Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel: Wir müssen Wirtschaftswachstum anders messen

Eine führende Beraterin der Bundesregierung in Sachen Klimawandel hält das Bruttoinlandsprodukt für überholt. Im Gespräch mit netzpolitik.org erzählt die Ökonomin Maja Göpel, warum wir einen neuen Wachstumsbegriff brauchen – und wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit vereinbar gemacht werden können.

Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel bei der re:publica
Ökonomin Maja Göpel spricht bei unserer Konferenz „Das ist Netzpolitik!“ am 13. September CC-BY-SA 2.0 re:publica

Moderne Technologie, von Solaranlagen bis E-Autos, spielen eine Schlüsselrolle dabei, den Klimawandel zu besiegen. Zugleich steigert die Digitalisierung unseren Hunger nach Energie und Ressourcen immer weiter, wie der rapide wachsende Stromhunger von Rechenzentren deutlich macht. Sind technischer Fortschritt und Digitalisierung ein Wundermittel gegen die Klimaveränderung oder tragen sie gar dazu bei, die Katastrophe zu beschleunigen?

Antworten auf diese Zukunftsfrage gibt Maja Göpel. Die Ökonomin ist die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und Mitgründerin der Initiative Scientists for Future. Bei unserer „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz am 13. September in Berlin spricht sie zum Thema „Game over? Warum wir Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammen denken müssen“. Als Vorgeschmack haben wir ein Interview mit der Nachhaltigkeitsforscherin geführt.

netzpolitik.org: Sie meinten zuletzt in einem Interview mit dem Magazin t3n, dass CO₂-Emissionen eng mit wirtschaftlichem Wachstum gekoppelt sind. Je mehr Wirtschaftswachstum, desto schlechter für das Klima, könnte man also sagen. Zugleich braucht die Umstellung auf umweltfreundliche Technologien, etwa Stromerzeugung durch erneuerbare Energien, wiederum neuerlich große Investitionen und Anreize.

Gibt es da aus ihrer Sicht einen Widerspruch zwischen dem Ziel, rasch auf erneuerbare Energien umzustellen und zugleich mittelfristig die Erderwärmung nicht weiter anzuheizen? Kurzum: Können wir aus dem Klimawandel herauswachsen? Oder sollten wir wirtschaftliche Verlangsamung in Kauf nehmen, um Klimaziele zu erreichen?

Göpel: Ganz wichtig in dieser Frage ist, dass wir die Definition von Wachstum ernst nehmen. Was nicht mehr wachsen darf, beziehungsweise zurückgehen muss, ist das Ausmaß an Umweltverbrauch und Verschmutzung durch die Art des Wirtschaftens. Dazu zählt der zu hohe CO₂-Ausstoß, der in diesem Fall wie eine Übernutzung der Atmosphäre betrachtet werden kann, aber auch der Erhalt fruchtbarer Böden, der Artenvielfalt und intakter Wasserkreisläufe.

Beim nachhaltigen Wirtschaften reden wir also über einen tiefgreifenden Strukturwandel, für den es vernünftige Ziele und Indikatoren geben sollte. Im öffentlichen Diskurs denken beim Thema Wachstum immer alle an das Bruttoinlandsprodukt. Das zeigt erst einmal nur an, dass noch einmal mehr Geld als im Vorjahr über den Tisch gegangen ist.

Ob sich dahinter positive Entwicklungen oder Aufräumarbeiten nach einer Naturkatastrophe befinden, ist diesem Indikator egal. Deshalb wird es Zeit, die Grundlagen menschlichen Wohlergehens expliziter zu fassen und zu messen und Rahmenbedingungen, Anreize und Investitionen so zu setzen, dass dafür Lösungen mit deutlich niedrigerem Umweltverbrauch erfunden und verbreitet werden können. Ob das BIP dann weiter wächst oder schrumpft, sollte nicht Ziel, sondern empirisches Ergebnis dieses zukunftsorientierten Haushaltens sein.

netzpolitik.org: Spätestens seit dem Verbot der konventionellen Glühbirne vor zehn Jahren macht sich die Idee breit, dass der Ersatz von schmutzigen Technologien durch saubere eine Mittel zur Senkung von Emissionen darstellt. Im laufenden Wahlkampf in Österreich schlägt nun etwa die FPÖ vor, für Besitzer von alten, verschmutzenden Autos den Ankauf von saubereren Fahrzeugen finanziell zu unterstützen.

Wie sinnvoll ist es aus ihrer Sicht, durch öffentliche Investitionen die Umstellung auf Elektromobilität zu fördern?

Göpel: Die Idee ist schon viel älter und wird unter dem Begriff der Entkopplung diskutiert: Mehr aus weniger machen, also aus der gleichen Anzahl Stahl oder Kohle mehr bauen und heizen – und damit die relative Verschmutzung pro Serviceeinheit oder Produkt zu reduzieren.

Diese Effizienzstrategie ist sehr sinnvoll, aber eben nicht ausreichend. Denn die Produktion von vielen neuen Fahrzeugen braucht erst einmal auch sehr viel neue Energie und neue Materialien – im Fall von Elektroautos auch so einige seltene Erden.

In der Wissenschaft machen wir daher Lebenszyklusanalysen, die aufzeigen, ab wann es sich in der Gesamtbilanz lohnt, ein Auto oder auch einen Kühlschrank oder andere Geräte durch neue zu ersetzen. Denn die alten verschwinden ja auch nicht magisch vom Erdboden und die Recycling-Raten liegen noch weit unter dem Potential.

Weniger fahren, Autos teilen, Mobilität jenseits des motorisierten Individualverkehrs neu denken – das muss schon alles mit in die Gleichung. Sonst wirkt es eher wie eine grün angemalte Absatzsubvention für eine schwächelnden Branche.

netzpolitik.org: Im Silicon Valley gibt es eine Mentalität des Möglichmachens, Technik soll Probleme lösen und den Marsflug ebenso greifbar machen wie Hochgeschwindigkeitstransport durch unterirdische Autotunnel oder gar die Unsterblichkeit. Doch zu Lösungen für den Klimawandel haben die großen Technologiefirmen wie Google oder Amazon bisher wenig beigetragen, schrieb kürzlich ein Kolumnist der Financial Times.

Während sie viel experimentelle Projekte finanzieren, fließt nur wenig Geld der Tech-Giganten in die Entwicklung sauberer Technologie. Was können die großen Technologiefirmen tun, um den Klimawandel zu bekämpfen? Oder sind wir bei denen überhaupt an der richtigen Adresse?

Göpel: Die großen Technikkonzerne könnten eine Menge dazu beitragen. Dazu haben wir ja gerade ein Gutachten geschrieben. Nur tun sie es nicht, solange die Märkte ohne ausreichende Bepreisung von Umweltverbrauch quasi im Blindflug bleiben.

Innovationen werden damit primär durch kurzfristige Finanzgewinne und hohe Kaufkraft angetrieben. Bei den Gewinnen wirken sich Zahlungen für Umweltverbrauch oder die soziale Absicherung aller Mitarbeiter in der Regel aber negativ aus. Und mehr Bequemlichkeit und Automatisierung für wohlhabende, aber zeitarme Menschen schafft erst einmal weiteren Energiekonsum. Und so dreht sich die Maschine des Produzierens und Konsumierens immer schneller. Da müssen schon politische Rahmenbedingungen verändert werden, Märkte und Konzerne allein schaffen das nicht. Aber diese Rahmenbedingungen fallen nicht vom Himmel. Hier wäre Corporate Political Responsbility das Schlagwort.

Das komplette Programm unserer Konferenz ist hier zu finden.

Tickets sind noch im Vorverkauf erhältlich.

3 Ergänzungen
  1. Hi! Ein sehr interessantes und vor allem spannendes Thema; vor kurzem wurde in Neuseeland ein verändertes „BIP“ umgesetzt.
    Die Überschrift: „Neuseeland hat das erkannt und macht die Gesundheit und Zufriedenheit seiner Bürger zur Maßeinheit für Fortschritt. Vorhang auf für das »Wellbeing Budget«!“

    https://perspective-daily.de/article/882/j7xK1lMw

    In diesem Artikel von der Redaktion „Perspective Daily“ vom 23. Juli wird hierzu mehr erläutert.

  2. Wir alle denken in Richtung einer Optimierung für Produktionen und Umweltverbrauch nach. Die Kreisläufe für Kosten fuktionieren nicht für die Bevölkerung, da die Besteuerung auf Gewinne ungleich verteilt ist, Risiken und Kosten werden immer im Gießkannenprinzip erhoben und nicht nach dem Verursacherprinzip, Deutschland braucht eine höhere Kaufkraft für seine Bevölkerung. E-Motoren neben Wasserstoff-Motoren gleichzeitig einführen, damit das Portfolio breit aufgestellt ist.

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