstellt. Dabei werden dann die Dateien auf den Bundestag-Server hochgeladen, was die URL etwas komisch aussehen lässt. Ein Forum findet sich auch auf der Seite. Der Admin versteht darunter aber etwas anderes. Ich hab den Sinn noch nicht verstanden, aber dahinter finden ich alte Einladungen zu analogen Gesprächskreisen. Oder sowas ähnliches.

Michael Meister

Michael Meister ist auch von der CDU und hat auchd ie Deutschlandfahne im Design. (Scheint eine allgemeine CD-Anforderungen der CDU zu sein). Unter der dynamischen Domain „meister-schafft.de“ begrüsst er die Besucher. Und auch an Mouse-Over Effekten wurde nicht gespart. Dabei verändert sich auf die Navigation, was zu Irritationen für ungeübte Netz-Surfer führen könnte. Letzte Pressmeitteilung stammt aus 2007. Höhepunkt ist übrigens die Rubrik „Interaktiv“. Dort findet sich ein Bild von Meister. Sonst übrigens nichts.

Otto Schily

Otto Schily hört ja bekanntlich auch bald auf und ist mit seinen Lobbytätigkeiten anscheinend ausgelastet. Im Gegensatz zu Hans Eichel hat er noch eine iegne Webseite, nutzt aber einen ähnlichen Trick für den Navigatzionspunkt 1: „Aktuelles“. Dort wird der Besucher sofort an SPD.de weitergeleitet. Schlau gelöst. Man sollte übrigens nicht den Fehle rmachen, irgendwo sonst auf der Navigations drauf zu klicken. Sonst landet man wie bei „Schily im Gespräch“ auf einer Seite, wo es keine Navigationselemente für den Weg zurück gibt. Aktuelle Äusserungen findet man eh nicht. Letzte Pressemitteilung ist von Anfang 2007, ebenso ein letztes verlinktes Interview. Danach kam auch die Biometrie-Lobbyarbeit.

Paul Lehrieder

Paul Lehrieder ist in der CSU. Erinnert sich noch jemand an die nervigen Laufbänder in Javascript, die im vergangenen Jahrtausend so toll dynamisch aussahen? Bei Lehrieder lebt der HTML-Befehl weiter. Aktuelle Inhalte finden sich auf der Webseite. Und für fast jede Unterseite gibt es auch garantiert einen anderen Font. So wird Vielfalt vermittelt. Nur die Frames nerven und das Design bewegt sich auch oft unfreiwillig in verschiedene Richtungen.

Peter Altmaier

Peter Altmaier ist nicht nur CDU-Mitglied, sondern auch Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern. Und damit macht man wenig im Bundestag, wie seine Webseite verrät. Der Besucher sollte bloß nicht auf „Peter Altmaier im BMI“ in der Navigation klicken, denn dann ist man ganz schnell weg von der Webseite. Mehr gibts dort aber auch icht zu finden. Die Inhalte sind alt und der Navigationspunkt „Wahl 2005“ hat noch eine herausragende Bedeutung.

Peter Struck ist Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion und verfügt gleich über zwei Webseiten. Also theoretisch. Die erste begrüsst die Besucher mit „Hier entsteht eine neue Internetpräsenz“. Und die zweite Domain erzählt was von „Diese Seite ist derzeit in Überarbeitung“. Bekanntlich geht Struck auch bald in Rente. Aber irgendwie erscheint es doch etwas peinlich für die „moderne Internet-Partei“ SPD, wenn der Fraktionsvorsitzender keine Webseite hat, oder?

Renate Gradistanac

Renate Gradistanac sitzt für die SPD im Bundestag und hostet auch auf dessen Server ihre HTML-Dateien. Die Besucher sollten bloss nicht den Fehler machen, auf die ersten drei zentralen Navigationspukte unter „Offizielles“ zu klicken. Alle drei Links führen weg von der Abgroedneten-Wesite und auf die offiziellen Bundestags-Seite. Wenigstens sind die Inhalte aktuell, aber außer Pressmeitteilungen, einer Fotogalerie und wenigen Reden findet sich nichts weiter auf der Webseite.

Die Webseiten wurden alle am 10. Dezember 2008 untersucht und nochmal am 4. Januar 2009 auf Aktuliatät überprüft. Veränderungen gab es keine. Die Vorauswahl war rein subjektiv. Sollten uns andere herausragende Beispiele entgangen sein, kann darauf gerne in den Kommentaren hingewiesen werden.

39 Ergänzungen
  1. Platz 1 geht für mich an paul-lehrieder.de, das ist so ziemlich der größte anzunehmende Frontpage-Unfall, den ich in letzter Zeit gesehen habe.

    Eventuell sollte man den Herrschaften empfehlen, ihre Domains auf ein MySpace Profil umzuleiten, die sehen teilweise besser aus (das heisst was!) und Musik kann man auch einfach einbinden ;)

  2. Danke für die Liste, sehr amüsant. Ich glaube, in der Provinz (also bezogen auf die Landtage) sähe das noch viel schlimmer aus.

    Ein grundsätzlicher Vorschlag: Ich halte „nicht vorhandene“ bzw. „gerade überarbeitete“ Seiten für nicht vergleichbar mit wirklich schlecht gemachten Seiten. Also würde ich die beiden Listen trennen – wobei ich es trotzdem für wichtig halte, dass die Abgeordneten ohne Seiten auch benannt werden.

    Bei den übrigen lege ich die Kriterien Aktualität und Optik an – und komme zu folgendem Ergebnis:

    1. Weinsberg
    2. Meister
    3. Baumann

  3. Nette Idee und gute Zusammenstellung. Aber warum habt ihr euch nur auf die großen Parteien konzentriert? Haben grüne, fdp und linke einfach die besseren internetauftritte oder habt ihr sie nicht in die auswahl mit einbezogen?

    Naja, meine Top 3 Liste sieht so aus:
    1. Paul Lehrieder
    2. Marcus Weinberg
    3. Ernst Kranz

  4. Wir haben uns alle Abgeordneten-Website sim Bundestag grob angeschaut und die schlechtesten kamen tatsächlich aus der Großen Koalition. Was mich selbst wunderte. Das liegt aber nicht daran, dass die Webseiten von FDP, Grüne und Linkspartei alle besser sind. Dort finden sich nur nicht so große Abweicher nach unten vom langweiligen Mainstream.

  5. Also ich muss mal kurz Anmerken: Ich finde es ÄUSSERST Sinnvoll auf die Parteiseiten zu verlinken. Habe mich mit Seiten von Politikern noch nie befasst. Wohl aber mit Uni Seiten und es gibt nichts schlimmeres, als das jeder Prof und Hiwi seine eigene Seite mit eigener URL unterhält. Einige Infos sind dann auf den offiziellen Seiten, einige nicht. Andere nutzen die nur offiziellen andere nur die selbst erstellten. Man muss, um sich zu Informieren immer Bescheid wissen wie derjenige es nun gerade Handhabt.
    Eine gemeinsame Plattform über die Partei kann ich mir daher nur sehr sinnvoll vorstellen. Mit der Möglichkeit diese etwas zu erweitern für den der will. Und tote Seiten würden dadurch auch vermieden.
    Und für den, der sich informieren will, hat ein einheitliches Format, Navi etc und kann sich ohne lange im Web zu suchen mal seine Kanidaten in ruhe ansehen. Daher ist für mich das Kriterium: „Die URL Name.de verweist nur auf die Parteiseite/Name“ ein Schritt in die sehr richtige Richtung.

    Danke.

  6. HAMMER! Ich sehe erst jetzt, dass auf der Seite von Michael Meister ein kleines Icon platziert ist wo steht:
    „MdB Webtest 2003-Sehr gut“ Seitdem hat sich auf der Seite auch nichts verändert ;)

  7. 1. Manfred Kolbe
    2. Michael Meister
    3. Renate Gradistanac

    Ich finde es unfassbar, dass die meisten Websites absolut keinen Bezug zu den kennzeichnenden Farben der Parteien haben, insbesondere SPD. CD bzw. CI spielen wohl im Internet absolut keine Rolle. Wenn man das mit den haarfein abgestimmten Print-Brochuren der Parteien vergleicht, zeigt das den Stellenwert den das Internet geniesst.

    Bezeichnend zu letzterem auch das folgende Zitat von D. Wiefelspütz: „Ich bin von lebendigen Wählern, nicht von abgeordnetenwatch in den Deutschen Bundestag gewählt worden“ (ganzer Kontext hier: http://www.politik-digital.de/wiefelsp%C3%BCtz-abgeordnetenwatch).

    Mir deucht, die Rezession ist nicht das schwärzeste was uns 2009 erwartet.

  8. Haha. Starke Liste!
    Da wird es wohl bei einigen Politikern in nächster Zeit volle Mail Postfächer geben (falls vorhanden *g*) mit Angeboten von diversen Webmastern :)

  9. Interessante Liste. Erschreckend, aber leider symptomatisch: Entscheidungsträger haben keine Ahnung und lassen sich von „Experten“ beschwatzen.

    Zwei klitzekleine Anmerkungen zu dem Artikel: Rechtschreibung und Grammatik sind zum Teil etwas holperig. Und die Namen der Politiker sind näher an den Abbildungen der Webseiten ihrer „Vorgänger“ als an ihren eigenen Beschreibungen (zumindest in Safari 3.2.1).

  10. Komisch, wenn ich mit einer Suchmaschine nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Themen suche:

    Keine der genannten Politiker-Websites sind in den Suchergebnissen zu finden.

    Die machen wohl Politik jenseits vom Volk.

    Pilgrim

  11. schön! habe gut gelacht.
    zur ehrenrettung meiner zunft (sitze ja für die linke im bundestag) muss ich aber sagen, dass es auch viele gute seiten gibt.
    was ich aber meist noch vermisse ist der versuch, die meinungsbildungsformen und -strukturen im netz zu nutzen – will sagen: zu begreifen, dass es ein NEUES medium ist mit seinen eigenen, neuen regeln und möglichkeiten.
    ich beanspruche für mich gar nicht, auf meiner homepage alles perfekt zu machen, ich würde sagen: ich probiere noch.

  12. Das ist ja alles sehr schön. Hat aber ausser der Häme keinen Effekt – die genannten Abgeordneten werden die Kommentare sowieso nicht lesen.

    Wie wär’s denn mal mit einer Zusammenstellung von WIRKLICH guten Abgeordnetenseiten? Das wäre doch mal ’ne Abwechslung.

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