Was vom Tage übrig blieb: Digitalisierung in der Drogenbranche und Gleichberechtigung in Iran

In Mexiko digitalisieren Drogenkartelle ihr Business mit Spyware, die UNESCO fragt, warum Saudiarabien mehr Programmierinnen hat als Schweden und in Baltimore beißt eine Sicherheitslücke die Stadtverwaltung in den Arsch. Die besten Reste des Tages.

Entgegen unseren Wünschen bedecken graue Wolken den Berliner Himmel.

Wie Mexikos Kartelle ganze Städte überwachen (Spiegel)
Auch die organisierte Kriminalität kann Digitalisierung: Spiegel Online berichtet, dass mexikanische Drogenkartelle verstärkt auf den Einsatz von Videokameras, Spionagesoftware, Drohnen und eigene IT-Expert:innen setzen. So managen sie nicht nur eigene Operationen und Drogentransporte, sondern spähen auch Rivalen und Sicherheitskräfte aus und prüfen die Loyalität eigener Leute. Erst vergangene Woche soll ein Netzwerk von 62 Überwachungskameras in der mexikanischen Grenzstadt Reynosa zerschlagen worden sein, mit denen die Kartelle ihre Machenschaften überwachten.

NSA-Hackersoftware EternalBlue wird zum Bumerang (Zeit)
Es ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn staatliche Stellen bewusst Sicherheitslücken offenlassen: Die digitale öffentliche Verwaltung der US-Stadt Baltimore ist seit Wochen lahmgelegt und Bürger:innen können nicht einmal ihre Wasserrechnungen zahlen. Hacker nutzen dazu die Softwarelücke „EternalBlue“ aus und erpressen neben Baltimore noch weitere Städte, darunter San Antonio und Allentown. Die Lücke wurde von der NSA entdeckt und jahrelang vom Geheimdienst eingesetzt. Als 2017 der NSA die Informationen darüber abhanden kamen, führte dies zum weltweit größten Hack, bekannt als WannaCry, der unter anderem auch Teile der Deutschen Bahn lahmlegte. Dass nun Baltimore Opfer dieser an sich geschlossenen Sicherheitslücke wurde, liegt nicht nur daran, dass diese Hintertür offen gelassen wurde: Aus Geldmangel hatten die betroffenen Rechner seit zwei Jahren keine Sicherheitsupdates mehr bekommen.

Do You Know Which Nations Own Your Data? The U.S. Government Doesn’t (Bloomberg)
Geldgeber aus Russland, China und den Golf-Staaten investieren im großen Stil im Silicon Valley. Das Ausmaß ihres Einflusses bleibt aber wegen undurchsichtiger Firmengeflechte und fehlender Transparenzregeln meist unerkannt, berichtet Bloomberg. Chinesische Investoren könnten durch gezielte Beteiligungen nicht nur die Ausrichtung von Start-ups beeinflussen, sondern auch Zugang zu Technologie und Daten der Firmen erhalten, warnte zuletzt ein US-Regierungsbericht.

Snapchat Employees Abused Data Access to Spy on Users (Motherboard)
Jetzt hat auch Snapchat seinen eigenen Datenskandal: Motherboard berichtet, dass Angestellte ein internes Tool dazu missbrauchten, um auf private Daten von Nutzer*innen zuzugreifen. Genaueres über die konkreten Fälle ist vorerst unklar, aber der Bericht verstärkt denn Eindruck, dass private Nutzerdaten bei vielen Internetfirmen nicht ausreichend vor internem Missbrauch geschützt sind.

I’d blush if I could: closing gender divides in digital skills through education (UNESCO)
Was man definitiv in Fragen der Gleichberechtigung nicht so oft hört, ist der Satz: Nehmt euch mal ein Vorbild an Saudi-Arabien und Iran. Steht jetzt aber inhaltlich ziemlich genau so in einem Bericht der UNESCO zum Digital Skill Gap drin, also der ungleichen Verteilung von technischen Fähigkeiten entlang der Geschlechter. In dieser Hinsicht schneiden Norwegen, Schweden und andere vermeintlich paradiesisch gleichberechtigte Länder nämlich unterirdisch schlecht ab, während in arabischen Ländern Frauen oft die Hälfte der Tech-Absolventinnen ausmachen. Woran das liegt? Weiß leider kein Mensch, weil es noch nicht ausreichend erforscht ist. Klar ist nur: Der gleichberechtigte Zugang zu Bildung, Arbeit und politischen Ämtern scheint sich nicht in gleich viele Frauen in der IT zu übersetzen. Dass digitale Sprachassistent*innen vor allem weiblich kodiert sind, trägt in jedem Fall schon mal nicht dazu bei, mehr Mädchen und Frauen ins Feld zu locken, so der Bericht.

Die zehn prägenden Köpfe der deutschen KI-Geschichte
Wenn man sich das ganze Gerede von der so genannten „Künstlichen Intelligenz“ anhört, wirkt es als sei das irgendwie ganz was neues. Dabei hat die Forschung an KI in Deutschland eine lange Tradition, und ja, dabei geht es um mehr als maschinelles Lernen. Weil die mantraartige Wiederholung dieses Umstandes Forscher*innen aus dem Feld langsam den letzten Nerv kostet, hat die Gesellschaft für Informatik jetzt mit Hilfe einer Expert*innenjury die „zehn führenden Köpfe“ der KI-Forschung in Deutschland gekürt und dazu noch gleich die „zehn bedeutenden Technologien“. Dass sich in der Liste nur zwei Frauen finden, bedauert GI-Vizepräsidentin und Jurymitglied Christine Regitz: „Die Auswahl reflektiert den bis heute anhaltenden Mangel an Frauen in der Informatik. Im Sinne der GI-Satzung, welche die faktische Gleichstellung von Frauen in der IT fordert, muss das Ergebnis Ansporn sein, die KI-Geschichte zusammen mit mehr Frauen fortzuschreiben.“

Facebook defends decision to leave up fake Pelosi video and says users should make up their own minds (Washington Post)
„Wir sind im Social-Media-Geschäft, nicht im News-Geschäft“, begründete die ranghohe Facebook-Managerin Monika Bickert die Entscheidung, ein manipuliertes und millionenfach gesehenes Video nicht von der Plattform zu entfernen. Die verlangsamte Aufnahme zeigt die demokratische Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, und suggeriert, die kalifornische Abgeordnete wäre betrunken oder sonstwie beeinträchtigt. Stattdessen verlangsamt Facebook laut Eigenaussage die Verbreitung und blendet zudem Hinweise von Fact-Checkern ein, was das Problem vielleicht, vielleicht auch nicht, lösen soll. Menschen müssten selbst entscheiden, was sie glauben, sagte Bickert, und: „Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass [Nutzer] korrekte Informationen erhalten“. Aha. Im Unterschied zum Anwalt und engen Trump-Berater Rudy Giuliani teilte der US-Präsident das Video nicht mit seiner Twitter-Gefolgschaft, sondern verbreitete beinahe zeitgleich ein anderes, ebenfalls leicht manipuliertes und irreführendes Pelosi-Video. Dieses schlägt in die selbe Kerbe und soll das Narrativ weiterspinnen, Pelosi und die Demokraten insgesamt wären unzurechnungsfähig. Wer braucht schon Deep Fakes, wenn sich auch mit simplen Eingriffen ordentlich Stimmung machen lässt!

Marktanalyse für Zugang zur „letzten Meile“ veröffentlicht (Bundesnetzagentur)
Die Regulierungsbehörde kommt in ihrem Entwurf einer Marktanalyse zum Schluss, die Telekom Deutschland verfüge weiterhin über eine beträchtliche Marktmacht im Internet-Festnetzbereich. Allerdings lasse sich die bisherige „ex-ante-Regulierung“, wie man sie aus dem Kupfernetz her kennt, nicht auf den neu zu schaffenden Glasfasermarkt übertragen. Solange ein diskriminierungsfreier Zugang von Wettbewerbern zur Glasfaser gewährleistet ist, heißt es in der Pressemitteilung, dann könne sich die Behörde „auf eine Regulierung ‚light‘ beschränken“. Was das genau heißt, wird sich wohl erst nach der Konsultationsphase gesichert sagen lassen. Der Branchenverband Vatm etwa spricht von einer bedenklichen Weichenstellung.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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