Studie

Mit mehr Internet fliegt Korruption eher auf – und das Misstrauen in Regierungen wächst

Der Aufbau von 3G-Mobilfunknetzen hat viele Menschen erstmals ins Internet gebracht. Forscher nutzten nun das seit 2008 angefallene Datenmaterial, um die Auswirkungen des verbesserten Zugangs zu Informationen auf das Vertrauen in das politische System zu untersuchen.

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Ein freier Internetzugang kann Transparenz schaffen und Korruption aufdecken – aber auch den Aufstieg populistischer Parteien fördern. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Bethany Legg

Mit einem verbesserten Internetzugang steigt das Misstrauen in staatliche Institutionen, hat eine jüngst veröffentlichte Studie herausgefunden. Zudem sollen Menschen eher wahrnehmen, dass ihre Regierungen korrupt wären – aber nur, wenn der Internetzugang frei und offen ist. Dieser Eindruck verstärke sich, wenn traditionelle Medien wie Zeitungen und Fernsehen zensiert werden, etwa in autoritären Systemen. Menschen wichen dann auf andere Informationskanäle wie eben das Internet aus, wenn es denn unzensiert zur Verfügung steht. In demokratischen Gesellschaften, heißt es in der Studie, hätte der Ausbau von 3G-Mobilfunknetzen den Stimmenanteil von populistischen Anti-Establishment-Parteien erhöht.

Der Studie liegen umfangreiche Daten aus dem Gallup World Poll (GWP) zugrunde. Hierbei werteten die Forscher aus Princeton und Paris die Antworten von über 840.000 Teilnehmern in 116 Ländern im Zeitraum von 2008 bis 2017 aus. In diese Spanne fällt der weltweite Ausbau von 3G-Netzen (sowie die Ausbreitung von modernen Smartphones und sozialen Netzwerken). Da dieser Ausbau schrittweise erfolgte, konnten die Forscher bestimmte Faktoren wie lokale Arbeitslosigkeitsraten oder „individuelle sozio-demographische Charakteristiken“ einbeziehen, um schließlich den Effekt des Internets in den Regionen direkt miteinander zu vergleichen.

Internetzugang klärt über Korruption auf

Im Schnitt, schreiben die Forscher, habe dies zu einer erhöhten Nutzung des Internets geführt. Im Zuge dessen sei in der Bevölkerung das Bewusstsein über Korruption gestiegen und gleichzeitig das Vertrauen in die eigene Regierung gesunken. Für autokratische Regime scheint die Schlussfolgerung klar zu sein: Einfach so viel wie möglich zensieren.

In freien und demokratischen Gesellschaften wiederum spielt das Internet ein wichtige Rolle dabei, die Öffentlichkeit über Korruptionsfälle zu informieren: „Wir zeigen, dass tatsächliche Fälle von Regierungskorruption mit einer höheren Wahrnehmung von Korruption in Zusammenhang gebracht wird, wenn es Zugang zu mobilem Internet gibt“, schreiben die Forscher. „In Summe legen die Resultate nahe, dass ein unzensuriertes Internet ein mächtiges Werkzeug dabei sein kann, politische Verantwortung herzustellen“.

Die Kehrseite dieser Entwicklung ist jedoch, dass dieser Mechanismus den Aufstieg populistischer Parteien, unabhängig von ihrer Ausrichtung, gefördert hätte. Dazu haben die Wissenschaftler 87 Wahlgänge in 30 europäischen Demokratien ausgewertet, in denen eine Klassifizierung von populistischen und nicht-populistischen Parteien vorgelegen sei. Das Internet habe dabei einerseits als Quelle für die Bevölkerung gedient, Informationen über die aktuelle Regierung einzuholen, andererseits Anti-Establishment-Politikern dabei geholfen, direkt zu ihren Wählern zu sprechen.

Die Studie bestätige damit bisherige wissenschaftliche Ergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen freiem Internetzugang und dem Bröckeln der Macht von Amtsinhabern herstellten. Dieser Effekt habe sich beispielsweise in Malaysia oder Südafrika gezeigt, wo das Internet alte Machtstrukturen aufgebrochen hätte.

Aufstieg von Populisten

In Europa, so würden zwei frühere Länderstudien nahelegen, habe ein verbesserten Internetzugang zunächst das politische Bewusstsein wie auch die Wahlbeteiligung gesenkt, weil politische Nachrichten von Unterhaltungsmeldungen verdrängt worden seien. Eine Folgestudie hätte jedoch gezeigt, dass es sich um einen temporären Effekt gehandelt habe: Mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke wäre später der elektorale Aufstieg der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung in Italien und der AfD in Deutschland zusammengefallen.

„Populistische Parteien, zumindest in Europa, haben von der wachsenden Unzufriedenheit mit Amtsinhabern politisch profitiert, gefördert durch die politische Information, die Wähler über das Internet erhalten“, heißt es in der Studie. „Da viele populistische Politiker in Europa dabei ertappt wurden, Desinformation zu streuen, suggerieren die Ergebnisse, dass das Internet ein Werkzeug dabei sein kann, die Öffentlichkeit sowohl zu informieren als auch zu desinformieren“, geben die Forscher zu bedenken.

In anderen Worten: Nicht jeder Skandal, der populistisch aufgeblasen wird, ist auch tatsächlich einer; gleichzeitig hilft ein offenes Internet dabei, echte Korruption aufzudecken und politische Verantwortung einzufordern. Sollte letzterer Effekt langfristig den ersteren übersteigen, dann wären dies gute Nachrichten für unsere Demokratie.

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