Youtube ergreift im Kampf gegen politische Propaganda von Terrorgruppen weitere Maßnahmen. Das Unternehmen kündigte unlängst im firmeneigenen Blog an, dass es von nun an auf bestimmte englischsprachige Suchanfragen reagiert, indem es extra zusammengestellte Wiedergabelisten von bereits vorhandenen Videos anzeigt, die der Rekrutierung des islamischen Staates und anderen terroristischen Gruppen entgegenstehen sollen. Es handelt sich dabei um eine Art automatisierte Gegenrede mit dem Zweck der politischen Beeinflussung.
Schon im vergangenen September hatte das zum Google-Konzern gehörende Unternehmen Jigsaw zusammen mit Partnern die sogenannte Redirect-Methode vorgestellt. Die funktioniert in etwa so:
Um die normalen Nachrichtenkonsumenten von den IS-Sympathisanten zu trennen, wird versucht die Suchbegriffe der Mainstream-Interessierten und die der Sympathisanten zu identifizieren. Stark vereinfacht gesagt: Wer nach dem „Islamischen Staat“ generell sucht, fällt in die Mainstreamgruppe, wer speziell nach dem IS-Medium „Al-Hayat“ sucht, kommt in die Sympathisantengruppe. Den Sympathisanten und damit den potenziellen Rekruten zeigte Google dann in der Versuchsanordnung bestimmte Werbelinks und Videovorschläge auf Youtube. Die vorgeschlagenen Inhalte sind dann zum Beispiel Videos, die den Propagandazielen des IS entgegenliefen.
Nun soll das Projekt wirklich auf Youtube übertragen werden, zuerst mit englischen Suchbegriffen, dann aber auch in anderen Sprachen. Der Erfolg soll daran gemessen werden, wie oft und wie lange die kuratierten Anti-Terrorvideos von der Zielgruppe angesehen werden, sagte das Unternehmen gegenüber The Verge.
Die Gefahr politischer Beeinflussung
Das Konzept der politischen Beeinflussung von Menschen durch das Ausspielen von kuratierten Youtube-Playlists, basierend auf deren Such- und Browsingverhaltens, wirft zahlreiche Fragen auf. Wie das Forschungsprojekt schon vergangenen September zeigte, richtet es sich nicht nur gegen Sympathisanten der überall abgelehnten IS-Terroristen, sondern wurde früh auf andere Zielgruppen ausgeweitet. In der Testphase hatten die Projektpartner angekündigt (Mitschnitt), dass sie die Methode auch gegen gewalttätigen Rechtsextremismus einsetzen wollten.
Machen wir ein Gedankenspiel und drehen ein bisschen an der dystopischen Schraube, um das Problem zu verdeutlichen: Wäre derjenige, der im Vorfeld eines Gipfels nach „Protest G20 Autonome“ sucht, schon ein potenzieller Gewalttäter, der vom Protest abgehalten werden sollte? Und wäre diejenige, die morgens in der U‑Bahn nach „Schere zwischen Arm und Reich“ sucht, in der Logik der De-Radikalisierung nicht schon eine potenziell gefährliche „Kapitalismuskritikerin“? Bekommen diese User dann Videos vorgeschlagen, welche Interviews mit geläuterten verurteilten Steinewerfern zeigen oder die Vorteile der freien Marktwirtschaft anpreisen?
Elementare Fragen nicht beantwortet
Wer nach „Schwangerschaftsabbruch durchführen“ sucht, könnte ja in Ländern wie Polen oder Guatemala bald kuratierte Videos bekommen, welche sich gegen eine Abtreibung aussprechen. Und wird, wer in Zukunft nach irgendwelchen Drogen sucht, dann nur noch Präventionsfilme vorgeschlagen bekommen? Und wer nach kalorienhaltigen Torten googelt, erhält die besten Tipps für eine gesunde und fettfreie Ernährung?
Diese Gedanken sind in jede politische und gesellschaftliche Richtung denkbar. Es geht um nichts weniger als die Umkehrung der Suchfunktion zur Bekehrung der Suchenden.
Das führt uns bei diesem von Youtube nun angewandten Konzept der politischen Beeinflussung und Prävention zu elementaren Fragen, die nicht beantwortet sind:
- Was ist eigentlich Extremismus und gegen wen soll „De-Radikalisierung“ eingesetzt werden?
- Wer darf Extremismus und die Zielgruppen definieren?
- Wer kontrolliert eigentlich den Einsatz solcher Techniken?
- Sollten solche Algorithmen offengelegt werden, um Missbrauch zu verhindern?
Der jetzige Vorschlag von Youtube mag gut gemeint sein, das ganze Konzept jedoch ist problematisch. Unternehmen können mit ihrer Werbe- und Meinungsmacht solche algorithmischen Kampagnen politischer Beeinflussung jederzeit starten. Die jetzige Kampagne gegen die Rekrutierung des IS-Terrorismus entsteht offenbar durch den politischen Druck staatlicher Akteure. Denkbar sind aber auch Kampagnen für eigene Unternehmensinteressen. Oder für die Interessen derer, die dafür das meiste Geld bezahlen. Dieses neue Feld ist bislang vor allem eines: intransparent, unreguliert und gefährlich.
