Verhaltensscanner in BerlinJetzt beginnt die automatisierte Überwachung

Am Kottbusser Tor in Berlin werden seit Sonntag rund 30 Überwachungskameras installiert und an ein KI-System angeschlossen, das prüft, wer artig ist und wer nicht. Weitere Areale sollen folgen. Menschen, die sich regelmäßig am Kotti aufhalten, sind von dem Überwachungsprojekt überrascht.

  • Martin Schwarzbeck
Ein Mensch steht auf einer Hebebühne am Kottbusser Tor.
Am Sonntag Vormittag wurden die ersten Videokameras am Kottbusser Tor angebracht. CC-BY-ND 4.0: netzpolitik.org

Am Kottbusser Tor in Berlin haben Menschen damit begonnen, für die Polizei eine Reihe von Videoüberwachungskameras zu installieren. Etwa 30 Stück sollen das Areal überwachen. Laut der Berliner Polizei werden die Geräte zeitnah mit einer Software von Adesso verknüpft, die im Videostream automatisiert analysiert, was die Abgebildeten gerade tun und bei unerwünschtem Verhalten Alarm schlägt. Bislang gab es in Berlin – außerhalb des öffentlichen Nahverkehrs – keine dauerhafte Videoüberwachung des öffentlichen Raums. Das ändert sich jetzt. Und diese Videoüberwachung wird dann direkt auch noch algorithmisch analysiert.

Das Überwachungs-Projekt, das nach dem Start am Kottbusser Tor auch auf die Warschauer Brücke und weitere mutmaßlich kriminalitätsbelastete Orte ausgedehnt werden soll, beginnt mit einer „Kalibrierungsphase“, um das System „auf die tatsächlichen Bedingungen vor Ort abzustimmen und seine korrekte Funktion sicherzustellen.“ Erst danach startet der Produktivbetrieb. In der Kalibrierungsphase sollen ungefähr 30 Kameras nach und nach in das System eingebunden werden, so die Berliner Polizei.

Dabei verwendet die Polizei zwei Kameratypen des schwedischen Herstellers Axis: Q1809-LE und Q3839-PVE. Beide liefern laut Produktbeschreibung eine sehr hohe 8k-Bildauflösung und gute Sicht auch bei wenig Licht. Erstere ist eine klassische Überwachungskamera und wird mit Tele- oder Weitwinkelobjektiv ausgeliefert, zweitere vereint das Bild mehrerer Linsen zu einem 180-Grad-Panorama und liefert angeblich auch im Zoom-Modus noch volle Bildschärfe. Die Software zur Verhaltenserkennung kommt von Adesso.

Vollautomatische Verhaltensanalyse ist das neue normal

Berlin ist damit nach Mannheim und Hamburg die dritte Stadt in Deutschland, die Straßen und Plätze mit Verhaltensanalyse-Software überwacht. Fest geplant ist bereits, die Technologie und die dazugehörigen Kameras auch an der Warschauer Brücke zu installieren. In Berlin soll die Videoüberwachung mit Verhaltensanalyse auch an weiteren angeblich kriminalitätsbelasteten Orten sowie an mutmaßlich gefährdeten Gebäuden zum Einsatz kommen.

Auch deutschlandweit ist eine zunehmende Verwendung der Technologie zu erwarten. In Baden-Württemberg hat Innenminister Manuel Hagel (CDU) angekündigt, dass er den Einsatz von Verhaltensscannern ausweiten und mit automatisierter Gesichtserkennung sowie womöglich Abhöranlagen und Stimmerkennung koppeln will. In Hessen, Sachsen und dem Saarland ist die rechtliche Grundlage für die Verhaltensscanner bereits geschaffen, in Schleswig-Holstein, Thüringen und Niedersachsen arbeiten die Regierenden daran. Zudem soll der Bundestag gleich nach der Sommerpause erlauben, dass die Bundespolizei derartige Systeme an Bahnhöfen einsetzt. Die Abstimmung war eigentlich bereits erfolgt, muss aber wiederholt werden, weil nicht genug Abgeordnete anwesend waren.

Es sieht so aus, als würde es in absehbarer Zeit selbstverständlich, dass Algorithmen im Dienst der Polizei analysieren, was wir gerade tun.

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Anlieger*innen zeigen sich überrascht

„Davon wusste ich nichts“, sagt eine Kiosk-Mitarbeiterin, die am Kottbusser Tor arbeitet, zu den KI-Überwachungs-Plänen. Auch ein Mensch, der an einem bekannten Treffpunkt von Drogennutzer*innen steht, zeigt sich überrascht: „Krass, ich hatte ja keine Ahnung“. So geht es scheinbar einigen am Kottbusser Tor. Die Videoüberwachungspläne wurden nicht ausgehängt. Nur wer regelmäßig die Tagespresse verfolgt, weiß, dass sein Verhalten hier künftig 24 Stunden am Tag automatisch analysiert wird.

Ercan Yasaroglu ist der Betreiber des Café Kotti, einer Raucherkneipe am Platz. Er kannte die Videoüberwachungspläne. Er sagt: „Wir bauen unsere demokratischen Werte ab und stattdessen ein Überwachungssystem auf. Hier wird jetzt jede Bewegung von mir kontrolliert. Wie soll ich mich da noch frei fühlen? Wie soll ich da zum Beispiel noch knutschen, ohne gleich mitdenken zu müssen, wer das wohl alles sieht?“

„Ich versuche, zu bleiben“

Direkt neben Yasaroglus Café ist seit 2023 eine Polizeiwache. Yasaroglu sagt, schon damals sei die Zahl der Kund*innen eingebrochen. Nun fürchtet er um seine wirtschaftliche Existenz. Doch er sagt: „Ich versuche, zu bleiben und meine Werte hier hochzuhalten.“

Die Videoüberwachung ist für Yasaroglu ein Teil von Gentrifizierung. „Der Raum verändert sich dadurch. Die Leute, die Überwachung wollen, die Wohlhabenden werden alles noch teurer machen. Armut wird verdrängt. Das ist meine Angst“, sagt er.

Ob die Verhaltenserkennung überhaupt einen messbaren Einfluss auf die Kriminalitätsbekämpfung hat, ist nicht geklärt. Eine unabhängige Evaluation der bereits existierenden deutschen Projekte gab es bisher nicht. Sie ist bislang auch nicht geplant.

Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung. Für Recherchen zur Spionage-App mSpy hat er gemeinsam mit Chris Köver 2026 den Sonderpreis Print des Datenschutz Medienpreises DAME erhalten.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042


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6 Kommentare zu „Jetzt beginnt die automatisierte Überwachung“


  1. Freidenker

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    Man kann nur an alle Berliner appellieren, bei der Wahl im September die jetzige Koalition in den Wind zu schiessen und dann andere Parteien diesen Wahnsinn stoppen. Oder Gerichte es tun.

    Jedenfalls weiss ich jetzt, wohin ich in Berlin ganz sicher nicht hingehen werde, wenn ich mal da bin.


  2. „Krass, ich hatte ja keine Ahnung.“

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    > Auch ein Mensch, der an einem bekannten Treffpunkt von Drogennutzer*innen steht, …

    Was da stattfindet ist die Stadtbild-Pflege derer, die Menschen des unteren sozialen Endes von ihren bevorzugten Orten vergrämen wollen.

    Wo aber taumelt der exzessive und umsatzstärkste Drogenkonsum in der Stadt zu immer neuen Höchstmarken? Dort wo Drogen-Taxis störungsfrei Kunden in den besten Wohnlagen beliefern. Das sind die „No-Go-Areas“ der Drogenfahndung, dort schaut man gezielt weg.


  3. Anonym

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    Idee: Fast alle Kameras dort werden umzingelt sein von privaten Häusern, Fenstern, Eingängen, Läden usw. Dome-Kameras verstecken absichtlich ihre Ausrichtung. Es wird eine Überwachung nach allen Seiten suggerient. Keiner der Anwohner oder Geschäftsinhaber dort muss die Videoüberwachung seiner Flächen tolerieren. Auch nicht, wenn die Wand der eigenen Wohnung nur klein 100m im Hintergrund zu sehen ist. Schon wenn ein Teil der Betroffenen durchsetzen würde, dass mit BLENDEN VOR allen Kameras eine Überwachung ihrer Flächen ERKENNBAR unmöglich gemacht wird, würde dies die Sichtbereiche der Kameras auch im öffentlichen Raum etwas einengen. Womit man sich nicht zufrieden geben darf sind Schwärzungen in Software. Niemand kann einer Kamera ansehen, ob einzelne Bereich später in Software geschwärzt werden oder nicht.


  4. Und bald wird die AfD die politische Macht übernehmen.

    Sie wird sich, angesichts der elektronischen Überwachungsmöglichkeiten freuen, ihre „Gegner“ zu klassifizieren.


    1. Herbert

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      Können wir da alle Akteneinsicht als Passanten anfordern? Wenn es Maßnahmen gegen micht gibt muss ich ja in jedem Fall Akteneinsicht bekommen und einen Mitschnitt der gesamten Daten? Einer Klage dagegen würde ich mich sofort anschließen.


      1. Martin Schwarzbeck

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        Meines Wissens theoretisch ja, praktisch müsste man dafür auf jeden Fall der Polizei biometrische Informationen zukommen lassen, damit die herausfinden kann, auf welchem Kamerastream eins wann zu sehen ist. Würde mich interessieren, was da bei so einer Anfrage herauskommt!

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