Akademische ForschungSci-Hubs Kampf gegen privaten Besitz von Wissenschaft

Das Online-Portal Sci-Hub hat ein einfaches Versprechen: Akademische Forschung für alle zur Verfügung zu stellen, gratis. Hoçâ Cové-Mbede hat die Gründerin Alexandra Elbakyan zu den kommunistischen Idealen der Plattform und den Argumenten für Informationsbefreiung interviewt.

Eine Collage bestehend aus einem Selfie vor dem Spiegel der Sci-Hub Gründerin Alexandra Elbakayan und einem Raben mit einem Schlüssel im Schnabel, das Logo des Portals.
„Wissenschaft war von Anfang an mit Kommunikation und der Idee, etwas gemeinsam zu machen, verbunden. Daher steht der private Besitz von Wissenschaft durch Konzerne im Widerspruch zur Wissenschaft selbst.“ – Alle Rechte vorbehalten Hoçâ Cové-Mbede

Seit fast zehn Jahren veröffentlicht die kasachische Programmiererin Alexandra Elbakyan Texte aus der Wissenschaft auf ihrem Online-Portal Sci-Hub. Sie bietet damit freien Zugang zu Arbeiten und Journalen, die sonst hinter Paywalls abgeschottet sind. Nach Angaben der Plattform übersteigt die Anzahl der gehosteten Artikel derzeit 85 Millionen, was sie zu einem häufigen Ziel von Urheberrechtsklagen macht. Doch auch wenn sie viele Kritiker:innen hat, Elbakyan wird von zahlreichen Akademiker:innen für ihren radikalen Ansatz gelobt, Wissenschaft zu demokratisieren.

Dieses Interview wurde von Hoçâ Cové-Mbede geführt, Schriftstellx, Grafikdesignx und Kulturschaffendx. Hoçâ verarbeitet Themen auf Grundlage von Interviews zu multimedialen Kunstwerken weiter. Hoçâ interessiert sich für Silicon-Valley-Kritik, Guerilla-Medien, Überwachungsästhetik, Technologie + Information und Kapitalismus. Cové-Mbedes Arbeit wurde auf Plattformen wie dem Institute of Network Cultures, The Wrong Biennale, TTT in Art & Science, The Quietus und Metal Magazine veröffentlicht.

Seit Veröffentlichung des Interviews hat Hoçâ den eigenen Namen zu H C-(M) geändert.

Alleine gegen die Paywall

Hoçâ Cové-Mbede: In mehreren Portraits wirst du mit anderen Projekten oder Persönlichkeiten verglichen, die historisch und kulturell mit der Online-Piraterie in den USA verbunden sind – von Piratebay, Megaupload und Napster bis hin zu Wikileaks, Edward Snowden und Chelsea Manning. Was denkst du darüber, wie die Medien über Sci-Hub berichten? Ich denke insbesondere an einen Artikel in Nature aus dem Jahr 2016 und ein Profil in The Verge aus dem Jahr 2018, die beide regelmäßig im Zusammenhang mit Sci-Hub zitiert werden.

Alexandra Elbakyan: Meiner Meinung nach war die Medienberichterstattung über Sci-Hub sehr spärlich, unfair und parteiisch. Ich würde sogar sagen, dass die Diskussion über Sci-Hub in den Medien zensiert wurde. Sci-Hub ist eine echte Revolution in der Wissenschaft, vergleichbar mit CRISPR, aber die Medien ziehen es vor, darüber zu schweigen.

Sci-Hub startete 2011 und wurde von Anfang an als revolutionäres Open-Science-Projekt anerkannt und gewann große Popularität unter Forscher:innen. Aber erst im Jahr 2016 begannen Artikel über Sci-Hub in den Medien zu erscheinen. Diese Zensur ist vielleicht das Ergebnis einer allgemeinen Wahrnehmung von Sci-Hub als ein russisches Projekt im Verhältnis zu den USA.

Ich würde sagen, dass die Diskussion über Sci-Hub in der Zeitschrift Nature sehr klein im Vergleich zu den tatsächlichen Auswirkungen von Sci-Hub ist. Insbesondere veröffentlichte Nature sehr detaillierte, bebilderte Beschreibungen von offenen Wissenschaftsprojekten wie Unpaywall. Dabei ist Unpaywall winzig im Vergleich zu Sci-Hub, aber Nature veröffentlichte nur sehr kurze Stücke über Sci-Hub, ohne Bilder. Daher werden einige Leser:innen der Zeitschrift Nature, die nicht viel über das Thema wissen, den falschen Eindruck haben, Unpaywall wäre viel größer als Sci-Hub, weil Nature es ausführlich beschrieben hat, während die Auseinandersetzung mit Sci-Hub begrenzt war. Aber in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Unpaywall ist winzig im Vergleich zu Sci-Hub. Wenn Nature unvoreingenommen gegenüber Sci-Hub wäre, würde es Sci-Hub 2016 auf sein Titelbild setzen.

Du hast Recht, dass selbst die Artikel über Sci-Hub, die in den Medien erschienen sind, sich nicht auf das Projekt selbst, sondern auf Vergleiche konzentrieren und versuchen, Sci-Hub herabzusetzen und als zweitrangig darzustellen, während es in Wirklichkeit revolutionär und einzigartig ist. Im Verge-Artikel haben Journalist:innen ein verzerrtes Bild von meinem Konflikt mit dem russischen Wissenschaftsfonds „Dynastie“ dargestellt. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, mich nach den von ihnen gesammelten Informationen zu fragen, damit ich sie kommentieren kann!

Falsche Informationen erscheinen nicht nur in den Medien, sondern auch in seriöseren Quellen, wie in Büchern wie „Shadow Libraries“, herausgegeben vom MIT und in Dissertationen. Ich habe einige von ihnen gelesen und es gab schwerwiegende Fehler in meiner Biographie und der Beschreibung von Sci-Hubs Funktionsweise. Wiederum haben sich die Autor:innen dieser Arbeiten nicht einmal die Mühe gemacht, mich zu kontaktieren, um die Fakten zu überprüfen! Dabei war ich immer per E-Mail erreichbar.

In den russischen Medien ist der Stand der Dinge jedoch viel schlimmer! Es wird ein extrem unfaires Bild von mir transportiert; gute Fakten über Sci-Hub werden nicht veröffentlicht. Ich werde als eine Person dargestellt, die den Zugang zu akademischer Literatur blockiert, während in der Realität das Gegenteil der Fall ist. Ich habe den Zugang geöffnet und nicht blockiert.

Außerdem bebildern die Journalist:innen ihre Artikel mit dem schrecklichsten Foto von mir, das sie finden können, anstatt mich zu bitten, ihnen ein gutes Foto zu schicken. Man könnte fast vermuten, dass einige der schlechten Medienveröffentlichungen über mich und Sci-Hub direkt vom Wissenschaftsverlag Elsevier bezahlt werden.

Hoçâ Cové-Mbede:Warum glaubst du, dass juristische Mittel immer das Argument des Kapitalverlusts heranziehen, um offene Wissensnetzwerke und Archive zu bändigen?

Alexandra Elbakyan: Es gibt eine riesige Industrie rund um das wissenschaftliche Publizieren und das Urheberrecht im Allgemeinen, die genug Geld und Macht hat, um den Status quo zu unterstützen.

Hoçâ Cové-Mbede: Glaubst du, gegen dich verordnete Maßnahmen, wie die von Elsevier angeordnete juristische Verfolgung zur Einstellung von Sci-Hub, ähneln mittelalterlichen Flüchen, die vor dem Diebstahl von Büchern schützen sollten?

Alexandra Elbakyan: Im Mittelalter wurden Bücher von Hand kopiert und das war eine sehr mühsame Aufgabe und Bücher waren kostbar. Um Bücher vor Diebstahl zu schützen, war es daher eine beliebte Methode, einen Fluch am Anfang oder Ende des Buches einzufügen, so dass jemand, der das Buch stiehlt, verflucht wird und in die Hölle kommt oder eine Krankheit bekommt oder etwas anderes sehr Schlimmes mit ihm passiert. Da Elsevier und andere Verlage auch darauf bestehen, dass ihre Bücher und Artikel von solchen Webseiten wie Sci-Hub und Library Genesis gestohlen werden, dachte ich, dass das ziemlich lustig ist und sie doch auch versuchen könnten, Flüche zu benutzen, um ihre Artikel und Bücher zu schützen. Vielleicht ist das eine bessere Methode als uns wegen des Urheberrechts zu verklagen?

Hoçâ Cové-Mbede: Es ist faszinierend, wie die USA-Russland-Beziehung während des Kalten Krieges einen wichtige Grundlage ist, um Verschwörungen und Ursprungstheorien zu den Absichten von Sci-Hub zu generieren. Obwohl du wiederholt darauf bestanden hast, dass Sci-Hub ein Projekt ist, das du selbst 2011 begonnen hast. Diese Theorien legen eine Fülle von Möglichkeiten nahe, von einem vollständig staatlich finanzierten Projekt des russischen Geheimdienstes bis hin zu einer laufenden Untersuchung unter der Leitung des US-Justizministeriums, die Sci-Hub als verdecktes Spionageprojekt ins Visier nimmt. Was ist deine Antwort auf diese Anschuldigungen und was steckt hinter dem ständigen Auftauchen von Verschwörungsmythen zu Sci-Hub?

Alexandra Elbakyan: Zunächst einmal sind diese Verdächtigungen verständlich: Sci-Hub ist ein offen kommunistisches Projekt, das aus der ehemaligen UdSSR beziehungsweise aus Russland stammt und ein Bild von Lenin auf seiner Twitter-Seite gepinnt hat. Ich habe an der Universität Informationssicherheit studiert, habe die Politik von Putin unterstützt und Sci-Hub verwendet angeblich gehackte Anmeldedaten, um sich in Universitätssysteme einzuloggen. All diese Fakten zusammengenommen ergeben ein klassisches Bild eines russischen Geheimdienstes. Auch US-Behörden können vermuten, dass Sci-Hub ein Versuch der russischen Regierung ist, US-Forscher zu beeinflussen.

Und der zweite Grund für Verschwörungen ist, dass Sci-Hub ein sehr cooles und fortschrittliches Projekt ist. Viele denken sich, wie konnte eine armenische Frau, die aus Kasachstan kommt, so etwas selbst erstellen? Hinter ihr muss doch ein Team von Entwicklern stehen und so weiter. Wir haben immer noch eine Menge Vorurteile gegenüber Frauen, vor allem jungen – immer noch denken viele Leute, dass Frauen nicht programmieren oder ernsthafte Arbeit in der IT leisten können – Vorurteile gegenüber Ethnien und Ländern. Denken Sie nur an den Film Borat über Kasachstan! Wer kann, nachdem er diesen Film gesehen hat, glauben, dass so etwas Großartiges wie Sci-Hub – und viele Leute halten es für großartig – aus Kasachstan kommen kann? Und so weiter. Das Lustigste an der Sache ist vielleicht, dass mich wegen all dem wohl niemand mehr für irgendeinen Job in Betracht ziehen würde. Alles, woran ich also arbeiten kann, ist ein Projekt wie Sci-Hub, das in allen Ländern illegal ist. Aber selbst dann wird diese Arbeit nicht als meine angesehen. Ich muss aber sagen, dass diese Vorurteile vor ein paar Jahren, als Sci-Hub begann, viel stärker waren. Jetzt werden sie schwächer.

Hoçâ Cové-Mbede: 2016 schrieb Marcia Mcnutt (die ehemalige Präsidentin der National Academy of Sciences) eine Kolumne für Science Magazine mit dem Titel „My love-hate of Sci-Hub“, in der sie argumentiert, dass das Herunterladen von Papers von Sci-Hub Kollateralschäden für Autor:innenen, Verlage, Universitäten, Stipendien, wissenschaftliche Ausbildung und andere Bereiche verursachen könnte. Für die Debatte über institutionalisiertes Wissen, die sie anstoßen möchte, ist das Szenario der Hassliebe aber irreführend. Ihr gesamter Text übergeht die Funktionen von Verlagssystemen, bestätigt aber eine Reihe an Ausbeutungen, wenn sie schreibt: „Zeitschriften haben reale Kosten, auch wenn sie Autor:innen oder Gutachter:innen nicht bezahlen. Denn sie sorgen in der Wissenschaftskommunikation für Genauigkeit, Konsistenz und Klarheit.“

Wenn Zugang Macht bedeutet und Macht durch große Mengen an Geld gespeist wird, worauf zielen dann die Standards des politisch korrekten Zugangs zu Informationen ab, wenn nicht auf Kapitalakkumulation?

Alexandra Elbakyan: Ich kann anmerken, dass Sci-Hub natürlich Schaden anrichtet: Schaden für den Status quo. Denn alte Wege, Dinge zu tun, sterben und eine neue Realität wird geboren – was als Schaden für alte Wege wahrgenommen wird, ist nur Transformation und Veränderung.

In ihrem Artikel sagt Marcia McNutt: „Autor:innen profitieren zum Beispiel nicht von den Download-Statistiken, die zunehmend verwendet werden, um den Einfluss ihrer Arbeit zu bewerten.“ Das scheint mir kein starker Einwand zu sein. Schließlich zeigt sich der wirkliche Einfluss, wenn eine Arbeit zitiert wird. Nicht, wenn sie heruntergeladen wird. Ich lade zum Beispiel viele Papers herunter, um sie „später“ zu lesen. Man kann ein Paper herunterladen und lesen, weil es einen eingängigen Titel hat, aber es kann sich letztlich als nutzlos für die eigene Arbeit herausstellen.

Sci-Hub sammelt Download-Statistiken. Sie sind zwar nicht öffentlich, aber alle Download-Statistiken werden seit 2011 aufgezeichnet und ich plane, in Zukunft die Anzahl der Aufrufe jedes Papers hinzuzufügen. So kann Sci-Hub aktualisiert werden, um solche Informationen bereitzustellen.

In dem Artikel heißt es weiter: „Bibliotheken können die Nutzung der von ihnen bereitgestellten Zeitschriften nicht richtig nachverfolgen und könnten am Ende Titel einstellen, die für ihre Institution nützlich sind. Wenn Institutionen Abonnements kündigen, wird die Fähigkeit von gemeinnützigen wissenschaftlichen Gesellschaften, Zeitschriften bereitzustellen und ihre Forschungsgemeinschaften zu unterstützen, verringert.“

Meiner Meinung nach ist es sehr gut, wenn Institutionen Abonnements kündigen, denn wir müssen dieses veraltete Abonnementmodell loswerden. Denn es funktioniert, indem es es den Zugang zu Wissen für alle blockiert, die nicht für das Abonnement bezahlt haben. Das ist kein Schaden, sondern eine gute Sache.

Dann wird gesagt, dass Zeitschriften reale Kosten haben. Meine Antwort darauf ist, dass die Preise, die derzeit für Abonnements verlangt werden, nicht zur Kostendeckung dienen, sondern einfach dazu, große Gewinne zu machen. Das wird verdeutlicht, wenn Papers, die in den 2010er Jahren und früher veröffentlicht wurden, hinter einer Paywall stecken. Warum? Es gibt keinen Grund – die Papers sind vor mehr als zehn Jahren veröffentlicht worden, die Kosten für die Veröffentlichung doch sicher bereits gedeckt. Sie könnten kostenlos sein, werden aber unter Verschluss gehalten, um mehr Profit zu machen.

Hoçâ Cové-Mbede: Die globale Verteilung von Texten durch Sci-Hub generiert nicht nur wissenschaftliches Kapital, sondern auch kulturelles Kapital, eine nie dagewesene Verfügbarkeit von Wissen. Von Sprachbarrieren mal abgesehen, könnte die Entwicklung von Forschung in wissenschaftsschwachen Ländern in den nächsten zehn Jahren dank gestohlener Wirtschafskommunikation einen erheblichen Zuwachs erfahren.

In einer Präsentation, die du dieses Jahr über die Mythologie der Wissenschaft mit dem Titel „The Open Science Idea“ gehalten hast, hast du eine unerwartete Aussage getroffen: Die moderne Wissenschaft ist aus dem Diebstahl entstanden.

Was ist der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Kommunismus und Diebstahl innerhalb deiner Studien über die Kulturgeschichte der Wissenschaft?

Alexandra Elbakyan: Seit etwa 2010 betreibe ich Astrologie als Hobby (ja, ich weiß, das gilt als Pseudowissenschaft) und in der modernen Astrologie gibt es den Planeten Merkur, der für die gesamte Kommunikation und den Informationsfluss verantwortlich ist. Das liegt daran, dass Merkur ein alter Gott der Sprache und Rede, des Handels, des Reisens und des Diebstahls ist. Ich dachte, dass das sehr gut mit der Mission von Sci-Hub übereinstimmt :-D und die gemeinsame Idee hinter all diesen verschiedenen Aktivitäten ist die Idee der Kommunikation. Wir können ähnliche Götter in anderen Kulturen finden, die auch Götter des Wissens sind. Der Gott Merkur entwickelte sich später als Gott der Alchemie, Astrologie oder der frühesten Formen der Wissenschaft. Hier sieht man, Wissenschaft war von Anfang an mit Kommunikation und der Idee, etwas gemeinsam zu machen, verbunden. Daher steht der private Besitz von Wissenschaft durch Konzerne im Widerspruch zur Wissenschaft selbst.

Hoçâ Cové-Mbede: Bemerkenswert ist auch der große Kontrast zwischen den Aussagen von Elsevier und Sci-Hub und wofür beide in Bezug auf Macht und Information stehen und standen. Ich habe mich immer über den Ursprung des Logos von Sci-Hub gewundert, denn in diesem Fall gehen die Graphiken über das Symbolische hinaus.

Alexandra Elbakyan: Die Geschichte des Sci-Hub-Logos ist weniger faszinierend als sie scheint. Als Sci-Hub im Jahr 2011 startete, war das erste Logo ein einfacher sowjetischer Hammer und Sichel, und wenn der Mauszeiger darüber schwebte, erschien ein Text, der besagte: „Kommunismus ist … kollektiver Besitz der Produktionsmittel mit freiem Zugang zu Konsumgütern.“

Diese Kommunismus-Definition, die ich von einer Wikipedia-Seite übernommen hatte, passte sehr gut zu Sci-Hub. Ich hatte Glück, denn frühere oder spätere Versionen von Wikipedia-Artikeln über Kommunismus, enthalten nichts über den „freien Zugang zu Konsumgütern“.

2014 habe ich eine Gruppe in einem sozialen Netzwerk erstellt, um Sci-Hub-Benutzer:innen zusammenzubringen (vk.com/sci_hub), zuerst habe ich die Mendelejew-Tabelle als Logo verwendet, danach war es eine alchemistische Schlange. Später entschied ich mich, in Google nach einem Bild mit einem Schlüssel und Büchern zu suchen, um ein Gruppenlogo zu verwenden, und fand diesen Raben, der auf Büchern sitzt und einen Schlüssel hält. Ich liebte dieses Bild und stellte es sofort als Logo in die Gruppe des sozialen Netzwerks Sci-Hub ein. 2015 beschloss ich, die Sci-Hub-Website neu zu gestalten und ein modernes Design zu schaffen und verwendete das Rabenlogo der Gruppe als Logo.

Hoçâ Cové-Mbede: Nachdem du nun interessante Wege gefunden hast, um Informationsmuster geschichtlich untersuchen, was ist deine Zukunftsvision, um Filesharing in einer bereits fest etablierten und regulierten Konsumlandschaft neu zu besetzen?

Alexandra Elbakyan: Es ist ziemlich schwer, die Zukunft vorherzusagen, aber ich hoffe, dass mit Sci-Hub alles in Ordnung sein wird und es Millionen von täglichen Besucher:innen haben wird, statt nur einer halben Million. Und dass es als legales Projekt anerkannt wird.

Hoçâ Cové-Mbede: Wir befinden uns inmitten von wichtigen Veränderungen auf institutioneller, unternehmerischer und kultureller Ebene im Kontext von Open Science und Zugang zu Informationen. Im Juni 2020 beendete das MIT Verhandlungen mit Elsevier über einen neuen Vertrag. Vor kurzem hat auch die University of California neue Verhandlungen zu Open-Access-Beschlüssen mit dem Unternehmen eingeleitet. Gleichzeitig führen viele Universitäten neue Protokolle und Initiativen ein, um einen breiten und freien Zugang zu akademischen Ressourcen zu ermöglichen. Hältst du die jüngsten Maßnahmen akademischer Organisationen für ausreichend, um die Paywall-Wirtschaft abzuschaffen?

Alexandra Elbakyan: Wie wir sehen können, gibt es immer noch Paywalls, und Sci-Hub bekommt eine Menge Traffic. Es könnte helfen, wenn alle – oder die meisten – Wissenschaftsorganisationen aufhören würden, Paywall-Systeme zu unterstützen, nicht nur das MIT und die University of California.

Hoçâ Cové-Mbede: Im Mai 2020 wurdest du von Fergus Kane für den John-Maddox-Preis nominiert, nach fast Zehn Jahren im kapitalistischen Fahrwasser. Ein kurioser Umstand ist dabei, dass der Preis von der internationalen Wissenschaftszeitschrift Nature unterstützt wird, deren News-Team über den Rechtsstreit von Sci-Hub am New Yorker Gerichtshof negativ berichtete. Wie stehst du zu dieser Nominierung und wie bedeutsam könnte sie für das Potenzial von Sci-Hub sein?

Alexandra Elbakyan: Ich habe schon in sozialen Netzwerken schon öfter gesehen, dass Leute sagen, dass ich für Sci-Hub einen Nobelpreis bekommen sollte! Also ich erwarte den Nobelpreis, nicht nur John Maddox-Preis. Aber natürlich ist der Umstand des Preises genauso ungerecht wie der Umgang der Medien. Sci-Hub existiert seit zehn Jahren und wird von Forschern auf der ganzen Welt gelobt – und manchmal verehrt. Viele Leute sagen, dass sie ohne Sci-Hub kaum in der Lage wären, Wissenschaft zu betreiben. Das Projekt ist extrem populär und wird als revolutionär angesehen und… hat in zehn Jahren seiner Existenz keinen einzigen Preis bekommen! Selbst winzige Entdeckungen und Fortschritte in der Wissenschaft erhalten einen Preis nach dem anderen, und Sci-Hub bekommt Jahr für Jahr keinen Preis – trotz seiner enormen Popularität und Wirkung!

Die Nominierung für den John Maddox-Preis ist ein kleiner Schritt in Richtung Gerechtigkeit.

Hoçâ Cové-Mbede: Kannst du die Aussage, die du über die Ähnlichkeiten zwischen Elon Musks Neuralink und deinem bereits 2010 entwickelten Projekt Global Brain gemacht hast, näher erläutern?

Alexandra Elbakyan: Ich habe in meinem Blog viel über neuronale Chips geschrieben und an Konferenzen zu diesem Thema teilgenommen. Und jetzt arbeitet Elon Musk an genau denselben Dingen, an denen ich arbeiten wollte und über die ich vor zehn Jahren gesprochen habe. Aber da findet mehr Öffentlichkeit statt als eigentliche Arbeit. Es ist noch nichts fertig, aber jeder auf der ganzen Welt weiß von diesem Neuralink – wenn man also über Gehirnchips oder Gehirn-Maschine-Schnittstellen spricht, denken die Leute sofort, dass man Elon Musk irgendwie kopiert, ja? Aber das Thema Gehirnchips ist schon ziemlich alt. Versuche, etwas Ähnliches zu entwickeln und zu diskutieren, gab es schon 2003 und früher. Das hat alles weit vor Elon Musk begonnen, aber die Werbung funktioniert eben so, dass die meisten Leute denken, das sei Elon Musks Neuralink.

Etwas Ähnliches geschah mit Aaron Swartz. Sein Name wurde so stark mit dem Thema „kostenlose wissenschaftliche Arbeiten“ in Verbindung gebracht, dass die Leute, als sie schließlich von Sci-Hub erfuhren, es als nichts weiter als eine Schattenkopie der Arbeit von Aaron Swartz wahrgenommen haben. Während das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Das Projekt Sci-Hub ist gestartet und populär geworden, bevor Aaron Swartz gestorben und berühmt geworden ist.

Sci-Hub war ein einzigartiges und äußerst revolutionäres Projekt, aber es wurde als Schattenkopie wahrgenommen, weil es erst bekannt wurde, nachdem der Name einer anderen Person mit der Idee der Befreiung der Wissenschaft durch den Diebstahl von Forschungsunterlagen in Verbindung gebracht wurde. Am Anfang hat es sich angefühlt, als würde Sci-Hub hart daran arbeiten, sich von diesem „Nachahmer“-Image zu befreien.

Und ich frage mich, ob etwas Ähnliches bei Neuralink passiert. Elon Musk ist dem Kommunismus gegenüber sehr abgeneigt, wie man von seinen Tweets ablesen kann. Ich frage mich also, ob Sci-Hub irgendwie der Grund für Elon Musks Neuralink war.

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2 Ergänzungen

  1. Auch religionshistorisch hat Alexandra Elbakyan Recht, wenn sie eine Nähe von Wissen(schaft) und Diebstahl feststellt. Diese findet sich nicht nur in der Mythologie des Merkur (und seines griechischen Vorläufers Hermes). Auch der mythische Erzählung vom Prometheus, der den Göttern das Feuer stiehlt, um es den Menschen zu bringen, gehört dazu. Die Gewinnung des Feuers steht in der Realgeschichte am Beginn der neolithischen Revolution, d.h. der Steinzeit. Auch wenn die Methoden von Elsevier und Co. auf uns Heutige steinzeitlich wirken – sie sind es nicht wirklich. Twinkersmile.

  2. Verstehe gar nicht, warum sie Probleme mit der Wahrnehmung als Nachahmerin hat. Vorläufer gibt es immer, die Älteren hier werden sich vielleicht noch an Avaxhome erinnern, das inzwischen halt zur Spambude geworden ist. Das waren noch Zeiten …

    Das Problem mit den Paywalls verstehe ich auch nicht. Wer nutzt denn noch die Verlagsseiten direkt? Ist doch viel einfacher und halt kostenlos, wenn man direkt zu Sci-Hub bzw. LibGen geht, und ich habe den Eindruck, dass das inzwischen Standard bei Wissenschaftlern ist.

    Nach meinem Wissensstand ist Piraterie in Russland nicht illegal. Dazu etwa: Bonik M (2016) Putins Internetpiraten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Forschung und Lehre vom 13.4.2016, S N4. Blöd für AE halt, dass sie nicht mehr in Länder reisen kann, die Auslieferungsverträge mit den USA haben.

    Nature hat sie übrigens schon mal als Scientist of the Year ausgezeichnet, was sehr lustig ist, wenn der Verlag von Nature gleichzeitig gegen sie prozessiert: https://tarnkappe.info/sci-hub-alexandra-elbakyan-zur-wichtigsten-forscherin-2016-gewaehlt/
    Hätte mir noch ein bisschen mehr zu den ökonomischen Hintergründen gewünscht: Wissenschaftsverlage wie Elsevier sind traditionell hochprofitable Unternehmen, ein Ebitda von 30% ist nichts Ungewöhnliches; Banken oder Supermärkte machen vielleicht ein Prozent. Mit dem Aufkommen von E-Books kam auch deren Piraterie auf. Die Wissenschaftsverlage haben dann den Universitätsbibliotheken Flatrates angeboten, was ja erstmal eine gute Idee ist, aber die Preise waren halt abartig, und das bei einem Produkt, für das die Verlage kaum irgendwas investieren müssen. Mit dem Aufkommen von Sci-Hub ist dieses Geschäftsmodell allerdings bröckelig geworden, weswegen jetzt Open Access forciert wird. Irgendwas mit „Open“ klingt ja auch erstmal gut, es läuft aber darauf hinaus, dass halt jetzt die Autoren bzw. die hinter ihnen stehenden Institutionen bzw. die Drittmittelgeber dafür blechen sollen, wenn etwas veröffentlicht werden soll. Kurz gesagt: Wenn du als Wissenschaftler bei impact-starken Magazinen veröffentlichen willst, solltest du Knete mitbringen.

    Hier noch zwei Links, die nicht mehr ganz taufrisch sind, aber vielleicht durchaus informativ:
    https://www.readcube.com/articles/10.1007/s00287-016-0987-0?author_access_token=Vo0bFNhx7pc28fpcZAtcuPe4RwlQNchNByi7wbcMAY6JC7VbcUk_ZDGWdVpblIRmBBIcHr6oyKZ7NR-4x3J4KEt7zCr52JU1cgtYbWTOb5LOlKMsGQ8PVsezqqfbuVab_YUa1g0aDHzmrKncCc3fLQ%3D%3D
    und
    https://tarnkappe.info/e-book-piraterie-interview-mit-alexandra-elbakyan-von-sci-hub/

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