Kultur

10 Jahre „+KAOS“: Unabhängige Infrastruktur in Italien

Die italienische Gruppe Autistici/Inventati versteht sich selbst als „radikales Technologiekollektiv“. In einer nun veröffentlichten Buchübersetzung aus dem Italienischen erklärt das Kollektiv, wie sie kapitalistische Probleme mit Technologie umgehen lernten – und welche Hürden dabei zu meistern waren.

Polizisten bei Protesten in Genua 2001 gegen den G8-Gipfel. (Symbolbild) CC-BY 2.0 Ares Ferrari

Autistici/Inventati (A/I) betreibt seit Anfang der Nullerjahre unabhängige Infrastruktur wie Mailserver und Bloggingdienste für AktivistInnen. Ihre Ziele sind vor allem die Unabhängigkeit von Regierungen und Unternehmen sowie die Privatsphäre für Menschen, die das Internet nutzen. Im Jahr 2012, zehn Jahre nach Gründung des Kollektivs, resümierten die AktivistInnen ihr Schaffen in dem umfangreichen Buch +KAOS, weitere fünf Jahre später liegt nun die Übersetzung ins Englische vor.


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G8-Gipfel in Genua

Die AutorInnen beschreiben, dass das Projekt im Zuge des Widerstands gegen den G8-Gipfel großer Industrienationen in Genua, Italien, startete: „Für den Gegengipfel stellte die Provinz und die Stadt Genua jeweils hunderte Computer und zwei Gebäude“ (S. 66). Dort organisierten sie dann eigene Presseorgane wie das italienische Netzwerk von Indymedia, um der offiziellen Berichterstattung die eigene Perspektive entgegenzusetzen.

Ihren Namen „Autistici“ entnahmen die AktivistInnen der ironischen Selbstbezeichnung, quasi autistisch auf einen Bildschirm fixiert zu sein. Mittlerweile sehen sie ein, dass dieser Ausdruck nicht wirklich korrekt ist. „Inventati“ bedeutet, je nachdem wie ein Akzent gesetzt wird, entweder „sich selbst erfinden“ oder „die Erfundenen“ (S. 45).

Cover der englischsprachigen Ausgabe des Buches.

Nach Genua lernten die AktivistInnen voneinander und optimierten die Server sicherheits- und privatsphäretechnisch. In derselben Zeit, 2002, druckten sie T-Shirts mit der Beschriftung „+kaos“ für ihre Fundraising-Kampagne, die später namensgebend für ihr Buch war.

Aus Kapazitätsgründen mussten sie früh auf kommerzielle Anbieter für ihre Server zurückgreifen – was folgend zu vorwiegend juristischen Problemen führen sollte. Da die italienische Zuggesellschaft Trenitalia dem Militär hilft, Panzer und Waffen zu transportieren, entwickelten Einzelne aus dem Kollektiv 2004 eine Satire-Website. Auf Grundlage der Original-Website des Unternehmens verwies jedoch diese Version auf das blutige Geschäft, das von den Militärs betrieben wurde. Obwohl die Seite nach einem Gerichtsbeschluss nur kurz offline war, zeichneten sich grundsätzliche Probleme mit kommerziellen Anbietern ab.

Plan R*

Nachdem nämlich Behörden persönliche Informationen und Logs zu der E-Mail-Adresse einer Person erhalten wollten, stellte sich später heraus, dass diese Behörden Zugang zu den kommerziellen Serverräumen erhielt. So durchsuchten Polizisten im Juni 2004 Server und konnten jegliche Schlüssel und Informationen, die dort lagen, mitnehmen. Erst im Mai 2005 erfuhr A/I von dieser Maßnahme.

Folgerichtig sah sich das Kollektiv gezwungen, den Server abzuschalten, aufzuräumen – und nicht mehr kommerziellen Anbietern zu vertrauen. Plan R* war geschaffen: Jegliche Server sollten in den eigenen Händen und denen von Freunden sein. Bomboclat von A/I fasste die Auffassung des Kollektivs zusammen: „Unsere übliche Paranoia mag übertrieben scheinen, aber es stellt sich normalerweise als vorteilhaft heraus“ (S. 91).

Plan R* umfasste eine 7.000-Kilometer-Tour durch Europa, um Server aufzubauen und weitere AktivistInnen kennenzulernen. Das R steht für „R*esist, cR*ypto, oR*gasm“ (S. 93). Obwohl das Kollektiv dies im Vorhinein nicht beabsichtigte, wurde es nun zu einem Provider. Heutzutage betreibt Autistici/Inventati über 16.000 E-Mail-Konten für ihre NutzerInnen und auf der in Deutschland bekannten Plattform noblogs.org auch Tausende Blogs.

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