Die Hütte brennt!
Wir gehen rein.

Die Hütte brennt! Wir gehen rein.

Deine Spende rettet Grundrechte.

Folge von US-Sanktionen: Internetkollektiv Autistici/Inventati stellt Betrieb ein

Keine zwei Wochen, nachdem die US-Regierung das italienische Internetkollektiv Autistici/Inventati zur Terrorgefahr erklärt hatte, drehen die Aktivist:innen ihre kostenlosen Online-Dienste ab. Nutzer:innen sollten rasch handeln und ihre Daten sichern.

  • Tomas Rudl
Ein an Renaissance-Maler erinnerndes Foto, im Mittelpunkt der hell erleuchtete und blutende Kopf eines Mannes, von hinten fotografiert.
Antifaschistische Gruppen haben es zunehmend schwer: Zuletzt floss auf einer anarchistischen Demonstration in Rom Blut. (Symbolfoto) – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / Independent Photo Agency Int.

Das italienische Internetkollektiv Autistici/Inventati (A/I) macht dicht. Alle Online-Dienste werden in den nächsten Tagen eingestellt, gab das Kollektiv gestern bekannt.

„Wir hören auf, aber der Widerstand und die Ideen hören nicht auf“, heißt es in einer Erklärung von A/I. „Schaltet jetzt eure PCs aus, verlasst eure Wohnungen, kämpft, umarmt einander und lächelt weiter. Bleibt menschlich.“

Ende August hatten die USA das linke Kollektiv als „Globale Terroristen“ eingestuft und zugleich mit scharfen Sanktionen belegt. US-basierte Zahlungsdienstleister wie PayPal drehten daraufhin die Accounts des spendenfinanzierten Projekts ab. Domains gingen verloren, und selbst ihre italienische Bank kündigte ihr Konto, um möglichen Sekundärsanktionen auszuweichen.

„Haben keine Wahl“

Das Kollektiv stellte linken Gruppen und Personen seit rund 25 Jahren kostenlos digitale Infrastruktur bereit und hostete tausende Mail-Accounts, Blogs oder Web-Auftritte. Aus Sicht der USA habe es damit weltweit linksextremistische Gruppen materiell unterstützt. Autistici/Inventati weist die Vorwürfe zurück.

Man trage Verantwortung gegenüber seinen Nutzer:innen und habe letztlich keine Wahl, begründet das Kollektiv die Einstellung der Dienste. Selbst eine lose Verbindung zu A/I könnte rechtliche und finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen, so die Befürchtung. „Wir können uns nicht auf einen Kampf einlassen oder uns Manipulationen aussetzen, die das Leben dieser Menschen und ihrer Liebsten gefährden und sie Autokraten, Faschisten sowie Behörden ausliefern, die außerhalb des Rechtsstaats handeln.“

Die Einstufung des linken Kollektivs als „Terroristen“ durch die Trump-Regierung ist ein weiteres Drehen der Eskalationsspirale. Im Vorjahr erklärte der rechte US-Präsident den nebulösen Oberbegriff „Antifa“ zu einer terroristischen Gefahr.

Alles netzpolitisch Relevante

Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.

Jetzt abonnieren

Attacken auf linke Gruppen

Darauf folgten Sanktionen gegen unliebsame linke Gruppen in aller Welt, unter anderem die deutsche „Antifa-Ost“. Auch hierbei bekam das Umfeld einen Teil des Schadens ab: Zwei Banken kündigten die Konten der linken Solidaritätsorganisation Rote Hilfe, mutmaßlich als Folge der US-Sanktionen.

Ob solche Sanktionen sowie sich daraus ergebende Folgeschäden in dieser Form legal sind, bezweifeln viele Expert:innen. Im Fall der Roten Hilfe läuft inzwischen ein Hauptsacheverfahren, welches die Rechtmäßigkeit der drastischen Maßnahmen grundsätzlich gerichtlich klären soll. Ob Autistici/Inventati ebenfalls vor Gericht ziehen wird, ist derzeit unklar.

Jetzt geht es erstmal darum, die Sicherheit der A/I‑Nutzer:innen zu gewährleisten. Demnächst werde das Kollektiv Anleitungen zur Verfügung stellen, wie sich Daten aus Mail-Postfächern, Webseiten und Blogs sichern lassen, kündigt das Kollektiv in seiner Erklärung an.

Allerdings tickt die Uhr: Das Schicksal der Domain autistici.org, die über Nacht unerreichbar wurde, könnte auch anderen Domains des Kollektivs drohen: „In den nächsten Tagen könnten ähnliche Probleme auftreten, die wir möglicherweise nicht vorhersehen können.“

Über die Autor:innen

  • Tomas Rudl

    Tomas ist in Wien aufgewachsen, hat dort für diverse Provider gearbeitet und daneben Politikwissenschaft studiert. Seine journalistische Ausbildung erhielt er im Heise-Verlag, wo er für die Mac & i, c't und Heise Online schrieb.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Bluesky

    Foto: Darja Preuss


Veröffentlicht

Kategorie

Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

10 Kommentare zu „Internetkollektiv Autistici/Inventati stellt Betrieb ein“


  1. Danke für den Bericht!
    Gibt es eine Übersicht zu den Sanktionen? Im Artikel steht: paypal, domain: .org, Bankkonto. Vielleicht kann ja im Vorfeld etwas vermieden werden? Ändert nur bedingt etwas, wäre aber interessant.
    Danke!


    1. Tomas Rudl

      ,

      Hier gibt es eine detaillierte Übersicht samt Timeline, wann was abgeklemmt wurde:

      https://keepitfree.ai/announcements/press-release/


  2. „Wir haben keine andere Wahl“. Bin mit PirateBay, Wikileaks und Kino.to aufgewachsen, dabei stand ich unter der Illusion, dass es nicht so einfach ist, jemandem auf Zuruf den Saft abzudrehen.

    Hoffe, verbleibende Kollektive und Vereine ziehen ihre Lehren daraus und aktualisieren nicht nur ihre In Memoriam-Listen. Widerspruch einlegen ging nicht, oder war die Luft nach 25 Jahren einfach raus?

    Kleiner Überblick über die Infrastruktur der Kontrolle aka „Der Autoritäre Stack“, authoritarian-stack.info


    1. Widerstand einlegen geht tatsächlich nicht, da es sich hierbei nicht um eine rechtsstaatliche Maßnahme handelt und die USA sowieso keine internationalen Gerichte und Entscheidungen anerkennen – eines der ersten Opfer war schließlich der internationale Gerichtshof selbst. Vielleicht drängen „Strafsteuern“ bis zur orangenen Qualzucht vor (brächten aber sonst keinen Nutzen).
      Die Inhalte sind eine weitere Kulturerrungenschaft, die vor der Zerstörung durch die USA gerettet werden sollte, via Safeguarding Research (safeguar.de) vielleicht. Weiß jemand, ob es schon Archive gibt, die dezentral abgesichert werden können?


      1. Ergänzung: ein erstes Puzzlestück erschien bereits hier: https://sciop.net/tags/autistici-inventati


      2. Tomas Rudl

        ,

        >Weiß jemand, ob es schon Archive gibt, die dezentral abgesichert werden können?

        Soweit ich weiß, wird derzeit an einem Spiegel gearbeitet, spruchreif ist es aber noch nicht.


      3. „Widerstand einlegen geht tatsächlich nicht,“

        Das ist natürlich falsch. Der Rechtsweg in den USA steht offen, der ist halt lang, teuer und nur begrenzt erfolgversprechend, und hat mW keine aufschiebende Wirkung. Ebenso steht der Rechtsweg in Italien zB bzgl. Konten lokaler Banken offen, auch das erfordert Aufwand, Geld und Zeit.

        „da es sich hierbei nicht um eine rechtsstaatliche Maßnahme handelt“

        Das sieht die US Administration natürlich anders.


  3. Naja, man sehe es mal so: Open Source gewinnt, nicht der einzelne Hoster.


  4. Jule Seum

    ,

    herzlichen Dank für den Bericht. Es gerät zu oft aus dem Focus, wo überall Hebel zur Destabilisierung von Demokratie angesetzt werden


  5. Notorisch Rhetorisch

    ,

    Da kann man eigentlich nur Fragen: Wann wird Deutschland und die EU die USA und deren Rechte Terrorherrschaft endlich mal als „Terroristische Bedrohung“ einstufen – und hier verbieten/aussperren.

    Und, was passiert DANN? Droht uns der Orangenmann mit dem „TOTALEN“ Atomkrieg? :-/

    Wir sollten schnellstmöglich souverän werden in allem was wichtig ist – notfalls unter Opferung der zweitrangigen Verbindungen. Man stelle sich nur mal vor wie das US-Regime in 2 Jahren herum fuhr werkt.

    Gibt es keine Unabhängige EU Bank die für das Kollektiv weiter den Zahlungsverkehr abwickeln könnte, oder haben die alle die Hosen voll wg. der angedrohten Sekundärsanktionen? Könnten wir solche nicht ebenso verhängen – gegen Rechten Terror und dessen Unterstützer. Erste Ziele: Trump, Musk, AfD & Russland. Denn: Wer Krawall säht MUSS Sturm ernten. Ich glaube das ist die einzige Sprache die ansonsten merk-befreite verstehen. Dies wäre KEIN Aufruf zur Gewalt – sondern zum „Gegen-terror“ aus der Mitte heraus. ;-)

Schreibe eine Ergänzung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert