Seit dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi Anfang Oktober berichtet die internationale Presse von der Einschüchterungskampagne der saudi-arabischen Regierung gegen regierungskritische Journalisten und Autoren. Die New York Times veröffentlichte jetzt die Zusammenhänge dieses Online-Feldzugs gegen Regierungskritiker und dem Mord an Jamal Khashoggi. Über Twitter soll eine von der Regierung zusammengestellte sogenannte „Troll-Armee“ Kritiker wie Khashoggi bedroht haben. Unter einer Troll-Armee versteht man eine organisierte Gruppe von Individuen, die mit Hilfe von Postings, Kommentaren und Nachrichten über Sockenpuppen-Accounts gezielt das Meinungsbild auf Online-Plattformen beeinflussen.
Aus dem Artikel der New York Times dazu:
Khashoggis Online-Angreifer waren Teil eines breit angelegten Einsatzes, der durch den Kronprinzen Mohammed bin Salman und seine engen Berater angewiesen wurde, um Kritiker sowohl innerhalb von Saudi-Arabien als auch im Ausland zum Schweigen zu bringen. Hunderte von Menschen arbeiten auf sogenannten Troll-Farmen in Riad daran, die Stimmen von Dissidenten wie Khashoggi zu ersticken. Dieser energische Angriff scheint außerdem die Ausbildung – zuvor noch nicht berichtet – eines saudi-arabischen Twitter-Angestellten einzuschließen. Westliche Geheimdienste hatten den Angestellten verdächtigt, User-Accounts auszuspionieren und damit die saudi-arabischen Regierung zu unterstützen.
Twitter als demokratischer Hoffnungsträger wird zur Waffe der Regierung
Twitter ist in Saudi-Arabien seit dem Arabischen Frühling 2010 eine viel genutzte Plattform, die insbesondere bei der Verbreitung von Nachrichten eine tragende Rolle spielt. Die Hoffnung, die Plattform würde die politische Debatte in Saudi-Arabien demokratisieren, schlug allerdings in die Erkenntnis um, dass sie von der Regierung genutzt wird, um kritische Stimmen zu identifizieren und gegen diese vorzugehen, fasst der Bericht der New York Times zusammen.
Bereits 2015 war Twitter auf eine mögliche Strategie aufmerksam geworden, über die User-Accounts infiltriert werden sollten. Die New York Times berichtet, dass Twitter Mitteilung von westlichen Geheimdiensten erhielt, dass die saudi-arabischen Behörden den Twitter-Angestellten Ali Alzabarah damit beauftragt hatten, u. a. die Accounts von Dissidenten auszuspionieren.
Trotz mangelnder Beweislage wurde Alzabarah im Dezember 2015 entlassen. Twitter verschickte Sicherheitsmitteilungen an möglicherweise kompromittierte Accounts, darunter viele Accounts von Sicherheits- und DatenschutzforscherInnen, ÜberwachungsspezialistInnen, PolitikwissenschaftlerInnen und JournalistInnen. Viele von ihnen waren auch an dem Tor-Projekt beteiligt und unterstützten damit die anonyme Kommunikation beispielsweise von Regierungskritikern.
Bericht von McKinsey lenkte Aufmerksamkeit auf kritische Stimmen
Eine tragende Rolle in dieser Image-Kampagne des saudi-arabischen Königreichs soll laut dem Artikel der New York Times ein Bericht der Unternehmensberatung McKinsey & Company gespielt haben. Nachdem die Regierung 2015 Sparmaßnahmen angekündigt hatte, um den geringen Öl-Preisen entgegenzusteuern, habe McKinsey einen neunseitigen Bericht über die öffentliche Wahrnehmung dieses politischen Kurses zusammengestellt. Eine Kopie dieses Berichts liegt der New York Times vor. Trotz der Vielzahl an Tweets, die zu einer solchen Debatte beigesteuert werden, könne man die einflussreichsten Accounts häufig auf ein paar Hundert oder Tausend beziffern, gegen die dann z. B. mit einer Troll-Armee gezielt vorgegangen werden kann.
Das Ergebnis des McKinsey-Berichts: Auf Twitter wurden die Sparmaßnahmen doppelt so häufig erwähnt wie in den traditionellen saudi-arabischen Medien und Blogs. Die negative Berichterstattung hätte dabei positive Stimmen eindeutig übertönt. Der Bericht soll laut New York Times ferner drei Personen identifizieren, welche die Debatte auf Twitter maßgeblich gesteuert haben sollen:
Drei Menschen haben die Konversation auf Twitter gesteuert, fand das Unternehmen [McKinsey] heraus: Der Autor Khalid al-Alkami, der junge, in Kanada lebende Dissident Mr. Abdulaziz und ein anonymer Nutzer, der sich ‚Ahmad‘ nannte. Nachdem der Bericht herausgekommen war, wurde Mr. Alkami verhaftet, berichtet die Menschenrechtsorganisation ALQST. Mr. Abdulaziz gab an, saudi-arabische Regierungsbeamten hätten zwei seiner Brüder verhaftet und sein Handy gehackt, was von einem Wissenschaftler des Citizen Labs bestätigt wurde. Ahmad, der anonyme Nutzer-Account wurde gelöscht.
Ausweichende Stellungnahme von McKinsey
Omar Abdulaziz hatte laut New York Times seinerseits von Kanada aus eine Gruppe von Freiwilligen namens „Electronic Bees“ mobilisiert, um sich gegen die Troll-Armee der Regierung zu wehren. Abdulaziz habe im September von Jamal Khashoggi 5.000 Dollar erhalten. Elf Tage bevor Khashoggi ermordet wurde, twitterte dieser außerdem, dass die „Bees“ kommen würden. Den gesamten Bericht der New York Times gibt es hier.
Auf Twitter veröffentlichte McKinsey eine Stellungnahme zu dem Geschehen. Der Bericht sei für interne Zwecke gedacht gewesen. Die verwendeten Daten seien öffentlich zugänglich gewesen und der Bericht nicht für eine Regierungseinheit intendiert gewesen. Trotzdem würden derzeit Untersuchungen angestellt, ob und mit wem der Bericht geteilt worden ist:
