Kultur

Zur netzpolitischen Dimension (10) der „PRISM is a Dancer Show“

In „PRISM is a Dancer“ outet Jan Böhmermann Studiogäste auf Basis ihrer Datenspuren im Netz. Dabei belegt die jüngste XXL-Ausgabe des Formats, wie sehr Netzkultur auch auf das Wagnis personenbezogener Öffentlichkeit angewiesen ist.

In der Serie „netzpolitische Dimension“ geht es um Themen, deren netzpolitische Relevanz sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt. Diesmal: „Die PRISM is a Dancer Show“, eine Spezialausgabe des Neo Magazin Royale.

Wir finanzieren uns zu fast 100 % aus Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende oder einem Dauerauftrag.

Eigentlich ist das Segment „PRISM is a Dancer“ nicht erst auf den zweiten Blick, sondern durch und durch netzpolitisch geprägt. Das „PRISM“ im Titel verweist, wie Jan Böhmermann auch in der jüngsten Folge kurz erklärt hat, auf das NSA-Programm zur Überwachung und Auswertung elektronischer Medien und elektronisch gespeicherter Daten. Auch die Idee, Studiogäste auf Basis ihrer öffentlich einsehbaren Internetpräsenz bloßzustellen und so die Zuschauer für Gefahren unüberlegt-digitaler Selbstdarstellung im Internet zu sensibilisieren, atmet fast schon zu sehr den Geist des öffentlich-rechtlichen Aufklärungs- und Bildungsauftrags.

Was könnte also angesichts der laufenden Debatte rund um den Datenskandal bei Facebook aktueller und angemessener sein, als eine Neuauflage der „PRISM is a Dancer Show“? Ganze neunzig Minuten lang enthüllen Jan Böhmermann und sein Team unter dem Motto #LassDichÜberwachen öffentliche Geheimnisse des vor Ort anwesenden Publikums. Das Ergebnis ist in mehrfacher Hinsicht sehenswert.

Da ist zum einen die diebische Freude Jan Böhmermanns bei jeder noch so kleinen Enthüllung. Da gibt es von langer Hand und mit prominenter Unterstützung geplante Einlagen wie den Auftritt von „Luisa & die Anderen“. Da dominieren eine satirische Ernsthaftigkeit und Liebe zum humoristischen Detail, die regelmäßig die besten Ausgaben des Neo Magazins auszeichnen. Vor allem aber werden die „Opfer“ aus dem Publikum nicht einfach in Stefan-Raab-Manier der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern letztlich respektvoll behandelt.

Mehr Öffentlichkeit wagen?

Das alles ist in der jüngsten XXL-Ausgabe von „PRISM is a Dancer“ besonders gut erkennbar, war aber auch schon in den Ausgaben davor typisch für das Format. Und darin steckt eine andere netzpolitische Botschaft, die sich vielleicht wirklich erst auf den zweiten Blick erschließt, aber gerade angesichts (vermeintlich) dystopischer Datenskandale besonders wichtig erscheint: die Vorzüge, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, was immer auch bedeutet, Öffentlichkeit zu wagen.

Das mit jeder noch so banal-digitalen Veröffentlichung verbundene (Rest-)Risiko, die Unsicherheit über die Rezeption eines Postings, die bis zu einem gewissen Grad unvermeidliche Preisgabe personenbezogener Daten bei Nutzung sozialer Medien sind auch Voraussetzung für überraschende Reaktionen, unerwartet kreative Wortschöpfungen, produktiven oder einfach nur unterhaltsamen Austausch. Die wenigsten werden für ein Facebook-Posting mit fünf Minuten Neo-Magazin-Royale-Ruhm belohnt. Nur Ausnahmetalente wie Stefanie Sargnagel schaffen es zur Bachmannpreisgekrönten Facebook-Literatin. Aber auf paradoxe Weise dokumentiert „PRISM is a Dancer“ die netzkulturellen Potentiale eines wertschätzend-respektvollen Umgangs mit personenbezogener Öffentlichkeit.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
18 Kommentare
  1. Offensichtlich wűrde Leonido auch bei der rituellen Verbrennung von Schnecken im Twitterstream eine positive kulturell bedeutete Transformation durch Vernetzung herbeifaseln. Vielleicht wäre nach Jahren der kulturellen Selbstbeschränkung auf 140 Zeichen und das starren auf Bildschirme mal ein Theater Besuch oder ähnliches angebracht.

    1. Das mit den Schnecken könnte kulturell aber durchaus wertvoll sein. Ich möchte nur an Patricia Highsmiths Abhandlung über rituelle Schneckenzucht: „Der Schneckenforscher“, ins Gedächtnis rufen. Das Medium ist doch sekundär?

  2. vielleicht gibts über die ’netzpolitische Dimension‘ von PRISM is a Dancer nicht allzuviel sagen. Aber irgendwie hatte ich nach der Überschrifft mehr erwartet, als einen Liebesbrief an das Neo Magazin Royal, der – wenn man die Klarstellung über die Verwendung des Begriffes PRISM weglässt- schon an Werbung grenzt. :\

    1. Ich kann mich dir nur anschließen und will es noch weiterausführen:
      Das Format „Prism is a Dancer“ vom Neo Magazin (damals noch ohne den Zusatz Royale) war meiner Meinung nach anfänglich witzig und ein humorvoller Umgang mit der Thematik, der auch auf dem Überraschungsmoment der Studiogäste basierte. Nach der x-ten Wiederholung, spätestens aber nach der ersten XXL-Ausgabe des Formats dürfte kaum ein Studiogast mehr von der Möglichkeit einer Enthüllung überrascht werden.
      Der respektvolle Umgang mit den öffentlich einsehbaren Spuren im Internet innerhalb der Sendung trägt meiner Meinung extrem zur Verharmlosung des gleichnamigen NSA-Programm (inzwischen wohl sicherlich umbenannt) bei. Das Problem sehe ich allerdings nicht in der Rubrik selbst, die mittlerweile ja wohl eher die Sensibilisierung im Umgang mit öffentlich geteilten Informationen im Netz als Ziel hat, als den humorvollen Umgang mit dem Skandal um ein weit darüber hinausgehendes staatliches Überwachungsprogramm.
      Deshalb kann ich euren Lobgesang auf „Prism is a Dancer“ nicht nachvollziehen. Ich dachte ich wäre hier auf netzpolitik.org und nicht auf bento.de …

  3. Ich verstehe echt nicht warum dieses Format gefeiert wird oder auch nur im geringsten positiv auf diese Seite hier aufgenommen wird. Ich finde es stellt das genaue Gegenteil zu Datenschutzmotivation dar indem es Leute durch positiven Ruhm die persönliche Informationen öffentlich stellen.
    Ich kann mir keineswegs vorstellen wie das Leute motivieren sollte sorgsamer mit ihre Daten um zu gehen. Es motiviert sie doch eher das genaue Gegenteil zu machen.

    Eine passende Sendung wäre wie man zum Beispiel durch herausgabe personenbezogener Daten jemanden in den Ruin treibt. Zum Beispiel postet jemand ins Internet, dass er für 2 Wochen nicht zuhause sein wird. Dann begleitet man als TV-Sender einen Obdachlosen wie der Obdachlose mit diese Info bem Urlauber einbricht, 2Wochen lang alles zumüllt und zerstört, Wertsachen alle zu Geld macht, das Geld für Drogen usw. verpulvert und nach 2 Wochen kommt der Urlauber wieder, trifft auf sein zerstörtes Heim, wird vom TV-Team dafür bloß gestellt, ausgelacht und ganz wichtig: Mit dem Schaden alleine Gelassen.
    Der Urlauber kann ja versuchen einen mittellosen Obdachlosen auf Schadenersatz zu verklagen. Bleibt also mit Sicherheit auf die Kosten sitzen.
    Und die Sendung endet einfach mit „Tjo, hätte der das besser nicht für jedermann sichtbar ins Internet gestellt. Was für ein Dummkopf“.

    1. Ja, den respektvollen Umgang mit den Studiogästen sehe ich auch kritisch. Abschreckende Beispiele können auf diese Weise gar nicht umgesetzt werden, sondern benötigen eher den Rahmen einer Dokumentation, die Verbrechen und betroffene Opfer interviewen.
      Humorvoller Umgang ja, aber der Drops mit „Prism is a Dancer“ sollte eigentlich längst gelutscht sein.
      Da Herrn Böhmermann seine eigene Privatsphäre sehr wichtig ist und sich ab und zu auch politisch äußert, sollte er sich seiner Verantwortung um den richtigen Umgang mit der Thematik bewusst sein.
      Allzu oft zeigt er ja auch Probleme bei anderen Themen auf, ohne diese ins Lächerliche zu ziehen.

    2. Ich glaube das nennt man im Juristenslang Anstiftung zu einer Straftat. Nettes Bild das Sie von Menschen in prikären Lebenslagen da zementieren. Natürlich sind Menschen, die keine Wohnung haben Kriminell und drogensüchtig … alles klar.
      Ein Tipp, falls Sie das nächste mal einen Handlanger brauchen, wänden Sie sich doch einfach an die örtliche Wohnungslosenhilfe dann müssen Sie auch nicht in so liederlichen Gossen nach den kriminellen Elementen suchen.

  4. Auf Grund des Artikels habe ich gestern dann tatsächlich das erste Mal eine Böhmermann-Sendung fast komplett angeschaut. (Wie hinterhältig, diese Werbung) Du hast die Sendung gut und richtig beschrieben. Ich fand Sie im Rahmen des Formats auch ok.

    Wir tummeln uns hier in unserer „Nerd“-Blase, aber genau diese Art von Sensibilisierung ist imho bei den „DAUs“ doch notwendig. Von mir aus auf trivialer Ebene. Hauptsache es bleibt irgendetwas etwas hängen. Wenn wir etwas erzählen winken viele doch ab, steigen aus … oder verstehen es erst überhaupt nicht.

    Ich denke bei den Zuschauern bleibt auf jeden Fall mehr hängen als: Böhmi trollt Facebook-User. Von daher sehe ich das nicht so negativ wie die meisten hier.

  5. Grade bei diesem Format schwebt der Geist von Peter Frankenfeld durch das Studio. Ich hab noch so einen Röhren-Televisor, wo man das sehen kann.

  6. Ich versehe diese tendenziöse Wortmeldung von leonido mal mit dem Etikett

    Anzeige

    Vielleicht kann so der berechtigte Vorwurf der Kritiker, dass es sich bei diesem Advertorial gar um Schleichwerbung handeln würde, ein wenig entschärft werden.

    1. Worum gehts? Und warum sollte das eine Anzeige sein? Weil Leonhard ehrenamtlich im ZDF-Fernsehrat sitzt? Wir haben schon öfters Neo Magazine Royale empfohlen, wenn dort spannende netzpolitisch-relevante Fragestellungen vorkamen. Und wir haben dafür nie Geld vom ZDF bekommen.

  7. Ich teile die Auffassung, dass PRISM is a Dancer an und für sich eine gute Sache wäre, wenn es nicht allzu verharmlosend mit der Thematik der Massenüberwachung umginge. Wenn „Kandidaten“ Preise, Ruhm oder Auftritte mit ihrer Lieblingsband bekommen, weil sie „zu viel“ über sich Preis gegeben haben, dann teile ich die Befürchtung, dass es eher Fehlanreize setzt und man sogar die Frage stellen muss, ob es nicht sogar zu einer Motivation für die Besucher werden könnte die Sendung live zu besuchen.

    Dass ein gewisses Niveau nicht unterschritten wird und Leute insgesamt fair und respektvoll behandelt werden, ist notwendig. Der Wunsch mancher hier, die offenbar lieber gedemütigte Leute sehen würden, ist kleinkariert und unverantwortlich. Niemand würde es verantworten wollen damit jemanden in die Suizidät zu treiben.

    Was dem Format dennoch fehlt ist eine „Antithese“ bzw. eine echte Konfrontation mit der Frage welche Konsequenzen die Preisgabe ernsthaft haben könnte. Man könnte sich hier leicht an „Verstehen Sie Spaß“ orientieren um die Kandidaten im Vorfeld ohne ihr Wissen in Situationen bringen, die ihnen deutlicher vor Augen führt, was auf dem Spiel steht.

    Dazu stelle ich mir Plots vor wie z.B. eine Neo-Pozilei, die eine harmlose „Verkehrskontrolle“ durchführt, bei der die Leute aufgrund ihres Verhaltens „politisch“ bewertet werden (wie Verstehen Sie Spaß? zeigt könnte es da locker so Skurril zu gehen, dass Harmlosigkeiten „hochstilisiert“ werden) worauf hin sie mit auf’s „Revier“ genommen werden. Dann meldet sich ein Anwalt und auf der anderen Seite wird entsprechendes Knacken in die Leitung eingespielt, etc. Man könnte die Plots locker variieren – es muss nicht immer die böse Polizei sein. Wichtig wäre einfach eine wirklich beklemmende Situation zu schaffen, die man am Ende positiv auflöst.

    Insofern ist mein Fazit: gut, dass überhaupt eine Sendung im ÖR das Thema aufgreift, schlecht, dass es auf zu harmlose Weise geschieht und man nicht in der Lage ist, die passenden, schon vorhandenen Formate in den eigenen Häusern in den Kontext des Themas zu stellen, sie weiter zu entwickeln und auf eine jüngere Zielgruppe anzupassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.