Die Deutsche Bank hat gestern eine Studie veröffentlicht, in der sie die ökonomischen Aspekte von Big Data beleuchtet – aber nicht nur die. Auf 39 Seiten findet eine umfassende Analyse statt, wie immer mehr anfallende Daten unsere Lebens- und Wirtschaftswelt beeinflussen, Chancen eröffnen und Risiken bergen. Das Phänomen Big Data, zu dem wir auch eine Artikel-Reihe mit bisher zwei Teilen gestartet haben, wird als logische Evolutionsstufe des Internets gesehen, bei der es darum geht, Datenschnipsel aufschlussreich zu kombinieren, um korrekte, wirtschaftlich lukrative Schlussfolgerungen abzuleiten.
An einem solchen Prozess sind viele Handlungsträger beteiligt, nicht nur die Informationstechnologie hat ein Interesse an der Verarbeitung der Datenberge, auch andere Wirtschaftszweige, die Wissenschaft und die öffentliche Verwaltung, denn: „Big Data verspricht am Ende vor allem auch Big Business“. Für diese Akteure liegen die Herausforderungen vor allem in der Menge und Geschwindigkeit, in der die Daten anfallen, aber auch in der Heterogenität, denn ein Großteil der Informationen wird in unstrukturierter Form erzeugt und aufgenommen.
Als besonderen Markttreiber nennt die Studie biometrische und Sensordaten, die aufgrund der allgegenwärtigen Sensoren in Mobilgeräten und dafür konzipierter Logging- und Analyseapps in immer größerem Umfang gesammelt werden. Darin stecke ein riesiges Innovationspotential mit nützlichen Anwendungsfeldern, wie beispielsweise mehr Autarkie im hohen Alter oder bessere Vernetzung und damit Effizienz in industriellen Prozessen. Die potentielle Verletzung der informationellen Selbstbestimmung wird aber nicht unter den Tisch gekehrt. In einem Interview, das der Verfasser der Studie, Thomas Dapp der F.A.Z. gegeben hat, betont er die Datenschutzbedenken wiederholt und weist darauf hin, dass „wir die Hoheit über Daten verlieren“ und es „zu einer Schieflage gekommen“ ist.
Auch in weiteren Betrachtungen differenziert die Studie zwischen der Koexistenz der „guten“ und der „dunklen“ Seite der „unbezähmbaren Macht“ Big Data, die einerseits durch aufschlussreiche Erkenntnisse zur Lösung von weltweiten Problemen wie Kriminalität beitragen kann, aber gleichzeitig das Risiko eines entstehenden Überwachungsstaates mit sich bringt. Nicht zuletzt durch die attraktive kommerzielle Verwertbarkeit der zahlreichen Datenspuren, die ein Nutzer ständig im Internet hinterlässt – seien es Tweets, Likes oder sonstige Profile. Die Strukturen, in denen sich ein Nutzer auf diese Weise bewegt, werden als digitale Ökosysteme begriffen, die von marktdominierenden Anbietern oligopol geformt werden. Das kann zu einem Lock-In-Effekt führen, der Nutzer auf den populärsten Plattformen festhält und ihm damit Selbstbestimmtheit nimmt.
Die Studie beleuchtet auch das Phänomen des ambivalenten menschlichen Verhaltens, die Kontrolle für die eigenen persönlichen Daten für einen vergleichsweise kleinen Vorteil an diese großen Anbieter zu übertragen, was ein hohes Datenschutz- und Missbrauchsrisiko darstellt – aber eben auch ein riesiges wirtschaftliches Potential für ebendiese. Persönliche Daten werden so „zur virtuellen Währung“.
Die Quintessenz der Untersuchung: Big Data bietet viele Möglichkeiten, aber es ist noch nicht abschließend absehbar, wohin die Reise geht und wie die neuen Techniken sich auf Alltagsleben und Wirtschaft auswirken werden. Dennoch oder gerade deswegen ruft der Auswertungsbericht dazu auf, proaktiv Regeln zu etablieren, um Grundrechtseinschränkungen und Wettbewerbsverzerrungen entgegenzuwirken und damit auch verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen, das durch Datenschutzprobleme und Spähaffären Schaden genommen hat.
Die Studie ist angenehm sachlich und unvoreingenommen und geht mit einer sehr realistischen Grundannahme an Big Data heran: Es wird nicht mehr aufzuhalten sein, daher sollte man die Chancen nutzen und die Risiken nicht ignorieren:
Es liegt an uns, als wertvolle und kreative Ideenlieferanten hinter jeder ®evolutionären Technologie bzw. Innovation, die Zügel fest in der Hand zu behalten, um einen adäquaten Kurs vorzugeben. Möge die Macht mit uns sein.